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Aichach-Friedberg: "Homeschooling ist noch keine Alternative zum Unterricht vor Ort"

Aichach-Friedberg

"Homeschooling ist noch keine Alternative zum Unterricht vor Ort"

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    In der Hochphase der Corona-Pandemie mussten sich viele Schüler an Distanzunterricht gewöhnen.
    In der Hochphase der Corona-Pandemie mussten sich viele Schüler an Distanzunterricht gewöhnen. Foto: Alexander Kaya (Symbolbild)

    Frau Nehm, Sie sind in der Landes-Eltern-Vereinigung (LEV) der Gymnasien in Bayern. Was wünschen Sie sich für das neue Schuljahr?
    EVELIN NEHM: Mehr Ruhe. Ich wünsche mir, dass die Schüler nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie wieder die Chance haben, die Schule als ruhigen Lernort zu erleben.Von Corona-Regeln bis Unterrichtsausfall: Was im neuen Schuljahr wichtig istSchulstart

    Evelin Nehm ist in der Landes-Eltern-Vereinigung (LEV) der Gymnasien in Bayern, im Bundeselternrat und Vorsitzende der Arge der Gymnasien Augsburg und Umgebung.
    Evelin Nehm ist in der Landes-Eltern-Vereinigung (LEV) der Gymnasien in Bayern, im Bundeselternrat und Vorsitzende der Arge der Gymnasien Augsburg und Umgebung. Foto: Ruth Forrester

    Welche Corona-Maßnahme hat die Schüler an den Gymnasien besonders beeinträchtigt?
    NEHM: Keine einzelne Maßnahme, aber die ganze Situation. Es hat sich ständig alles verändert – die Schüler mussten sich ständig darauf einstellen. Und überall lief es anders. Je nachdem, wie engagiert die einzelne Schule oder der einzelne Lehrer war. Manche haben Kinder in Quarantäne mit Unterrichtsmaterialien versorgt, andere nicht. Es gab keine einheitlichen Regelungen.

    Gerade die älteren Schüler sind nach eigenen Angaben offenbar gut mit dem Homeschooling zurechtgekommen. Wäre Ihrer Ansicht nach auch künftig ein gewisser Anteil an Homeschooling möglich oder sogar sinnvoll?
    NEHM: Die älteren Schüler haben es natürlich ausgelebt, spät aufstehen zu können und sich den Tag selbst zurechtzulegen. Ich denke aber, in ein, zwei Jahren wird sich zeigen, ob es nicht doch Bedarf zum Nacharbeiten gibt. Ich vermute, schon. Corona hat gezeigt, dass wir am Homeschooling arbeiten müssen. Wenn es dafür einheitliche Richtlinien gibt und alle Schüler zu Hause die gleichen Voraussetzungen haben, könnte es eine Alternative sein. Aber sicher nicht, wenn Lehrer fehlen und Stunden abgedeckt werden müssen. Zudem müssen die Eltern besser eingebunden werden.

    Für diesen Herbst wird wieder eine neue Corona-Welle erwartet. Eine generelle Maskenpflicht an den Schulen soll es nicht geben. Diese kann von den Ländern allerdings über eine Hotspot-Regelung verhängt werden. Ist das der richtige Weg?
    NEHM: Zum Thema Maskenpflicht gibt es viele verschiedene Meinungen. Generell gilt: Wenn eine Verordnung kommt, muss sie umgesetzt werden. Alle Elternverbände haben sich aber dafür eingesetzt, dass es für den Herbst einen konkreten Maßnahmenkatalog gibt. Der ist nicht gekommen, und das ist schlecht. Denn die Umsetzung ist einfacher, wenn jeder genau weiß, was ihn erwartet.

    In der Corona-Pandemie wird auch der Ausbau der Digitalisierung an den Schulen vorangetrieben. Wie sieht es an den Gymnasien aus?
    NEHM: Das hängt stark davon aus, wie viel Geld der Träger hat. Manche Schulen haben noch nicht einmal einen guten DSL-Anschluss, andere sind perfekt ausgestattet. Die Stadt Augsburg muss sich beispielsweise um 70 Schulen kümmern. Dagegen müssen die Landkreise Augsburg und Aichach-Friedberg nur die weiterführenden Schulen ausstatten. Beim bayerischen Kultusministerium gibt es gute Ansätze zu diesem Thema, aber fair wäre es, wenn jede Schule vom Freistaat das gleiche Geld für die Digitalisierung bekommen würde. Aber das ist Zukunftsmusik.

