Startseite
Icon Pfeil nach unten
Geld & Leben
Icon Pfeil nach unten

Gesundheit: Epilepsie im Alter oft unerkannt

Gesundheit

Epilepsie im Alter oft unerkannt

  • |
  • |
  • |
    Schlafmangel, bestimmte Medikamente, starke äußere Reize, viel Alkohol und Stress können das Risiko für epileptische Anfälle erhöhen.
    Schlafmangel, bestimmte Medikamente, starke äußere Reize, viel Alkohol und Stress können das Risiko für epileptische Anfälle erhöhen. Foto: Archivfoto

    „Er hatte wieder einen epileptischen Anfall, wie er ihn schon sehr lange nicht mehr gehabt hatte“, heißt es über Fürst Myschkin in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. „(...) In diesem Augenblick wird das Gesicht außerordentlich entstellt, besonders der Blick. Krämpfe und Zuckungen erfassen den ganzen Körper und alle Gesichtszüge. Ein schauerlicher Aufschrei, den man sich gar nicht vorstellen kann und der sich mit nichts vergleichen lässt, entringt sich der Brust.“

    So ähnlich stellen sich viele Menschen einen epileptischen Anfall vor. Dabei sind die Symptome bei Epilepsie extrem vielfältig. Gerade bei Senioren kommen spektakuläre Anfälle, wie sie Dostojewski selbst erlitten und beschrieben hat, selten vor: „Oft haben sie nur kleine Anfälle, die sich zum Beispiel in kurzen Abwesenheitszuständen äußern“, sagt Professor Hermann Stefan von der Uni Erlangen. Das sei einer der Gründe, warum die Krankheit im Alter häufig nicht erkannt werde.

    „Die Wahrscheinlichkeit, an Epilepsie zu erkranken, nimmt mit dem Alter zu“, erklärt Professor Walter Fröscher vom Epilepsiezentrum Bodensee in Ravensburg. Während in der Gesamtbevölkerung 0,5 bis ein Prozent betroffen seien, seien es in der Gruppe der über 75-Jährigen etwa 1,5 Prozent und bei den über 85-Jährigen sogar 2,5 Prozent. Fröscher zufolge zählen Epilepsien damit zu den häufigsten Krankheiten des Gehirns im höheren Lebensalter. „Das liegt zum einen an der höheren Lebenserwartung“, sagt der Neurologe. „Zum anderen spielt es wohl auch eine Rolle, dass heute immer mehr Menschen einen Schlaganfall überleben.“ Ein Schlaganfall erhöht das Risiko für epileptische Anfälle deutlich: Vier bis neun Prozent dieser Patienten erkrankten später an Epilepsie, sagt Fröscher.

    „Die Anfallsmanifestationen sind sehr vielfältig“, sagt Stefan. „Im Extremfall kann ein Anfall wie eine Panikattacke erscheinen. Oder man hat nur eine Gänsehaut.“ Daher sei die Diagnose „nicht ganz einfach“. Viele Neurologen gehen davon aus, dass Epilepsie bei Senioren oft nicht entdeckt wird. So erzählt Professor Christian Elger von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: „Nur fünf Prozent der Patienten in den Zentren, die sich auf eine Epilepsiebehandlung spezialisiert haben, sind über 60 Jahre alt.“ Dabei müssten es – gemessen an der Häufigkeit in diesem Alter – 30 Prozent sein.

    „Viele Patienten bleiben beim Hausarzt hängen. Oder die Krankheit wird erst gar nicht diagnostiziert“, erklärt Elger. Dabei seien gerade ältere Patienten bei einem Epilepsie-Experten am besten aufgehoben. Auch Stefan ist sich sicher, dass die Krankheit oft verkannt wird: Eine Untersuchung von 390 Altenheimbewohnern in Erlangen und Nürnberg ergab, dass die Krankheit bei 1,5 Prozent der Senioren übersehen worden war, berichtet er: „Man kann also davon ausgehen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.“

    Eine ganze Reihe von Gründen trägt dazu bei, dass Epilepsie bei alten Menschen seltener diagnostiziert wird. „Sie leben oft allein, so- dass niemand den Anfall beobachtet. Die Betroffenen selbst merken oft gar nicht, dass sie kurz verwirrt waren“, sagt Fröscher. Treten die Anfälle auch noch nachts auf, werden sie umso seltener bemerkt. Außerdem neigen sowohl die Senioren als auch ihre Angehörigen dazu, unklare Symptome allgemein auf das Alter zu schieben. Kommt noch hinzu, dass sich ein epileptischer Anfall ohne Bewusstlosigkeit manchmal tatsächlich schwer von einem leichten Schlaganfall unterscheiden lässt.

    Wenn Senioren verwirrt seien, werde zu selten an Epilepsie als mögliche Ursache gedacht, meint Elger. „Als Erklärung heißt es oft: Das wird wohl irgendeine Demenz sein.“ Dabei kommt es nicht selten vor, dass ein Patient nachts einen kleinen epileptischen Anfall hatte und deshalb tagsüber desorientiert ist. Denn die Veränderungen nach einem Anfall, wie etwa Sprachstörungen, können im Alter viel länger anhalten – bis zu 24 Stunden. „Bei verwirrten Senioren wird zu selten ein EEG gemacht“, kritisiert Elger. Das Elektroenzephalogramm, das die elektrische Aktivität des Gehirns aufzeichnet, ist bei Epilepsie-Patienten nämlich oft auffällig.

    Den Angehörigen raten Neurologen, einen alten Menschen gleich zum Arzt zu schicken, wenn ihnen an seinem Verhalten etwas seltsam vorkommt: „Wenn ein Patient zum Beispiel eine Sprachstörung hat, die mehrere Minuten andauert und von der er selbst gar nichts merkt, ist das sehr suspekt“, sagt Stefan. Auch kurze Zuckungen in Arm oder Gesicht könnten ein Hinweis auf Epilepsie sein.

    Bei richtiger Therapie würden die meisten der älteren Patienten anfallsfrei, meint Fröscher. Weil Leber und Niere im Alter langsamer arbeiteten, sei es aber wichtig, die Medikamente sehr vorsichtig zu dosieren. Außerdem muss man berücksichtigen, dass Senioren oft viele verschiedene Arzneien nehmen: „Bei älteren Antiepileptika sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ein entscheidendes Problem“, sagt Fröscher. Sie könnten zum Beispiel bewirken, dass Blutgerinnungshemmer („Marcumar“) schneller abgebaut würden.

    Schlafmangel, bestimmte Medikamente, starke äußere Reize, viel Alkohol und Stress können das Risiko für epileptische Anfälle erhöhen. Stefan rät daher, auf den Schlaf-Wach-Rhythmus zu achten, nicht zu viel Alkohol zu trinken und keine unnötigen Arzneien zu nehmen.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden