Rieden In Deutschland werden jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Wie lässt sich das vermeiden? Darüber sprachen wir mit der früheren Kreisbäuerin Therese Tremmel (71), die in Rieden im Kreis Aichach-Friedberg wohnt, am Ortsrand, mit ihrem Mann und in einem „Austragshäuschen“, wie sie sagt. Den Bauernhof gegenüber führt jetzt ihr Sohn. Nachmittags kommen oft die Enkelkinder vorbei. Für Therese Tremmel haben Lebensmittel eine besondere Bedeutung.
Frau Tremmel, was duftet denn hier so lecker bei Ihnen?
Tremmel: Ich habe heute früh einen Schweinsbraten ins Bratrohr geschoben. Das merkt man langsam.
Was sagen Sie dazu, dass jedes Jahr Unmengen essbarer Waren auf dem Müll landen?
Tremmel: Ich denke, die Zeit und die Menschen haben sich verändert. Lebensmittel haben ihren Stellenwert verloren. Es gibt einfach alles. Man sieht zu viel und kauft wahllos ein. Und zu Hause beachtet man dann nicht mehr, was man für wann eingekauft hat, sondern nimmt sich aus dem Kühlschrank, worauf man Lust hat. Und dann bleibt am Ende eben viel übrig.
Wie vermeidet man das?
Tremmel: Einfach, indem man es macht wie früher.
Wie hat man es früher gemacht?
Tremmel: Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin auf einem Bauernhof mit sechs Geschwistern groß geworden. Man hat selbst gebacken, selbst gekocht. Es gab Hühner, Schweine, Milch. Zweimal im Jahr ist ein Schwein geschlachtet worden. Dann gab es Presssack, Blut- und Leberwurst. Und wenn mittags etwas übrig blieb, kam es am Abend oder am nächsten Tag nochmals auf den Tisch.
Heute schafft es eine Karotte, die etwas unförmiger ist, nicht mal mehr in den Supermarkt. Verstehen Sie das?
Tremmel: Das gab es früher nicht. Ich habe zum Beispiel Äpfel im Garten, die einige schwarze Tupfen haben. Sie machen dem Apfel aber eigentlich gar nichts. Sobald die Schale herunterkommt, ist er perfekt. In meiner Kindheit haben wir jede Kartoffel aufgeklaubt, die nach der Ernte beim Umpflügen noch aus der Erde kam. Wir sind dafür hinter dem Pflug hergelaufen. Damals waren Lebensmittel noch etwas wert, man war sparsam und hat sie geschätzt.
Wurde damals nichts weggeworfen?
Tremmel: Nein. Beispielsweise haben wir unser Brot gegessen, solange es gut war. Es gab nicht jeden Tag frisches Brot, wie es in manchen Familien heute ist. Auch ich mache immer noch gerne aus älterem Brot eine Brotsuppe. Für vieles kann man auch Äpfel verwenden. Heuer gibt es ja besonders viele Äpfel. Daraus mache ich Apfelnudeln, Apfeldatschi, Apfelkompott, Apfelmus, das man einwecken oder einfrieren kann.
Apfelmus könnte ich sicher auch kochen, bei Apfelnudeln wäre ich mir nicht so sicher.
Tremmel: Das ist doch das Problem: Auch viele Frauen und Mütter sind berufstätig, kommen abends um 18 Uhr nach Hause und sollen dann ein Menü hinstellen. Das geht einfach nicht. Es gibt dann schnelle Küche. Ich mache deshalb keinem einen Vorwurf, der auf Kurzgebratenes oder Fertigprodukte zurückgreift.
Nicht selten kauft man heute ein Netz Zwiebeln, die dann lange liegen bleiben, bis sie austreiben. Passiert Ihnen das nicht auch?
Tremmel: Ich habe mir immer einen Speiseplan für die Gerichte der nächsten Woche und einen Einkaufszettel geschrieben. Dann bin ich am Freitag zum Einkaufen gefahren. So kauft man nur, was man auch braucht.
Stört Sie ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum, zum Beispiel bei einem Joghurt?
Tremmel: Ich denke, den Joghurt kann man auch einige Tage danach noch essen. Man muss ihn eben anschauen. Falls das Produkt fraglich ist, kommt es natürlich weg. Früher war zum Beispiel Butter sowieso nicht mit einem Datum etikettiert. Man hat sie verwendet, solange sie „gut“ war.
Oft kauft man heute Produkte, die schnell schlecht werden. Erdbeeren zum Beispiel. Die gibt es unter Folie. Wenn man sie in die Küche stellt und am nächsten Tag aufmacht, ist oft bereits unter den Früchten Schimmel.
Tremmel: Heute gibt es ja Erdbeeren, Himbeeren und vieles andere das ganze Jahr. Ich finde, dass man Obst und Gemüse der Jahreszeit entsprechend verwenden soll, so wie es die Natur bereitstellt. Bei Spargel ist das auch so. Den gibt es im Frühjahr in großen Mengen. Und dann kann er bei uns zu Hause auch zwei Mal in der Woche auf den Tisch kommen. Auf jeden Fall isst man auf diese Weise Sachen, die nicht über riesige Strecken aus dem Ausland angeliefert werden und die zu Hause schnell schlecht werden.
Aber selbst ein weit transportierter und welker Salat wird in Wasser wieder frisch...
Tremmel: Das stimmt. Aber die Nährstoffe hat er fast alle verloren nach dem langen Transport.
Was ist denn Ihr Patentrezept, um weniger wegzuwerfen?
Tremmel: Lebensmittel brauchen mehr Wertschätzung. Letztlich ist es eine Frage der Einstellung. Aber ich habe das Gefühl, es wird auch gerade wieder besser.
Wirklich besser?
Tremmel: Beispielsweise haben die Bauern vor einigen Jahren für den Doppelzentner Weizen nur noch acht Euro bekommen. Für diesen Preis kann man das Getreide nicht einmal erzeugen. Manch ein Bauer hat sich damals entschlossen, seine Feldfrüchte in eine Biogasanlage zu geben. Jetzt steigt der Preis wieder. Die Verbraucher merken, dass sie die Landwirte brauchen. Und noch etwas ist wichtig, um den Speisen, die Gott uns geschenkt hat, mehr Achtung entgegenzubringen: ein gemeinsames Essen mit der Familie.
Ganz ehrlich, Frau Tremmel, was haben Sie zuletzt weggeworfen? Verraten Sie es uns bitte.
Tremmel: Eine Mandarine. Sie war angeschimmelt. Da habe ich nicht gut genug aufgepasst. Interview: Michael Kerler