    Wie steht es um die Versorgung mit Lehrkräften? Gibt es an den Gymnasien ebenfalls einen Mangel wie an den Grund- und Mittelschulen?Schule startet ohne verschärfte Regeln – und mit zu wenigen LehrkräftenBildungspolitik
    NEHM: Es kommt darauf an, um welche Fächer es geht. Der Freistaat hat zuletzt versucht, mit vielen kurzfristigen Lösungen Löcher zu stopfen, aber der Markt ist leer. Spannend wird es 2025, wenn das G9 wieder komplett an den Schulen ist und eine ganze Jahrgangsstufe dazukommt. Grundsätzlich muss auch die Anerkennung des Lehrerberufs in der Gesellschaft zunehmen. Und auch die Anerkennung für junge Lehrer an den Schulen. Dass manche Lehrer nur befristete Arbeitsverträge bekommen und in den Sommerferien arbeitslos sind, ist eine Unverschämtheit. Da spart man am falschen Fleck.

    Wie hat die Integration ukrainischer Schülerinnen und Schüler im vergangenen Schuljahr geklappt? Was erwarten Sie für dieses Jahr?
    NEHM: An die Gymnasien sind zuletzt nicht so viele ukrainische Flüchtlinge gekommen. Wir müssen erst abwarten, wie viele es dieses Jahr sind. Aber es gibt große Unsicherheiten: Reicht der Platz, reichen die Lehrer? Besonders spannend wird es in den Ballungszentren, denn dort sind die Schulen proppenvoll.

    Welche anderen drängenden Probleme sehen Sie an den bayerischen Gymnasien?
    NEHM: Die Schulleiter und Lehrer brauchen dringend Unterstützung durch Verwaltungsfachkräfte. Die Bürokratie ist in den vergangenen Jahren immer mehr geworden. Die Lehrer müssen sich wieder aufs Lehren konzentrieren können, und die Fachkräfte müssen die Verwaltungstätigkeiten machen.

    Die LEV fordert zudem je Schule die Einstellung eines Sozialpädagogen. Warum?
    NEHM: Auch die Schüler an den Gymnasien können psychische Probleme haben oder Probleme mit dem Elternhaus oder in der Klasse. Die Schulpsychologen, die auch Lehrer sind, haben oft nur ein paar Stunden Zeit für diese Aufgabe. Auch manche Lehrer brauchen Hilfe. In Augsburg hat es in letzter Zeit drei Suizide von Schülern gegeben, und auch im Landkreis Aichach-Friedberg gab es in den vergangenen Jahren mehrere Fälle. Vielleicht hätte ein Sozialpädagoge, der von außen kommt und kein Lehrer ist, helfen können.

    Sie engagieren sich in der Elternarbeit. Werden Ihren Anliegen und Vorschlägen genug Gehör geschenkt, oder gibt es hier noch viel Verbesserungsbedarf?
    NEHM: Manchmal hat man den Eindruck, nein, weil gefühlt immer alles viel zu langsam geht. Aber wir haben im Kultusministerium und in der Politik gute Ansprechpartner. Bei unserer letzten LEV-Mitgliederversammlung war sogar Ministerpräsident Markus Söder zu Gast und hat uns eine Stunde lang zugehört. Da er selbst Vater von vier Kindern ist, hat er auch einen gewissen Einblick, was ein Luxus ist. Manche kleinere Dinge wurden auch schon umgesetzt. Ein Problem sind einzelne Schulleiter, die Eltern nach wie vor nicht auf Augenhöhe sehen. Die Eltern müssen es aber auch einfordern, Partner zu sein und auch Zeit investieren. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Eltern ehrenamtlich engagieren und dass das Ehrenamt mehr geschätzt wird.

    Zur Person

    Evelin Nehm, 52, aus Aichach hat drei Töchter und engagiert sich seit der Krabbelgruppe ihrer Kinder in der Elternarbeit. Zuletzt war sie im Elternbeirat des Gymnasiums bei St. Stephan in Augsburg. Sie ist in der Landes-Eltern-Vereinigung (LEV) der Gymnasien in Bayern, im Bundeselternrat und Vorsitzende der Arge der Gymnasien Augsburg und Umgebung, also auch Aichach-Friedberg. Die gelernte Immobilienwirtin treibt der Wunsch an, auch "oben" etwas verändern zu können.

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