Nicht nur Kinder fürchten sich vor der Dunkelheit. Auch Erwachsenen wird auf finsteren Straßen schnell bang. Daher stärkt es das Sicherheitsempfinden, wenn die Lichter in Städten nachts nicht erlöschen. Künstliche Beleuchtung hat aber auch ihre Schattenseiten: Wenn es nie richtig dunkel wird, lassen sich die Sterne schlecht erkennen, außerdem stört das viele Tierarten. Und nicht nur sie: Auch auf den Menschen, der letztendlich ein tagaktives Lebewesen ist, wirkt sich Lichtverschmutzung negativ aus. Denn künstliche Beleuchtung bei Nacht kann den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinanderbringen und möglicherweise sogar das Krebsrisiko erhöhen.
In den vergangenen Jahren ist die Lichtverschmutzung weltweit im Schnitt etwa um sechs Prozent pro Jahr gewachsen, wie Franz Hölker, Leiter des interdisziplinären Projekts „Verlust der Nacht“, erklärt: „Das ist eine erhebliche Zunahme.“ In Deutschland gebe es zwar in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg noch richtig dunkle Flecken, ansonsten habe sich künstliche Beleuchtung auch in ländlichen Bereichen ausgebreitet. Das hat zur Folge, dass die Sterne immer blasser erscheinen. Bei einer Emnid-Umfrage gaben 44 Prozent der unter 30-Jährigen an, noch nie die Milchstraße gesehen zu haben.
Lichtsmog kann für Tiere fatale Folgen haben
Besonders fatal ist der sogenannte Lichtsmog für eine Reihe von Tierarten: Schätzungen zufolge verenden jeden Sommer Milliarden von Insekten in Deutschland an Laternen. Sie fehlen in der Natur auch als Bestäuber und als Nahrung für andere Tiere, wie etwa Vögel, Fische und Amphibien. Außerdem irritiert helles Licht manche Vogelarten.
Es mehren sich die Hinweise, dass künstliche Beleuchtung auf Dauer auch dem Menschen nicht gut tut. Denn sein Schlaf-Wach-Rhythmus orientiert sich am Licht. Der moderne Mensch hat sich aber von den natürlichen Gegebenheiten weit entfernt: „Tagsüber sitzen viele Leute in Büros bei einer Lichtstärke von bis zu 500 Lux, während draußen an einem strahlenden Sommertag bis zu 100000 Lux gemessen werden“, sagt Hölker, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin arbeitet. „Durch künstliche Beleuchtung verlängern wir den Tag bis weit in die Nacht hinein. Dadurch nehmen wir die Unterschiede zwischen Tag und Nacht nicht mehr so stark wahr.“ So kann die innere Uhr durcheinandergeraten, was den Schlaf stören kann.
„Licht unterdrückt die Ausschüttung von Melatonin“, erklärt der Schlafforscher Professor Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. Dieses Hormon ist maßgeblich für das Gefühl von Müdigkeit verantwortlich und wird bei Dunkelheit gebildet. Dabei kommt es neben der Intensität auf die Art des Lichts an: „Vor allem blaues, kurzwelliges Licht hat einen wach machenden Effekt“, sagt Zulley. „Am Morgen hat das natürliche Licht nicht umsonst einen besonders hohen Blauanteil.“ Vor zehn Jahren entdeckten Forscher einen Rezeptor in der Netzhaut des Auges, der vor allem auf blaues Licht reagiert, indem er die Melatoninproduktion drosselt. Wenn der Mensch zu ungewohnten Zeiten hellem Licht mit hohem Blauanteil ausgesetzt ist – wie etwa beim Jetlag – kann sein Rhythmus durcheinandergeraten. Wissenschaftler der Berliner Charité fanden heraus, dass sogar eine helle Badezimmerleuchte den Körper irritieren kann, wenn sie einen hohen Blauanteil besitzt: Zehn Minuten im Schein einer solchen Lampe kurz vor dem Zubettgehen reichen, um die Melatoninproduktion zu stören. Wer sich also im grellen Licht ausführlich die Zähne putzt, kann Pro bleme beim Einschlafen haben. Hölker erklärt: „Das Licht signalisiert dem Körper: Jetzt ist Tag!“ Daher rät der Experte dazu, auch im privaten Bereich am Abend keine Lampen mit sehr hellem, kaltweißem Licht zu verwenden.
Auch Tiere werden vor allem durch grelles Licht gestört. So betont Andreas Hänel von der Initiative „Dark Sky“: „Je wärmer der Farbton des Lichts, desto weniger schädlich ist es für die Umwelt.“
Ob der Einfluss der Straßenbeleuchtung so groß ist, dass sie handfeste Schlafprobleme verursachen kann, ist noch unklar. Im Herbst startet dazu eine Studie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund: So sollen rund 400 Bewohner einer kleinen Gemeinde, die erst dann eine Straßenbeleuchtung bekommt, zu ihrem Schlafverhalten befragt werden. Außerdem wird bei den Teilnehmern die Ausschüttung des „Stresshormons“ Cortisol nach dem Aufwachen gemessen. „Es ist denkbar, dass man wegen der Beleuchtung ein bisschen schlechter schläft“, sagt Prof. Barbara Griefahn, Leiterin der Untersuchung. „Sobald man aber die Rollläden herunter lässt, ist kein Effekt mehr da.“
Erhöht Lichtsmog das Krebsrisiko?
Möglicherweise erhöht Lichtsmog auch das Risiko für Prostata- und Brustkrebs. Denn Melatonin fängt im Blut freie Radikale ab, die Krebs fördern können. Krebs kann also leichter wachsen, wenn dem Körper auf Dauer zu wenig Melatonin zur Verfügung steht. So deckten Wissenschaftler der Universität Haifa auf, dass in stark beleuchteten Gebieten Brust- und Prostatakrebs deutlich häufiger vorkommen. Allerdings ist noch nicht erwiesen, dass wirklich Licht – und nicht andere Faktoren – an dieser Häufung schuld ist. Griefahn äußert sich vorsichtig: „Ich halte es für möglich, dass es einen Zusammenhang zwischen Lichtverschmutzung und Krebsrisiko gibt. Unter normalen Bedingungen dürfte der Effekt aber eher klein sein. Größer sind die Auswirkungen bei Menschen, die sich die ganze Nacht um die Ohren schlagen.“ So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO bestimmte Formen von Schichtarbeit als potenzielles Krebsrisiko eingestuft.
Lichtverschmutzung könnte noch weitere negative Folgen haben: Da die nächtliche Erholungsphase gestört wird, könnte auch das Immunsystem beeinträchtigt werden, sagt Hölker. Magen-Darm-Erkrankungen treten in Folge dieser Schwächung möglicherweise ebenfalls häufiger auf. „Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt er. „Das Problem wurde bisher noch nicht so wahrgenommen.“
Das zu ändern ist eines der Hauptziele des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „Verlust der Nacht“, an dem zehn Institute beteiligt sind. Mehrere Städte achten bereits auf umweltfreundliche Beleuchtung: So setzen etwa Augsburg und Stuttgart auf energiesparende Natriumdampflampen, von denen Insekten weniger angezogen werden.