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Aichach-Friedberg
09.03.2020

Coronavirus: "Gesundheitsamt kann das nicht mehr leisten"

Das Gesundheitsamt Aichach-Friedberg hat keine Schutzausrüstung und keine Abstrichröhrchen mehr.
Foto: Sebastian Kahnert, dpa (Symbol)

Das Gesundheitsamt hat keine Schutzausrüstung und Material für Corona-Untersuchungen mehr. Ihr Leiter fordert, sich auf Behandlung Kranker zu konzentrieren.

Der am Coronovirus erkrankten Person aus dem Raum Aichach geht es immer besser. Das teilte Dr. Friedrich Pürner, Leiter des Gesundheitsamtes, am Montag bei einem Pressegespräch mit. Das war es dann aber auch mit den guten Nachrichten.

Eine Handvoll von Kontaktpersonen befindet sich Pürner zufolge in Quarantäne. „Relativ viele“ weitere Landkreisbewohner hatten nur weitläufigeren Kontakt zu der erkrankten Person aus dem Raum Aichach oder einer erkrankten Person von außerhalb des Landkreises. Sie befinden sich nicht in Quarantäne, müssten sich aber beim Gesundheitsamt melden, sobald sie Symptome für eine Corona-Erkrankung aufweisen. Auf eine Zahl will sich Pürner, selbst Epidemiologe, nicht festlegen: Sie ändere sich ständig. Sein Amt teile die Kontaktpersonen nach epidemiologischen Kriterien ein, um so wenige wie möglich in Quarantäne schicken zu müssen. Pürner kritisiert: Woanders werde das nicht so differenziert gemacht.

Leiter des Gesundheitsamts: „Gesundheitsamt kann das nicht mehr leisten“

Klare Worte findet er auch, was die Auslastung seiner Mitarbeiter angeht: „Das Gesundheitsamt kann das nicht mehr leisten.“ Man müsse mittlerweile von einer Pandemie sprechen. Die Ansteckungsketten seien nicht mehr verfolgbar. Auch bei der erkrankten Person aus dem Raum Aichach stehe nach wie vor nicht fest, wo sie sich infiziert habe. Sie sei in keinem Risikogebiet gewesen und habe keinen Kontakt mit nachweislich Erkrankten gehabt.

Allerdings hält Pürner es inzwischen nicht mehr für sinnvoll, die Infektionsketten nachzuverfolgen. „Die Messe ist gelesen. Das Virus ist unter uns“, sagt er trocken. „Wir müssen uns nun darauf konzentrieren, dass die wirklich Kranken einer Behandlung zugeführt werden.“ Ihnen sollten die Krankenhäuser vorbehalten bleiben – etwa wenn ein Patient an einer Lungenentzündung leide, chronisch krank, alt oder geschwächt sei. „Andere mit typischen Grippesymptomen können zu Hause bleiben.“ Erneut weist Pürner darauf hin, dass in vielen Fällen eine Corona-Erkrankung „relativ simpel wie eine Erkältung“ verlaufe.

Er verstehe, dass Menschen, die in einem Risikogebiet waren, sich Sorgen machten und gerne testen lassen würden. Aber als Verdachtsfall gelte laut Robert-Koch-Institut nur, wer in einem Risikogebiet gewesen sei und „akute respiratorische Symptome“ zeige – also zum Beispiel Husten, Atemnot oder Atemschwierigkeiten. Fieber alleine oder Kopfweh falle nicht darunter.

Dr. Friedrich Pürner: „Wir müssen wegkommen von der Abstreicherei“

Pürner rät dringend: „Wir müssen wegkommen von der Abstreicherei.“ Eigentlich müsste bei Patienten, die in Quarantäne gehen, ein Abstrich gemacht werden. „Aber durch die Abstreicherei werden Kapazitäten gebunden, die anderswo fehlen. [...] Wir können das gar nicht mehr leisten.“

Hinzu kommt: Das Gesundheitsamt hat keine Schutzausrüstung mehr. Die Vorräte von etwa 30 Stück, die normalerweise ausreichten, sind laut Pürner aufgebraucht. Nachbestellungen seien nicht möglich. Es sei nichts mehr verfügbar. „Es gibt auch keine adäquaten Abstrichröhrchen mehr.“ Wo überhaupt möglich, müsse mit Trockentupfern ähnlich wie Ohrenstäbchen improvisiert werden.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) sei an der Belastungsgrenze. Unter der Telefonnummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes, 116117, kämen viele nicht mehr durch. Pürner sorgt sich um die Handlungsfähigkeit des Gesundheitssystems und sagt: „Abstreicherei ist fachlich nicht mehr angezeigt. Schon gar nicht bei Symptomlosen.“ Nun müsse man sich auf die Kranken konzentrieren.

Corona-Hotline in Aichach-Friedberg ist personell nicht machbar

Der Wunsch vieler Bürger nach einer Corona-Hotline im Landkreis sei nicht erfüllbar. Dafür brauche es Mitarbeiter mit medizinischem Fachwissen. Doch die Kräfte am Gesundheitsamt seien derzeit anderweitig gebunden. „Das Personal fehlt schon bei routinemäßigen Aufgaben“, so Pürner. „Der gesamte öffentliche Gesundheitsdienst ist in den letzten Jahren kaputtgespart worden“, kritisiert er. Kritisch sieht er auch die Informationsflut seitens der Ministerien. Die Gesundheitsämter würden mit Mails und Informationen bombardiert, die sich zudem zum Teil widersprächen. „Ich bitte darum, dass sich die verschiedenen Ministerien absprechen.“

Auch die Verfügung des Gesundheitsministeriums, Kita- und Schulkinder nicht mehr zu betreuen, die in den vergangenen 14 Tagen in einem Risikogebiet waren, sieht er kritisch – zumal viele Kinder schon wieder in der Schule gewesen seien. Er kenne Fälle von Kindern, die nicht mehr in die Schule gingen, aber weiterhin in den Sport- oder Musikverein. Für Lehrer gelte die Anordnung nicht: Sie müssten weiter in die Schule. Pürner: „Ich weiß nicht, ob das alles so optimal ist.“

Coronavirus: Bürger sollen im Alltag Vernunft walten lassen

Aktuell gebe es keine Einrichtung, die vom Gesundheitsamt die Empfehlung habe zu schließen. Pürner plädiert für so wenig Behinderung des öffentlichen Lebens wie möglich. Wenn weiter so viele Menschen unter Quarantäne gestellt würden, säßen bald alle daheim. Was rät er für den Alltag? Jeder solle Vernunft walten lassen und abwägen, wie fit er sei und wohin er gehe. „Das sind normale Regeln, die man in jedem Jahr beherzigen sollte.“ Wer tatsächlich krank sei, solle zum Arzt gehen. Wer einkaufen müsse, solle einkaufen. Die Gefahr, sich dabei anzustecken, sei sehr gering.

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Die Diskussion ist geschlossen.

11.03.2020

Die geringe Anzahl von Neuinfizierten im Landkreis AIC ist natürlich auch eine Folge von der Überlastung des Gesundheitsamtes.
Wenn der Wunsch des Leiters umgesetzt wird, wird es auch keine neuen Infizierten geben, da ja nicht getestet wird.

10.03.2020

30 Stück Schutzausrüstung? Das ist doch ein Scherz oder? Das ist komplett lächerlich.
Warum werden Bundeswehrbestände (die doch sicher vorhanden sind) nicht an Ämter, Rettungsdienste und Feuerwehr ausgegeben?
Aber die Devise scheint zu sein: AUGEN ZU UND DURCH