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Transplantation: Warten auf ein Herz

Transplantation

Warten auf ein Herz

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    Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist 2011 wieder deutlich gesunken.
    Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist 2011 wieder deutlich gesunken. Foto: dpa

    Mir wird schwindelig. Der Boden scheint sich meinen Füßen zu entziehen. „Ich sag’s Ihnen ganz offen: Sie brauchen ein neues Herz.“ Der Münchner Herzchirurg Bruno Reichart sitzt an seinem Schreibtisch und erläutert mir ruhig und sachlich das Untersuchungsergebnis. Ich zittere. „Ihre rechte Herzkammer ist zu groß, die Herzklappe flattert, schließt nicht mehr, da ist nichts zu machen.“ In der medizinischen Fachsprache heißt das: „Terminale Herzinsuffizienz bei abgelaufener Myokarditis mit hochgradig eingeschränkter rechtsventrikulärer Insuffizienz“.

    Erst wächst die Ungeduld, dann folgt Resignation

    Bei meinem kranken Herzen besteht jederzeit die Gefahr eines Stillstands. Für die dringend notwendige Transplantation steht kein passendes Organ zur Verfügung. Das heißt warten. Warten auf den Tod eines Menschen, um zu überleben. Wir warten zu viert. Ein junger Mann aus Nordbayern muss über sechs Monate ausharren, bis er ein neues Herz bekommt. Eine ältere Frau ist bettlägerig. Einen weiteren Patienten verliere ich irgendwann aus den Augen. Mir geht es mit fast 60 Jahren noch recht gut.

    In der zweiten Nacht träume ich, ein Herz sei für mich da – nur ein Traum. Nach zwei Wochen wächst die Ungeduld, die Tage später in Resignation umschlägt. Wachnächte mit quälenden Gedanken stellen sich ein. Bald helfen nur noch Schlaftabletten für ruhige Nächte. Und dann ein zweiter Schock. In der Nacht ist die ältere Patientin von nebenan gestorben, gestorben auf der Warteliste. Bin ich der Nächste? Wie lange dauert es noch? In der Zeitung lese ich Unfallnachrichten mit dem verzweifelten Wunsch, ein Spender könnte für mich darunter sein.

    Als Transplantationskandidat muss ich 24 Stunden auf der Intensivstation liegen, Tag und Nacht fast ununterbrochen verkabelt am Monitor. Zusätzlich müssen die Ärzte regelmäßig die wichtigsten Labordaten an das europäische Transplantationszentrum (Euro-Transplant) im niederländischen Leiden senden, damit dort unabhängige Spezialisten entscheiden können, wie dringend der Patient ein neues Organ braucht. Nur wer die „höchste Dringlichkeit“ (High-Urgency-Status) zugeschrieben bekommt, hat Chancen auf eine baldige Transplantation. Ich stehe auf der Liste ganz oben.

    Monitor schlägt Alarm

    Zahlen und Fakten zur Organspende

    Im Jahr 2011 sind statistisch betrachtet in Deutschland auf eine Million Einwohner 14,7 Organspender gekommen. 2010 waren es noch 15,9.

    Der Rückgang in Bayern ist von 15,3 (Jahr 2010) auf 15,0 (2011) nicht ganz so stark. In absoluten Werten bedeutet das für den Freistaat: Die Zahl der Organspender ist von 192 auf 189 im Jahr 2011 gesunken.

    In ganz Deutschland wurde ein Rückgang von 1296 auf 1200 verzeichnet.

    Gespendete Organe 3917 im Jahr 2011 statt 4205 (2010) – auf Deutschland bezogen. In Bayern ist die Zahl der gespendeten Organe trotz weniger Spender mit 628 konstant geblieben.

    Im Freistaat wurden im vergangenen Jahr 630 Transplantationen durchgeführt. 2010 sind es noch 651 gewesen.

    Von den 213 bayerischen Krankenhäusern sind sechs Universitätskliniken, 19 Häuser mit und 188 Krankenhäuser ohne Neurochirurgie.

    Für mich vergehen Wochen auf der Intensivstation. Euro-Transplant fordert eine weitere Herzkatheteruntersuchung. Wieder wird mir ein Draht über die Leiste durch die Vene ins Herz für eine Gewebeprobe (Biopsie) geschoben, Blut wird genommen und die Sauerstoffsättigung gemessen. Die Werte sind weiterhin alarmierend. Ich bleibe als dringender Fall auf der Warteliste. Jetzt nur keine Infektion bekommen. In diesem Fall wäre eine Transplantation nicht möglich.

    Bisher gilt für die Organspende die freiwillige Zustimmungslösung. Nur wer einen Organspende-Pass besitzt oder dessen Angehörige zustimmen, kommt als Spender infrage. Nach der neuen Gesetzesvorlage sollen künftig alle Bürger befragt werden, ob sie im Fall eines Hirntods einer Organspende zustimmen. „Wenn Leute das ablehnen, muss man das akzeptieren“, sagt Reichart, der Chef der Münchner Herzchirurgie.

