Auf Nachfragen zu den Gründen seines Rücktritts blieb Joachim Hunold am Donnerstag einsilbig. Er habe für sich entschieden, dass jetzt der Zeitpunkt zur Wachablösung gekommen sei. Noch im Frühjahr wollte der Air-Berlin-Chef davon nichts wissen, jetzt hat er drei Jahre vor Vertragsende hingeworfen. Sein Nachfolger an der Unternehmensspitze solle „unbelastet“ das regeln können, was Hunold offenkundig nicht mehr regeln mochte. Geplant ist ein verschärfter Sparkurs, bei dem zahlreiche unrentable Strecken aus dem Programm gestrichen werden. Zunächst soll es nun Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn richten.
Die Fluggesellschaft, die Hunold zur zweitgrößten auf dem deutschen Markt gemacht hat, steckt ziemlich in der Klemme. Auch im zweiten Quartal schaffte sie es nicht, wie erhofft die Verlustzone zu verlassen. 32 Millionen Euro minus beim Betriebsergebnis und 44 Millionen Euro Nettoverlust im zweiten Quartal, obwohl der Umsatz kräftig gestiegen ist. 2011 droht das vierte Defizitjahr in Folge zu werden. Die Verluste zehren am Eigenkapital der Gesellschaft. Wird der Trend nicht gestoppt, wäre irgendwann eine Kapitalerhöhung fällig, oder ein Konkurrent verleibt sich Air Berlin ein.
Schuld daran seien die gestiegenen Kerosinpreise und die zu Jahresbeginn eingeführte Luftverkehrssteuer, klagte Hunold. Die führe zu einer „eklatanten Wettbewerbsverzerrung“ zulasten der Airlines, die wie Air Berlin von Kurz- und Mittelstrecken leben und im Verhältnis eine höhere Steuerlast trügen. Am Geschäftsmodell liege es nicht. „Wir haben unsere Strategie gefunden und werden sie weiterentwickeln“, sagte der 61 Jahre alte Rheinländer gestern. Branchenexperten melden jedoch ihre Zweifel an Hunolds „Hybridmodell“ an. Air Berlin bringt Urlauber für Reiseveranstalter nach Mallorca und Ägypten, aber auch Geschäftsleute nach London. Dabei eifert das Unternehmen nicht Billigfliegern nach, die für jede Zusatzleistung eine Extragebühr verlangen. Sie will aber auch keine klassische Fluggesellschaft wie die Lufthansa sein. Guten Service wollte Hunold seinen Kunden bieten, aber trotzdem billig sein. Diese Unentschiedenheit scheint Air Berlin allmählich zum Verhängnis zu werden. Die führende Billigflieger Ryanair und Easyjet bedrängen Air Berlin mit hartem Preiswettbewerb. Dennoch fliegen sie dank niedriger Kosten auch in Krisenzeiten Gewinne ein. Und der deutsche Branchenprimus Lufthansa schreibt zwar auf dem Kontinent rote Zahlen, gleicht sie aber mit dem Langstreckengeschäft mehr als aus.
Jetzt versucht erst einmal Ex-Bahnchef Mehdorn als Übergangs-Chef, die Fluggesellschaft Air Berlin aus den Turbulenzen herauszuführen. Mehdorn kommt ursprünglich aus der Luftfahrtbranche und gilt als führungsstark. Der 69-Jährige weiß um die Größe seiner Aufgabe: „Da muss eine Menge passieren, um wieder profitabel zu werden“, sagte er dem Tagesspiegel.
Mit Beginn des Winterflugplans am 1. November werden vor allem von Regionalflughäfen aus deutlich weniger Flüge angeboten. Reisende können dann zum Beispiel nicht mehr von Münster/Osnabrück nach London, Wien und Sylt fliegen. Auch die Verbindungen von Hannover nach London, von Paderborn nach London und Manchester sowie von Köln/Bonn nach Valencia und in mehrere Städte Marokkos fallen weg. Den Standort Erfurt gibt die Fluggesellschaft ganz auf. Von Frankfurt bietet Air Berlin keine Flüge mehr nach Hamburg, Neapel und Alicante an. Die Kapazität solle allein im zweiten Halbjahr um mehr als 7500 Flüge reduziert werden. Das entspricht etwa einer Million Sitzplätze. Fürs kommende Jahr wurde die Planung um 16000 Flüge oder 2,2 Millionen Sitze reduziert. Das Unternehmen will noch in diesem Jahr die Zahl seiner Flugzeuge von 171 auf 163 reduzieren. Im kommenden Jahr sollen es 164 statt wie zuletzt geplant 177 sein. dpa