Von Margot Sylvia Ruf
Buttenwiesen Sie hießen Ludwig Hummel oder Ida Fuchs, Lina Müller oder Hermann Frank, waren Binswanger oder Buttenwiesener Bürger und fuhren vor 70 Jahren, als sie am Bahnhof in Buttenwiesen nur mit dem Allernötigsten ausgestattet in einen Deportationszug steigen mussten, ins Verderben. Unter ihnen war auch der siebenjährige Erwin Lammfromm, von dem heute noch ein Foto im winzigen Matrosenanzug existiert. An ihn und die anderen Menschen jüdischen Glaubens aus Buttenwiesen und Binswangen, 42 an der Zahl, die später im polnischen Piaski der Vernichtung anheim fielen, wurde am Sonntagabend in der Zusamtalgemeinde in einer eindrucksvollen und würdigen Feier gedacht.
Eingeladen hatten die Gemeinde Buttenwiesen und der Förderkreis Synagoge Binswangen, um der Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu gedenken und Zeichen gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass zu setzen. Der langjährige Kommunalpolitiker Ulrich Käsbohrer war gerade einmal zwölf Jahre alt, als er den traurigen Abschied der jüdischen Mitbürger mit ansehen musste und noch nicht verstand, was da Schreckliches mit den Menschen aus seinem heimatlichen Umfeld geschah. Auch er kam wie zahlreiche andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Kirche und Kommunen, Kreistag, Schule, Vereinen, Kultur und Bürgerschaft auf den Schulplatz, wo die Gedenkfeier veranstaltet wurde. 42 Windlichter mit den Namen der jüdischen Menschen, die vor 70 Jahren ihren Weg in den Tod am Buttenwiesener Bahnhof antreten mussten, leuchteten in die anbrechende Nacht hinein. Die Musikkapelle Hans Fischer – Zusamtaler Musikanten sowie das Männerensemble Binswangen-Höchstädt gaben der Veranstaltung, zu der rund 200 Menschen gekommen waren, den würdigen Rahmen.
„Die Deportation der Juden im Jahre 1942 ist Mahnung für die Gegenwart“, überschrieb Buttenwiesens Bürgermeister Norbert Beutmüller seine nachdenkliche Rede. Der 1. April vor 70 Jahren gehöre zu den schlimmsten Tagen nicht nur in der Zusamtalgemeinde, sondern auch in Binswangen blendete das Gemeindeoberhaupt zurück. Der Rassenhass der Nationalsozialisten habe keine Rücksicht darauf genommen, dass die jüdischen Mitbürger in ihren Heimatorten engagierte Mitbürger waren, die dem Gemeinwohl vielfältig dienten. „Auch in unseren beiden Dörfern hatten die Juden darunter zu leiden“, erinnerte Beutmüller. Es habe vielfältige Zeichen der Herabwürdigung im Vorfeld der Deportation gegeben und Binswangen und Buttenwiesen würden heute zu ihrer Verantwortung stehen, versicherte der Bürgermeister. Das Leid der Opfer des Holocausts dürfe niemals in Vergessenheit geraten und müsse dazu führen, dass in Deutschland die Zukunft von Toleranz, Solidarität und Miteinander geprägt werde, damit rechtsextremes Gedankengut keine Chance erhalte, appellierte das Gemeindeoberhaupt.
In Vertretung von Landrat Leo Schrell sprach der ehemalige Oberbürgermeister von Dillingen, Hans Jürgen Weigl bei der Gedenkfeier. Er erinnerte an die vielen jüdischen Mitbürger, die Jahrhunderte lang im Landkreis Dillingen ansässig waren und ihn in verschiedensten Funktionen mitprägten. Erschüttert habe er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem anlässlich einer Israelreise auch die Namen ermordeter Juden aus Dillingen und Buttenwiesen gelesen, berichtete Weigl. Unter den 1,5 Millionen getöteter Kinder seien auch acht aus Buttenwiesen gewesen, wurde von dem Kommunalpolitiker erinnert. Weigl blendete jedoch auch in die Gegenwart und stellte fest, dass die Statistik heutzutage offiziell von 48 Morden von Rechtsextremisten durchgeführt spreche. Andere würden gar von 148 Tötungen ausgehen, die ein alarmierendes Zeichen seien. Alle Demokraten seien heute aufgefordert, klare Bekenntnisse gegen unheilvolle Strömungen zu setzen.
Bei der Gedenkfeier wurden dann die Namen der deportierten jüdischen Mitbürger durch Michael Hahn aus Buttenwiesen und Johann Urban aus Binswangen verlesen. Marjan Abramovitsch, stellvertretender Leiter der Kulturabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, sprach ein Kaddisch-Gebet, bevor sich der Zug zum Bahnhof in Buttenwiesen formierte. Auch der Wertinger Bürgermeister Willy Lehmeier und Gertrud Kellermann von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Augsburg hatten sich eingereiht. Gemeinderäte aus Binswangen und Buttenwiesen sowie andere Bürger, unter ihnen Bürgermeister Anton Winkler (Binswangen), trugen die Erinnerungslichter zum Bahnhofsvorplatz. Stadtpfarrer Rupert Ostermayer aus Wertingen, Pfarrer Thomas Schilling von der Pfarreiengemeinschaft Unterthürheim und Gerlinde Schindler-Schneller von der Evangelischen Kirchengemeinde Wertingen sprachen dort besinnliche Texte, bevor Anton Kapfer vom Förderkreis Synagoge Binswangen das letzte Wort hatte.