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20. Oktober 2009 20:21 Uhr

Aus für Quelle

Mitarbeiter geben ihr letztes Hemd

Es muss Schicksal sein. Madeleine Schickedanz wird an diesem Dienstag66 Jahre alt, und auch ihre Mutter hätte Geburtstag. Und just da wird das endgültige Aus von Quelle bekannt gegeben.Von Flora Anna Grass und Josef Karg

Quelle vor dem Aus: Was passiert mit Bestellungen?
Foto: DPA

Es muss Schicksal sein. Madeleine Schickedanz wird an diesem Dienstag 66 Jahre alt, und auch ihre Mutter, die verstorbene Quelle-Gründerin Grete Schickedanz, hätte Geburtstag. Und just da wird die Pleite ihres Unternehmens, wird das endgültige Aus von Quelle bekannt gegeben. "Das gibt's doch nicht", sagt eine Mitarbeiterin ungläubig und schüttelt den Kopf, als sie davon erfährt.

Gerade eben haben sich Hunderte von Beschäftigten des maroden fränkischen Traditions-Unternehmens durch den Personaleingang der Quelle-Zentrale gedrängt, eines braun gekachelten Gebäudes in Nürnberg, das durch einen Turm mit dem blauen "Q" schon von Weitem zu sehen ist. Sie unterhalten sich, einige gehen stumm nach oben, den Blick auf den Boden gerichtet. Insolvenzverwalter Hubert Görg wird ihnen gleich reinen Wein einschenken.

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In der Kantine im dritten Stock drängen sich die Menschen. Unten am Eingang ist es gespenstisch leer. Es wirkt wie ein Vorgeschmack auf das Kommende. Nur zwei Wachleute passen auf, dass niemand Ungebetenes hereinkommt. An den Wänden steht noch ein alter Motivationsspruch von Grete Schickedanz: "Der Pfennig ist die Seele der Milliarde."

Die Quelle-Mitarbeiter, viele von ihnen seit Jahrzehnten hier beschäftigt, haben dafür keinen Blick mehr. Sie schauen in eine Zukunft, die alles andere als sicher ist. Nach Monaten des Bangens, des Hoffens, jetzt der maßlosen Enttäuschung wissen sie nun Bescheid. "Das ist, wie wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird", erzählt Gabriele Böcklin, die seit acht Jahren für Quelle arbeitet. Es sei wie auf einer Beerdigung, sagt sie.

Und irgendwie hat sie recht. Nach 82 Jahren ist es mit dem Traditionsunternehmen zu Ende. Die insolvente Konzernmutter Arcandor hatte schon am Abend zuvor bestätigt, bis zum Ende der gesetzten Frist kein Angebot für die Quelle-Dachgesellschaft erhalten zu haben. "Nach 15 intensiven Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren sehen weder der Insolvenzverwalter noch der Gläubigerausschuss eine Alternative zur Abwicklung von Quelle", wird Görg später auf einer Pressekonferenz sagen. Er ist mit seinem Plan gescheitert, den hochdefizitären Quelle-Versand im Verbund mit den nach wie vor lukrativen Spezialversandsparten wie Baby-Walz zu verkaufen. Jetzt wird geteilt: Die gesunden Sparten werden aus dem Konzern herausfiletiert und ebenso wie das florierende Auslandsgeschäft verkauft. Interessenten gebe es, sagt Görg.

"Der Schickedanz würde sich angesichts der Umstände im Grab umdrehen", ätzt einer, der verspätet in die Versammlung hineinhetzt. In der Tat: Mit großem unternehmerischen Spürsinn hatte der Fürther Kaufmann Gustav Schickedanz 1927 eine tolle Geschäftsidee entwickelt. Er wollte Produkte ohne Umwege über den Zwischenhandel direkt an Endverbraucher liefern. Mit diesem Vertriebskonzept legte Schickedanz quasi einen der Grundsteine für das moderne Homeshopping.

Schon 1934 umfasste die Kundenkartei 250 000 Adressen, heißt es in der eigenen Darstellung der Firmengeschichte. Quelle expandierte. Nach dem Krieg erhielt der Unternehmer von den Alliierten erst einmal drei Jahre Berufsverbot. Dann jedoch ging es pfeilschnell nach oben. Der Versandhändler war eine der Säulen des deutschen Wirtschaftswunders. "Erst mal zu Quelle gehn", lautet der Slogan dieser Jahre. 1966 ist ein großes Ziel erreicht: Quelle gilt als Europas führendes Versandhaus. Der gleichnamige Katalog liegt fast in jedem deutschen Haushalt.

1994 ist einer der großen Einschnitte im Unternehmen. Am 23. Juli stirbt 17 Jahre nach ihrem Ehemann Gustav nun auch Grete Schickedanz, die zur Seele des Konzerns geworden war. Zunächst ging es weiter, als wäre nichts geschehen. Doch in der Firma hatten nun Manager das Sagen. "Die haben das Unternehmen letztendlich an die Wand gefahren", sagt Marianne Thieg, die seit sechs Jahren in der Reisesparte von Quelle arbeitet. Sie und andere meinen damit vor allem Thomas Middelhoff, den früheren Bertelsmann-Chef, gegen den mittlerweile sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Auch der örtliche Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Stephan Doll, sagt: "Das Aus ist ein Schicksalsschlag. So geht man nicht mit Menschen um." Das sei unwürdig. Er hoffe, Middelhoff werde strafrechtlich verfolgt. Quelle-Betriebsratsmitglied Armin Bachhuber ergänzt: "Nun bleibt uns nur noch, den Scherbenhaufen wegzukehren." Auch Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung ist enttäuscht: "Das ist ein harter Schlag für unsere Region, ähnlich wie vor 15 Jahren das Ende von Grundig."

Die einzige Tochter der Schickedanz', Madeleine, haben die Versandgeschäfte nie wirklich interessiert. Sie lebte das zurückgezogene Dasein einer schüchternen Milliardärin. Jetzt, so klagte sie schon vor Wochen, habe sie alles verloren. Bei ihr sind es Milliarden. Insider vermuten zwar, dass ihre Familie weiterhin wohlhabend bleibt. Aber der Status der Superreichen ist futsch.

Es ist ein ertragbares Schicksal, verglichen mit den über 10 500 Konzern-Mitarbeitern. Rund 7000 von ihnen droht, künftig auf der Straße zu stehen. Das Oktober-Gehalt zumindest, so Insolvenzverwalter Görg, sollen sie noch bekommen. Ab 1. November dann sind "einige hundert Quelle-Leute" arbeitslos. Der Rest muss nach Auskunft von Görg noch vier bis sechs Wochen bei Quelle die "Resterampe" betreuen und die Bestände unter die Leute bringen.

Neue Ware wird nicht mehr eingekauft - es ist kein Geld mehr da. Auch der berühmte Katalog ist Vergangenheit. Ihn für die Auslaufware zu drucken, würde erstens zu lange dauern und sei zweitens zu teuer. Mit Flyern und übers Internet will Quelle künftig werben. Im Vergleich zum Katalog würden die Preise deutlich gesenkt, sagt Görg. Die Schnäppchenjäger warten wohl schon.

Während Görg im Verwaltungsgebäude in Fürth spricht, sitzen im Café einer Bäckerei neben dem Quelle-Einkaufszentrum in Nürnberg die Mitarbeiter und versüßen sich die schlechten Nachrichten bei Kaffee und Kuchen. Sabine Holdreich kommt die Treppe des Eingangsbereichs hoch. Seit 13 Jahren arbeitet sie bei Quelle. Ein bisschen aufgeregt ist sie, aber gefasst. Es sei ja damit zu rechnen gewesen, sagt sie. Aber vor allem die letzten Tage waren zermürbend.

Jetzt wirkt sie erleichtert. "Ich habe schon den Brief fürs Arbeitsamt dabei", ruft sie und klopft auf ihre rote Umhängetasche. Auch Reisekauffrau Marianne Thieg muss sich wohl einen neuen Job suchen. Doch denkt sie auch an die anderen: "Ich fühle mit den Kollegen, die seit Jahrzehnten bei Quelle arbeiten. Denen ist gerade ihr Leben zerbrochen." Von Flora Anna Grass und Josef Karg

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