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Aichach-Friedberg

06.10.2020

Gesundheitsamtsleiter Pürner kritisiert Corona-Maßnahmen

Die Maskenpflicht an Schulen ist ein Aspekt der Corona-Strategie der Staatsregierung, den Dr. Friedrich Pürner kritisiert.
Bild: Benedikt Siegert (Symbol)

Plus Friedrich Pürner, Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg, spricht sich unter anderem gegen eine Maskenpflicht für Schüler aus. Dafür erntet er Lob und Kritik.

Bayernweit ist der Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg im Gespräch. Dr. Friedrich Pürner hat in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk die Corona-Strategie der Staatsregierung kritisiert. Der Epidemiologe hat schon wiederholt offizielle Corona-Maßnahmen infrage gestellt. In dem Interview sagte er, er sei der fachlichen Meinung, dass Schüler im Unterricht keine Masken tragen sollten.

„Jeder, der Masken länger aufhat, weiß, dass es darunter unangenehm und warm ist“, sagte Pürner gegenüber unserer Redaktion. Er denkt deswegen, dass die Maske die Kinder einschränkt. Außerdem sei es in Krankenhäusern üblich, die medizinischen Masken nach einer gewissen Zeit zu wechseln, weil die Schutzwirkung nachlasse. Das sei in Schulen nicht der Fall. Die wichtigsten Maßnahmen, um die Pandemie zu bekämpfen, sind für Pürner „eine ordentliche Händehygiene und Abstandhalten“. Für die üblichen Masken aus Stoff sei kein ausreichender Schutz nachgewiesen.

Corona: Pürner kritisiert derzeitige Regelung der Sieben-Tage-Inzidenz

Ein weiterer Kritikpunkt von Pürner: Derzeit entscheidet die Staatsregierung anhand der sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz, ob ein Landkreis oder eine Stadt zum Beispiel Corona-Hotspot ist. Die Maßnahmen richten sich danach, wie viele Menschen in den letzten sieben Tagen positiv getestet wurden. Pürner hält die derzeitige Regelung der Sieben-Tage-Inzidenz aber nicht für aussagekräftig. Denn die Tests könnten auch positiv ausfallen, obwohl jemand nicht infiziert sei. Er schlägt vor, die Meldepflicht zu erweitern. „Ich möchte auch wissen: Wie krank ist jemand?“, sagt Pürner. Seiner Meinung nach sollten Entscheidungen auf der Basis davon getroffen werden, wie viele Menschen wirklich an Covid-19 erkrankt seien, also auch Symptome zeigen, und wie schwer diese seien.

Als Reaktion auf das Interview sagte am Dienstag Florian Herrmann ( CSU), der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, dass er Pürners Aussage zur Inzidenz schlichtweg nicht teile. Es gehe darum, eine hohe Verbreitung des Virus möglichst früh zu erkennen, nicht erst, wenn die Intensivbetten voll seien. „Da sind solche Aussagen nicht hilfreich“, so Herrmann.

Grüne im Kreis Aichach-Friedberg kritisieren den Gesundheitsamtsleiter

Die Grünen im Kreis Aichach-Friedberg kritisieren den Gesundheitsamtsleiter ebenfalls. Stefan Lindauer, Kreissprecher der Grünen, sagt: „Derartige Aussagen in der Öffentlichkeit führen zu Unsicherheit sowie Nachlässigkeit unter den Bürgern und Bürgerinnen.“ Im Umgang mit der Corona-Pandemie gehe es nicht nur um das wissenschaftliche Fachwissen, sondern um die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen. Christina Haubrich, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, äußert sich ebenfalls dazu: Der Erfolg der letzten Wochen habe gezeigt, wie wichtig es gewesen sei, dass Kinder in der Schule Maske getragen hätten. „Ist es denn nicht sinnvoller, Masken zu tragen als ganze Schulen wieder zu schließen?“, so Haubrich.

Friedrich Pürner bemängelt die Corona-Strategie der Staatsregierung.
Bild: Claudia Bammer

Wegen seines Umgangs mit der Corona-Pandemie stand Pürner im Landkreis bereits mehrfach in der Kritik. Im Frühjahr starben 17 Bewohner des AWO-Heims in Aichach im Zuge eines Corona-Ausbruchs im Seniorenheim. Pürner warf dem Heim schwere Versäumnisse vor, unter anderem in der Infektionshygiene. Der Leiter des AWO-Heims wiederum kritisierte das Gesundheitsamt dafür, erst spät einen Reihentest aller Mitarbeiter und Bewohner vorgenommen zu haben. Pürner sagte, er finde Reihentests nicht sinnvoll, da sie nur eine Momentaufnahme abbilden.

96 Mitarbeiter eines Spargelhofs im Juni positiv auf Corona getestet

Im Juni dann wurden 96 Mitarbeiter eines Spargelhofs positiv auf Corona getestet, zeigten aber keine Symptome. Pürners Hypothese war, dass die Mitarbeiter die Krankheit bereits vor längerer Zeit durchlaufen hatten. Das Gesundheitsamt stellte die Mitarbeiter zwar unter Quarantäne, ordnete aber nicht an, den Spargelhof zu schließen. In Leserbriefen, Anrufen und Facebook-Kommentaren warfen Kritiker Pürner vor, das Geschehen vor Ort zu verharmlosen. Pürner ist außerdem für seine Aussage kritisiert worden, dass er die Corona-Warn-App nicht benutzen wolle.

Pürner sagt, er habe auf das Interview viele positive Reaktionen von Bürgern, Ärzten und auch Kollegen aus anderen Gesundheitsämtern Bayerns bekommen. Seine Vorgesetzten in der Bayerischen Staatsregierung seien „etwas irritiert“ gewesen. „Aber ich habe keinen Maulkorb verpasst bekommen“, betont Pürner. Er greife auch niemanden persönlich an und setze die Vorgaben des Gesundheitsministeriums um – auch solche, die er kritisiert. „Ich versuche ja nur, dass die Dinge optimaler werden“, so Pürner. Es gehe ihm darum, eine fachliche Diskussion zu führen.

Der Gesundheitsamtsleiter will allerdings auch kein Lob aus der falschen Ecke dafür bekommen. Pürner sagt, er wolle nur seine Meinung sagen, losgelöst von Parteien.

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