Kommt die Anti-Aids-Pille Truvada als Medikament zur Aids-Prävention bald auf den Markt? Ein Medikament zum Schutz vor Infektionen mit dem HIV-Virus hat in den USA fast alle Hürden für eine Zulassung genommen - doch viele Experten sind skeptisch. Kritiker warnen davor, dass Truvada dazu verleiten könnte, das HIV-Infektionsrisiko zu unterschätzen.
Anti-Aids-Pille: Medikament an homosexuellen Männern getestet
Medizinische Abkürzungen und was sich dahinter verbirgt
EHEC - Die Abkürzung des EHEC-Erregers steht für Enterohämorrhagische Escherichia coli. Es handelt sich um eine gefährliche Darmkrankheit.
HUS - Das hämolytisch-urämische Syndrom (kurz: HUS) ist eine schwere Verlaufsform der Darmkrankheit EHEC, bei der giftige Stoffwechselprodukte des Bakteriums zu Nierenschäden führen können.
HIV - Ein Virus, der das Immunsystem eines Menschen schwächt. Das HI-Virus kann durch Körperflüssigkiten von Mensch zu Mensch übertragen werden. Eine Ansteckung führt nach einer unterschiedlich langen, meist mehrjährigen Inkubationszeit zur tödlich verlaufenden Krankheit AIDS.
BSE - Bovine spongiforme Enzephalopathie, im Deutschen auch "Rinderwahn" genannt, ist eine Tierseuche, die zwischen 1996 und 2000 für Schlagzeilen gesorgt hat. Dabei erkrankt das Gehirn bei Rindern und führt zu deren Tod.
H5N1 - Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich ein Influenzavirus. Polpulärwissenschaftlich ist bei H5N1 die Rede von der "Vogelgrippe".
H1N1 - Im Jahr 2009 breitete sich die sogenannte "Schweinegrippe" bzw "neue Grippe" aus. Die Ansteckungsgefahr am Influenzavirus H1N1 ist vor allem bei Enten, Menschen und eben Schweinen groß.
Nach einer elfstündigen Marathonsitzung und weiteren Anhörungen stimmte eine große Mehrheit der 22 unabhängigen Experten für die Kommerzialisierung der von dem Pharmaunternehmen Gilead Sciences produzierten Pille. Die FDA hält sich in der Regel an die Empfehlungen der Kommission, auch wenn sie nicht bindend sind. Eine endgültige Entscheidung wird bis zum 15. Juni erwartet.
Truvada wird heute schon eingesetzt
In einer klinischen Studie verringerte sich unter anderem das Infektionsrisiko bei heterosexuellen Partnern, von denen einer seropositiv war, um bis zu 75 Prozent. In einer anderen Studie unter homosexuellen Nichtinfizierten sank das Infektionsrisiko um bis zu 73 Prozent.
Truvada wird heute schon - in Verbindung mit weiteren Medikamenten - zur Behandlung einer HIV-Infektion eingesetzt. Die Einführung ist nicht nur wegen der hohen Kosten von bis zu 14.000 Dollar (10.800 Euro) pro Jahr und Therapie unter Experten umstritten.
Truvada ist "kein Wundermittel"
Der Chef der Anti-Aids-Gruppe AVAC, Mitchell Warren, sagte nach dem Ausschussvotum, Truvada sei "kein Wundermittel", aber ein "wichtiger" weiterer Beitrag zu einem Sieg über Aids. Für Millionen Männer und Frauen mit dem Risiko einer HIV-Infektion "bietet jede neue Möglichkeit einer HIV-Prävention zusätzliche Hoffnung".
Ärzte und Pfleger, die im klinischen Alltag HIV-Infizierte und Aidskranke betreuen, äußerten sich dagegen skeptisch. Ärztin Roxanne Cox-Iyamu warnte, dass der Aids-Erreger eine Truvada-Resistenz ausbilden könne. Angesichts der Ausrichtung der Studien befürchtete sie zudem, dass die Daten zur Wirkungsweise der Pille im weiblichen Organismus nicht ausreichen könnten.
Anti-Aids-Pille: Nebenwirkungen wie Leberversagen und schwere Durchfälle
Die Krankenschwester Karen Haughey verwies auf mögliche Nebenwirkungen wie Leberversagen und schwere Durchfälle. Eine zwingend regelmäßige Einnahme von Truvada verlange den Patienten zudem eine hohe Selbstdisziplin ab. Die Daten zum Erfolg von Truvada in der Aids-Prävention stammten hauptsächlich aus der iPrEx HIV Prevention Study, die 2010 im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde.
In der Studie wurde die Pille von Juli 2007 bis Dezember 2009 an 2499 homosexuell aktiven Männern in den USA, Brasilien, Ecuador, Peru, Südafrika und Thailand getestet. Die Probanden waren nicht HIV-positiv. Nach einer Zufallsauswahl bekam ein Teil der Testpersonen Truvada, eine Vergleichsgruppe ein Placebo. Diejenigen, die regelmäßig Truvada einnahmen, wiesen bis zu 73 Prozent weniger Infektionen auf.
44 Prozent weniger Infektionen
Die Testpersonen miteingerechnet, die die Pille unregelmäßig einnahmen, traten 44 Prozent weniger Infektionen auf. Die Ergebnisse der Studie wurden von einigen Experten damals als ein Durchbruch in der Aids-Prävention gefeiert. (afp, AZ)