Startseite
Icon Pfeil nach unten
Geld & Leben
Icon Pfeil nach unten

70. Geburtstag: Ulf Merbold: Kein Date mit kosmischem Nachbarn

70. Geburtstag

Ulf Merbold: Kein Date mit kosmischem Nachbarn

  • |
  • |
  • |
    Der damalige ESA-Astronaut Ulf Merbold vor seinem zweiten Raumflug mit der Raumfähre Discovery (Archivfoto)
    Der damalige ESA-Astronaut Ulf Merbold vor seinem zweiten Raumflug mit der Raumfähre Discovery (Archivfoto) Foto: Nasa

    Wer Hunderte Kilometer über der Erde kreist, bekommt einen anderen Blick auf den kostbaren kleinen Planeten. Sagt Ulf Merbold, der seit 1983 dreimal ins All geflogen ist und es aus 50-tägiger Erfahrung da oben wissen muss. Auch wenn das schon länger zurückliegt und er am 20. Juni 70 Jahre alt wird, fasziniert ihn die Raumfahrt weiter, sind die Erinnerungen noch frisch und prägend. "Die Wahrnehmung verändert sich, wenn man in 90 Minuten die Erde umkreist, sie verliert ihre alte Größe und wirkt zerbrechlich", erzählt Merbold. "Wir müssen die Erde mit ihrer guten Lebensqualität bewahren und unseren Nachkommen im intakten Zustand hinterlassen. Die Selbstreinigungskraft der Natur sollten wir nicht überfordern."

    Wenn es um die internationale Raumstation ISS geht, kommt aber der nüchtern bilanzierende Blick des Physikers durch: "Bis dato war das Hauptthema, die ISS, diese Kolonie der Menschheit zu erbauen. Die wissenschaftlichen Möglichkeiten, die die Technik an Bord der ISS ermöglicht, sind lange nicht ausgeschöpft worden", meint Merbold. Weil für den Notfall bis vor kurzem nur eine "Sojus"-Kapsel für drei Personen zur Flucht von der ISS bereitstand, konnten auch nur je drei Astronauten für Betrieb und Experimente sorgen. "Die Wissenschaft kommt jetzt - so hoffe ich - erst noch richtig zum Zuge." Erste vielversprechende Experimente seien im Gang.

    Merbold gehört als Astronaut zu den Pionieren in Deutschland. Zweimal nahmen ihn die Amerikaner mit. Premiere war 1983, als er in der Raumfähre "Columbia" als erster Westdeutscher in den Orbit startete - das europäische Weltraumlabor "Spacelab" im Gepäck. An über 70 Experimenten war er beteiligt. 1992 folgte die zweite Mission. Und 1994 flog Merbold dann an Bord einer russischen "Sojus" zur Raumstation Mir. Vor ihm war als erster Deutscher 1978 bereits DDR-Bürger Sigmund Jähn im All. "Die Raumfahrt ist eine intellektuelle Herausforderung, hat aber auch eine soziale Dimension - man kommt ja nie alleine klar - und eine emotionale Dimension mit herausragenden Erfahrungen und Eindrücken", sagt Merbold.

    Die ISS hält Merbold für außerordentlich: "Sie kreist 300 bis 400 Kilometer über der Erde und der irdischen Atmosphäre und kann Signale von Sternen empfangen, wie es von der Erde aus nicht möglich ist." Und die Erdbeobachtung gibt über Umweltschutz und Klimawandel Aufschluss: "Wie ist es um unsere Wälder bestellt, wie sind die Gletscher beschaffen, wieweit ist die Atmosphäre beeinträchtigt?  Dazu liefern wir Fakten als Grundlage für politische Entscheidungen." Was in der Schwerelosigkeit getestet wird, kommt zudem direkt dem Menschen zugute: "Man kann über körperliche Funktion des Körpers viel Neues lernen. Eine bessere Behandlung zum Beispiel bei Osteoporose (Knochenschwund) könnte bald möglich werden", glaubt Merbold.

    Der nächste große Schritt ist ein bemannter Flug zum Mars, was in diesem Jahrhundert gelingen werde. "Was wir dort vorfinden, kann uns neue Anstöße und Anregungen für die Erde geben." Auf anderen Planeten nach Rohstoffen für die Menschheit zu suchen - wie es einige Wissenschaftler anstreben - hält Merbold allerdings für "durchgeknallt".

    Über Leben außerhalb der Erde hat der Vater zweier erwachsener Kinder schon viel gegrübelt. Ergebnis: "Bei 100 Milliarden Sternen in unserer Milchstraße, einer schier unfassbaren Zahl, muss man davon ausgehen, dass es an vielen Stellen Voraussetzungen für Leben gibt." Allerdings wohl eher primitives Leben, vielleicht Einzeller. "Eine Zivilisation mit intelligenten Lebewesen ist sehr viel unwahrscheinlicher." Und: "Ich habe inzwischen jede Hoffnung aufgegeben, einst dem kosmischen Nachbarn zu begegnen."

    Der gebürtige Thüringer, 1960 nach Westberlin gekommen, studierte Physik in Stuttgart, wo er heute lebt. Ein zweites Standbein in Siegburg - nahe am Europäischen Astronautenzentrum und am Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt in Köln - will Merbold allmählich aufgeben. Als Fluglehrer für die europäischen Astronauten steht er aber auch künftig bereit. Und sein Herz wird weiter für die Raumfahrt schlagen: "Wenn jetzt mal jemand käme, eine gute Fee, und sagen würde: "Wir machen da oben wieder ein super Wissenschaftsprogramm" - na logisch, dann würde ich sofort wieder ins Training einsteigen."  dpa

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden