Berlin Anderen wäre der Appetit längst vergangen: Rinderwahnsinn und Schweinegrippe, Nitrofen im Bio-Ei, Billigdöner aus Gammelfleisch, Spuren von Mäusekot im Mozzarella, Viehfutter voller Dioxine – und zuletzt die große EHEC-Panik. In mehr als 14 Jahren als Präsident des Deutschen Bauernverbandes ist Gerd Sonnleitner nichts Ekliges fremd geblieben. Dass der umtriebige Niederbayer im nächsten Jahr sein Amt abgibt, hat allerdings nichts mit der Inflation von Lebensmittelskandalen zu tun. Im Gegenteil. Sonnleitners Rückzug folgt einem der ältesten Gesetze seines Berufsstandes: Ein Hof muss rechtzeitig und geordnet übergeben werden.
Schon vor seiner Wahl 1997 hatte der diplomierte Landwirt in kleiner Runde angekündigt, er wolle einmal nicht so aus dem Amt getragen werden wie sein Vorgänger Constantin Freiherr Heereman, der den Verband wie ein Monarch beherrscht hatte. Nun ist der Zeitpunkt aus Sicht seines Nachfolgers offenbar günstig: Da auch Generalsekretär Helmut Born in Ruhestand geht, macht Sonnleitner den Weg frei für einen Generationswechsel an der Spitze des etwas in die Jahre gekommenen Verbandes. Gleichzeitig hat der 62-Jährige selbst, inzwischen Großvater, wieder mehr Zeit für seine Familie und den fast 800 Jahre alten Hof in Rottersham bei Passau.
Im Groll jedenfalls scheidet er nicht. „Ich hab’s gern gemacht“, sagt Sonnleitner. Allerdings waren die vergangenen Jahre auch für einen kampferprobten Lobbyisten wie ihn alles andere als einfach. Eine Gruppe aufmüpfiger Milchbauern vertritt ihre Interessen inzwischen in einem eigenen Verband – und die ökologisch orientierte Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft veranstaltete vor zwei Jahren gar ein sogenanntes Haberfeldtreiben gegen ihn. Mit Fackeln, Rätschen und Trompeten zogen die Kritiker des Bauernpräsidenten damals durch dessen Heimatdorf – als gelte es, einen bösen Geist zu vertreiben. Damals, sagen Kollegen, die Sonnleitner lange kennen, habe er sich zum ersten Mal gefragt, ob er 2012 noch einmal antreten solle.
Sein Amt als Präsident des europäischen Bauernverbandes will er noch ein Jahr länger behalten – bis dahin soll auch die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik abgeschlossen sein, bei der es für die deutsche Landwirtschaft um viel Geld geht, weil die osteuropäischen Länder mit guten Argumenten ein größeres Stück vom Subventionskuchen der EU fordern. Sonnleitner, sonst ein eher fordernder Charakter, ist hier vor allem als Diplomat gefragt. Einerseits, argumentiert er, dürfe die Union die Bauern in Estland oder Rumänien nicht benachteiligen. Andererseits aber gebe es „ökonomische Realitäten, denen sich auch der Agrarkommissar nicht verschließen sollte“. So lägen die Einkommen der deutschen Landwirte um bis zu 50 Prozent unter denen aus anderen Berufen.
„Mit Feuer und Flamme“, verspricht Sonnleitner, werde er bis zu seinem Ausscheiden noch bei der Sache sein. Vor allem der Vorwurf, die moderne Landwirtschaft denke nur in Renditen und nicht an die Tiere, die sie züchte und mäste, fordert ihn täglich neu heraus. Viele seiner Kritiker, sagt er dann, hätten ein viel zu romantisches, ja geradezu verklärtes Bild von der Landwirtschaft früherer Jahre. „Dabei war die Arbeit immer unglaublich hart, und die Tiere hatten es in ihren kleinen, nassen und dunklen Ställen wesentlich schlechter als heute.“ Von den Zuständen in anderen Ländern gar nicht zu reden: In Osteuropa, zum Beispiel, werden Eier für den deutschen Markt noch immer in den alten Legebatterien produziert, in denen sich Huhn an Huhn drängt.
Wer Sonnleitner im nächsten Jahr folgen soll, ist noch unklar. Im Gespräch sind unter anderem der baden-württembergische Bauernpräsident Joachim Rukwied und sein schleswig-holsteinischer Kollege Werner Schwarz. Dass das Amt nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, wissen beide. Immer neue Krisen, immer weniger Bauernhöfe, und eine immer kritischere Öffentlichkeit: Sich für einen solchen Verband hinzustellen, sagt Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner, „ist nicht mehr selbstverständlich.“