Auf einem alten Foto ist ein eher minimalistischer Hubschrauber zu sehen, den ein Pilot über eine Wiese bewegt. Im Hintergrund ist das Ulmer Münster zu erkennen. Um einen jungen Konstrukteur, der in der Region Hubschrauber baute, geht es beim 19. Abend der Technikgeschichte im Stadthaus Ulm. Die Veranstaltung am Montag, 11. November, moderiert Günter Merkle ab 19 Uhr.
Es sollte ein Hubschrauber sein, den sich viele leisten können
Joachim Werner, Professor für experimentelle Physik an der TU Ulm, recherchierte lange Zeit über jene ASRO-Hubschrauber, die Alfons Siemetzki Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre nach Schichtschluss bei seinem Arbeitgeber Liebherr in Kirchdorf und in der Karthause Buxheim baute, und die schließlich auf dem Flugfeld des amerikanischen Militärs in Schwaighofen erprobt wurden – zunächst von einem jungen US-Piloten, später von einem deutschen Piloten. Einen kleinen und wirtschaftlichen Hubschrauber zu konstruieren, war das Ziel des jungen und von der Luftfahrt faszinierten Ingenieurs Alfons Siemetzki, der zusammen mit zwei Kollegen, aber fast ohne Eigenmittel, seinen Traum von einem preiswerten Hubschrauber, den sich viele leisten hätten können, verfolgte.
Zur Serienreife gelangte sein ASRO, von dem es mehrere Typen gab, nie. Anfangs experimentierte Siemetzki noch mit einem Boxermotor mit rund 35 PS, später mit einem deutlich stärkeren, und der ASRO-3T und der ASRO-4 hatten dann einen Turbinenantrieb.
Joachim Werner ist dem 2019 verstorbenen Konstrukteur noch begegnet, und er konnte gemeinsam mit Günter Merkle einen jener Kollegen Siemetzkis interviewen, der damals am Bau des ASRO beteiligt war, und der auch auf alten Fotos am Hubschrauber zu sehen ist. Das Akronym „ASRO“ steht für „Alfons Siemetzki Rößel Ostpreußen“, fand Werner heraus. Siemetzki blieb bis zu seinem Tod seinem heute in Polen liegenden Heimatort Rößel, der heute Roszel heißt, verbunden. Die Familie des 1930 geborenen Kindes starb während einer Typhus-Epidemie, der überlebende Alfons wurde Vollwaise und kam in ein Waisenhaus nach Berlin, wo er später Maschinenbau studierte.
Danach ging Siemetzki nach Baden-Württemberg, wo er beim Flugzeugbauer Merckle die Anfänge des Hubschrauberbaus in Deutschland erlebte, und bei Liebherr in Kirchdorf an der Iller als Konstrukteur tätig war. Siemetzkis eigene Hubschrauberbau-Versuche beäugte Firmengründer Hans Liebherr mit einer Mischung aus Neugier, Interesse und Skepsis, sind Merkle und Werner überzeugt. Bedingung war jedenfalls, dass die Eigeninitiative erst nach Schichtende starten durfte.
Die in Schwaighofen stationierten Amerikaner hielten eine schützende Hand über den Konstrukteur
Experimentierte Siemetzki zunächst mit einem einsitzigen Hubschrauber, wandte er sich bald der Konstruktion eines zweisitzigen Modells zu, von dem er hoffte, dass es für Fluglehrer für den Lehrbetrieb attraktiv sein könnte. Siemetzki selbst besaß keine Erlaubnis, Hubschrauber zu fliegen. Oft genug musste der Konstrukteur, der schon als kleines Kind Schrauben auf der Straße aufgelesen hatte, um damit später ein Fluggerät zu bauen, bei Betrieben in der Region um Teile schnorren gehen, und auch die Turbine des ASRO-3 bekam er zur Verfügung gestellt – wobei die in Schwaighofen stationierten Amerikaner eine schützende Hand über ihn und seine Flugbegeisterung hielten.
Der ASRO-3T flog erstmals am 29. Dezember 1961, der ASRO-4 am 22. Januar 1965. Und jenes Fluggerät gibt es tatsächlich noch: Blau angestrichen steht der Prototyp, der nie in Serie ging, im Hubschraubermuseum Bückeburg. Das Original wird also beim Abend der Technikgeschichte nicht zu sehen sein, wohl aber historisches Filmmaterial, das Merkle und Werner entdeckt haben.
Zweites Thema des Abends der Technikgeschichte wird das Ulmer Telefunken-Röhrenwerk sein, über das Michael Richter referieren wird.
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