    Mein Zustand verschlechtert sich rapide. Mehrmals muss Wasser aus dem Lungenfell (Pleura) abpunktiert werden, zum Atmen brauche ich Sauerstoffunterstützung. Plötzlich wird die Tür zum Krankenzimmer aufgerissen, Ärzte und Krankenschwestern stürmen mit einer kleinen Maschine ins Zimmer. Mein Monitor hat Alarm geschlagen. Es geht um Leben und Tod. Mein Herz rast. Bei vollem Bewusstsein werden mir die Elektroden eines Defibrillators angelegt. Ein starker Stromimpuls lässt mich im Bett Zentimeter hochspringen, beruhigt aber mein Herz – akute Gefahr vorbei.

    Das einsame Warten auf ein Spenderorgan wird zur Verzweiflung

    Jetzt kommt Angst auf, das einsame Warten auf ein Spenderorgan wird zur Verzweiflung. Es gibt keine Besserung. Wieder muss ich lebenserhaltend defibrilliert werden. Dann wird es dramatisch. Mein Herz droht endgültig auszusetzen. Das Ärzteteam plant eine Notoperation. Mir sollen vorsorglich ein Herzschrittmacher und ein Defibrillator am Herz implantiert werden, ein riskanter Eingriff in meinem Zustand. Hoffnungslosigkeit macht mich völlig apathisch. Stumm hält mir meine Frau die Hand.

    Und dann geschieht das Wunder. Am Abend vor dem geplanten Eingriff kommen plötzlich sechs Ärzte ins Krankenzimmer. „Wir haben ein passendes Herz für Sie, ein gutes“, sagt Professor Reichart. Nach über drei Monaten Wartezeit die Erlösung. Der Hubschrauber und das Explantationsteam sind unterwegs. Irgendwo in Deutschland, den Benelux-Staaten, Österreich, Slowenien oder Kroatien ist ein Mensch gestorben, der vor seinem Tod einer Organspende zugestimmt hat. Details werde ich nie erfahren.

    Rund vier Stunden nach der frohen Botschaft von dem Spenderherz beginnt kurz vor Mitternacht die Operation. Gegen vier Uhr morgens schlägt ein neues Herz in meiner Brust. Als ich aus tiefer Bewusstlosigkeit aufwache, sitzt meine Frau lächelnd am Krankenbett. Mir ist nicht bewusst, was hinter mir liegt. Ich kann weder Zeit noch Raum begreifen. Erst später verstehe ich: Es ist alles gut gegangen.

    Chefarzt bringt Bier

    Chefarztvisite am vierten Tag nach der Transplantation. Das Team in weißen Ärztekitteln, nur der Chef – wie meistens – in blauem Blazer mit glänzenden Messingknöpfen. „Wie geht’s heute“, fragt Reichart routiniert. „Ganz gut“, flunkere ich, obwohl ich mich, total verkabelt, kaum bewegen kann und ständig wegdämmere. Reichart fragt meine Daten ab: Blutdruck, Herzfrequenz, Enzyme. Alles scheint im grünen Bereich zu sein.

    Er verabschiedet sich und will schon zum nächsten Patienten gehen. Da dreht er sich plötzlich um und fragt: „Mögen S’ a Bier?“ Mir verschlägt es sekundenlang die Sprache. Ich bin doch frisch herztransplantiert. Ein Bier? Doch dann fasse ich meinen Mut zusammen und sage „Ja“. „Der kriegt a Bier“, sagt Reichart mit seinem wienerisch-bayerischen Akzent und verschwindet. Minuten später bringt mir der Pfleger einen viertel Liter Münchner Bier im Schnabelbecher. Es schmeckt komisch.

    Komplikationen stellen sich ein, und das Laufenlernen ist mühsam

    Vor mir liegt noch ein langer Weg. Komplikationen stellen sich ein. Die Nieren versagen, Wassereinlagerungen müssen punktiert und bakterielle Infektionen behandelt werden. Doch das neue Herz arbeitet tadellos. Ich liege fast bewegungslos im Bett, kann in den ersten Tagen nicht allein essen, bin hilflos und werde von Halluzinationen geplagt. Über acht Wochen dauert es, bis die Nebenerkrankungen abklingen. Danach kann ich nicht mehr gehen.

    Erst in der Rehabilitation lerne ich mit dem Rollator wieder mühsam laufen, mich selbstständig zu waschen und allein zu essen. Langsam realisiere ich, einer der Glücklichen von rund 350 Herzempfängern im Jahr zu sein. Als ich neun Monate nach der Transplantation auf Skiern stehe, vorsichtig und etwas wackelig, steigt in mir Dank auf. Dank für die großherzige Entscheidung einer Spenderin oder eines Spenders, die mich leben lässt. dpa

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