Wildeck Wilfried Gliem ist auf den Hund gekommen. Seit ein paar Monaten wackelt Bella Butterfly, die braun-weiße Piebald-Dackeldame, durch das Haus am Ortsrand von Wildeck-Hönebach. „Ich denke Tag und Nacht nur noch an den Hund“, sagt der 64-jährige Hesse. Seine Augen strahlen. „Unser Rentnerhund“, erklärt Ehefrau Elke, 61.
Von Ruhestand ist bei Musikant Gliem wenig zu spüren, auch wenn er erstmals seit 20 Jahren die fürs Geschäft so wichtige Adventszeit nicht auf Tournee verbracht hat. Der Veranstalter hatte die fest gebuchten Auftritte mit Sangesbruder Wolfgang Schwalm, 56, kurzfristig abgesagt. Wegen mangelnder Nachfrage? Dazu will Gliem nichts sagen.
Seit zwei Jahrzehnten schunkelt sich das korpulente Duo – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Wildecker Herzbuben – in die Herzen der meist älteren Fans. Mit Sprüchen wie „das beliebteste hessische Volksmusik-Duo“ oder „die zwei Pfundskerle“ wirbt ihre Plattenfirma für das Tandem, das zusammen mehr als 350 Kilogramm auf die Waage bringt.
Doch in letzter Zeit sind dunkle Wolken über die erfolgsverwöhnten Wildecker Herzbuben und die Volksmusikanten-Schar aufgezogen. Der CD-Verkauf ist eingebrochen, die Zahl der Tourneen geht zurück und unter den Anhängern fehlt der Nachwuchs. Damit nicht genug: Seit der volkstümlichen Musik mit dem Fernsehen die wichtigste Werbeplattform wegzubrechen droht, geht die Angst um. Nach dem Aus für die „Lustigen Musikanten“ 2007 wurde im September ein weiteres Flaggschiff, der „Grand Prix der Volksmusik“, aus den öffentlich-rechtlichen Programmen geworfen. Nun fühlt sich die Branche von den Sendern im Stich gelassen, die, so der Vorwurf, nur noch die Quoten und die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen vor Augen hätten.
Auch die Wildecker Herzbuben bekommen diese Entwicklung deutlich zu spüren. Zu Spitzenzeiten in den neunziger Jahren hatte das Duo 370 Auftritte pro Jahr. Heute sind es noch knapp 100. „Man wird zwangsläufig nervös, wenn man nicht mehr so viel Arbeit hat“, sagt Gliem. Bisher haben sie rund fünf Millionen Platten verkauft. „An meinem Haus steht a Bankerl, da sitz i gern und trink mein Wein…“ Strophen wie diese klingen einfältig, doch die Fans mögen es. „Ich halte die Texte für gedankenlos“, gibt Gliem zu. „Wir vermitteln keine Botschaft. Wir versuchen, die Leute in bessere Stimmung zu versetzen. Volkstümliche Musik ist Entertainment. Wir sind Schauspieler.“
Die Großen der Szene verdienen noch gut
Auch wenn der ganz große Spaß vorbei ist, verdienen die Stars der Szene wie Hansi Hinterseer, Andy Borg oder eben die Wildecker Herzbuben immer noch gut am Geschäft mit der heilen Welt. Problematisch ist es vor allem für die in der dritten und vierten Reihe. Viele Musiker mussten in ihre Berufe zurückkehren, weil sie von Auftritten und Plattenverkäufen nicht mehr leben konnten. „Ich kann doch nicht dieselbe Crème de la crème immer wieder im Fernsehen präsentieren“, sagt Gliem. Das größte Problem betreffe den Nachwuchs. „Solange nur im grauen Brei rumgerührt wird, passiert nichts. Wir brauchen etwas Besonderes.“ Auf der Bühne, fügt Wolfgang Schwalm hinzu, sehe man immer nur dieselben Gesichter – 40 Interpreten aus Deutschland, dazu einige aus Österreich und Südtirol. Kein Wunder, dass die Zuschauer irgendwann mal genug hätten.
Kritik kommt auch aus Salzburg, wo Karl Moik seinen „Pensionisten“-Abend verbringt. „Der Markt ist total überladen. Allzu viel ist ungesund“, wettert der Gründer des „Musikantenstadls“, den ARD und ORF 2005 aufs Abstellgleis schickten. Die Krise sei selbst verschuldet. „Die Zeiten, wo der Stadl 12000 Leute in die Berliner Deutschlandhalle lockte, sind vorbei.“
Ist das Umdenken bei den Öffentlich-Rechtlichen der Anfang vom Ende der TV-Dauerpräsenz? Die Dortmunder Musikwissenschaftlerin Mechthild von Schoenebeck glaubt nicht daran. Die Fans stünden treu zur Musik und zu den Musikern. „Volkstümlichen Schlager wird es in irgendeiner Form immer geben. Er wird neu verpackt und für neue Hörerschichten aufbereitet. Die Leute werden immer ein Bedürfnis und eine Sehnsucht nach Heimat und heiler Welt haben.“
„Herzbube“ Schwalm sieht das so: „Wenn wir die Menschen für zwei, drei Stunden aus ihrem tristen Alltag rausreißen und ablenken, sodass sie hinterher sagen, das war klasse, ist es das Tollste, was wir als Künstler erreichen können.“ Der durchschnittliche Fan ist weiblich, fünfzig plus und sucht Ablenkung und Entspannung in „strukturell einfacher Musik“. Das sagt Martin Lücke, Musikwissenschaftler an der Hochschule für Medien und Kommunikation in München.
Dort ist auch der Medienunternehmer Hans R. Beierlein zuhause. Er hat die Branche groß gemacht und versteht die ganze Aufregung um die „Heile-Welt-Lüge“ in der volkstümlichen Musik nicht. „Sollen die etwa über Taliban singen statt über Brückerl und Bacherl?“, fragt er im Gespräch mit dem Spiegel. Volkstümliche Musik – das ist Musik mit Ersatzstoffen und Geschmacksverstärkern. Mit echter Volksmusik, sagen Kritiker, habe das nichts zu tun. Hans Well von der Kultgruppe Biermösl Blosn etwa findet, dass das Genre rein aus Heimatklischees besteht. Es lebe von der Sehnsucht des Publikums nach der Illusion einer heilen Welt.
Einst sang er auf Dorffesten, in Hallen und Gasthöfen
Die Wildecker Herzbuben sind zwei der wenigen Vollblutmusiker in der Szene. „Wir haben in 36 Jahren, in denen wir musizieren, alles gespielt – Schlager, Festzeltmusik, Pop“, erzählt Gliem. Er arbeitete bis 1987 als Versicherungskaufmann. In der Freizeit tourte er durchs Land, sang auf Dorffesten, in Hallen und Gasthöfen. Elektroinstallateur Schwalm, der bis 1990 als Abteilungsleiter in einem Elektrogroßhandel jobbte, lernte er 1974 kennen. Als die „Curocas“ begleiteten sie Schlagersänger G. G. Anderson und Roy Black. 1990 kam mit „Herzilein“ die Wende. Neben Stefanie Hertels „So a Stückerl heile Welt“ ist es die Hymne der volkstümlichen Musik. „Herzilein. Du musst nicht traurig sein…“ Dass der Ohrwurm bei manchem Spott auslöst, lässt Gliem kalt. „Pseudointellektuelles Gerede. Ich glaube an das, was ich singe.“
Durch das Terrassenfenster in der Wohnküche von Familie Gliem geht der Blick über den akkurat gepflegten Garten auf das Feld hinterm Haus. Nur 200 Meter entfernt verlief die innerdeutsche Grenze. Im Hintergrund dudelt Popmusik. Gliem sitzt auf einem Hocker und zieht an einer Zigarette. Natürlich denke er manchmal an die Krise. Aber das Ende der beiden TV-Sendungen sei abzusehen gewesen, sagt er, und atmet den Rauch aus. „Seit den Neunzigern ist das Angebot explodiert. Das war zu viel.“
Dass es auch unter Volksmusikanten Künstler gibt, die mit dem Rummel nicht zurechtkommen, hält Experte Lücke für normal. „Das gibt es hier nicht mehr oder weniger als anderswo.“ Die Wildecker Herzbuben sind dafür das beste Beispiel. Während Gliem glücklich verheiratet und Vater von vier Kindern ist, hat Schwalm harte Zeiten hinter sich. 2005 trennte er sich nach 31 Ehejahren von seiner Frau, mit der er drei Kinder hat. Ein Jahr später musste er Insolvenz anmelden.
Was Professionalität angeht, ist die Schunkelbranche allerdings vorbildlich. „Es wird raffiniert ausgetestet, was beim Publikum ankommt und was nicht. Das sind absolute Könner“, sagt von Schoenebeck. Um sich langfristig im Showbetrieb zu behaupten, muss die Branche aber ein jüngeres Publikum anlocken. Lücke glaubt an die Wandlungsfähigkeit: „Diese Musik wird die Krise überstehen, und sie wird es auch in zehn Jahren noch geben, weil sie eine Nische ausfüllt und feste Fankreise hat.“
Das hoffen auch die Wildecker Herzbuben, die ihr Markenzeichen, die Schwälmer Tracht, noch nicht in den Schrank hängen wollen. „Ich hätte nichts dagegen“, sagt Gliem, „wenn ich 100 bin, Wolfgang 92 und wir auf der Bühne tot umfallen.“