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Neusäß-Ottmarshausen

19.04.2019

Der Schöngeist und die Kämpferin

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4 Bilder
Ein Duo mit ganz und gar unterschiedlichen Eigenschaften: Die Ex-Boxerin Tina Schüßler, die sich jetzt auch als Musikerin versucht, und der vielseitige Künstler Clemens Brocker.
Bild: Marcus Merk

Plus Hausbesuche: Tina Schüßler und Clemens Brocker sind nicht nur auf den ersten Blick sehr verschieden. Dennoch ist dies genau das Erfolgsrezept für die Beiden.

Es ist ein scheinbar kleines Häuschen an einer scharfen Kurve in der Ottmarshauser Straße in Ottmarshausen. Der Weg hinein führt durch den Garten, in dem einige Skulpturen stehen, die Clemens Brocker geschaffen hat – aber auch Modell von Skulpturen, die anderweitig aufgestellt wurden.

Die bisher eher cremefarbige Fassade ist zum Teil leuchtend überstrichen. „Diesen Farbton möchte ich für die ganze Fassade“, sagt der 57-Jährige. „Ich wollte immer ein eigenes Haus. Rechts führt ein Tor in eine Art Schuppen, der zum Haus gehört. Über eine schmale Stiege geht’s hinauf in Brockers Atelier unter einem hölzernen Giebel. An einer Wand sind zwei Bilder, aus denen runde Röhren herausragen. „Die stammen aber nicht vorn mir“, sagt der Künstler. „Nein, die sind von mir und ich glaube sie gefallen Clemens nicht“, räumt Tina Schüßler ein.

Die „komische Boxerin“ und der „eingebildete Architekt“

Seit zwei Jahren nun lebt Clemens Brockers Lebenspartnerin Tina Schüßler mit ihm und ihrem Sohn Kevin sowie derzeit vier Katzen in diesem Haus. Bereits seit sieben Jahren sind sie zusammen. „Ich kenne ihn aber schon, seit ich 14 bin“, sagt die 44-jährige Boxerin und Sängerin. „Wir waren uns damals überhaupt nicht sympathisch.“ Die „komische Boxerin“ und der „eingebildete Architekt“ hätten in dieser Zeit niemals einen Gedanken darauf verschwendet, dass sie einmal zusammenleben werden.

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Ein Architektenauftrag Brockers änderte das schlagartig: „Wir sind uns bei der Umgestaltung von zwei Apotheken in Diedorf wieder begegnet und dabei Zug um Zug näher gekommen“, erzählt Clemens Brocker.

Derzeit ist es eng im Büro

Im Haus selbst gleich hinter der ersten Tür links hat der Künstler sein Büro. „Hier gestalte ich am Computer auch meine architektonischen Arbeiten.“ Derzeit ist es eng im Büro. „Ich bin noch mit dem Nachlass meiner Mutter beschäftigt, dazu gehören sehr viele Bilder, die ich hier erst mal untergebracht habe“, sagt Brocker. Auch der Flur macht einen eher schmalen Eindruck. Blickt man nach unten, findet sich eine Terrazzofläche mit einem Mosaik. „Ich hab den Terrazzoboden, soweit er noch erhalten war, freigelegt, weil er zum Charakter dieses Hauses gehört.“

Über eine schmale Treppe gehts nach oben in den ersten Stock. Links befindet sich eine große Küche, mit mannshohem Kühlschrank im amerikanischen Stil. Daneben ist ein großer Esstisch, der viel Platz für Familie und Gästen an der Tafel bietet. „Über Jahrzehnte haben wir hier in der Küche auch Akte gezeichnet“, erzählt der Künstler.

Stolze 1400 dieser Akte hat er in seinem Büro aufbewahrt. Nicht zuletzt sein Ottmarshauser Künstlerkollege und Freund Wilhelm Eger nutzte den Raum als Atelier. „Das Tolle hier ist, dass von drei Seiten – aus Osten, Westen und Norden – Licht einfällt.“

Jeder hat einen Platz für sich

Im Dachgeschoss, das aus einem großen hellen Raum besteht und dem Schlafzimmer, wird erst deutlich, wie viel Platz das scheinbar so kleine Häuschen in sich birgt. „Das ist auch gut so, hat meine Patchworkfamilien-Erfahrung gezeigt“, so der Künstler. Er selbst hat aus einer früheren Beziehung drei erwachsene Kinder, die bereits auf eigenen Füßen stehen. Tina Schüßler hat ihren Sohn Kevin. „Da ist es wichtig, dass jeder auch seinen Platz hat, wo er in Ruhe für sich sein kann.“

Schüßler widmet sich im Dachgeschoss nun der Musik. Dort steht eine Stereoanlage, aber auch ein Keyboard. „Wenn ich heimkomme, relaxe ich hier, spiele Keyboard und komponiere meine Songs“, so Tina Schüßler. „Und das oft mitten in der Nacht.“

Ein beinahe schon sakral wirkender Charakter

Große Fenster geben tagsüber den Blick über einen benachbarten Bauernhof ins Schmuttertal frei. Diese Giebelfenster hat Brocker selbst eingebaut und dem ganzen Raum einen beinahe schon sakral wirkenden Charakter gegeben. Dem Künstler hat das Haus sofort gefallen: „Ich liebe diesen Blick ins Grüne, den er ist, dank des Schutzgebiets unverbaubar und wird es auch bleiben.“

Die Musik ist für Tina Schüßler eine Leidenschaft, für die sie lange nie die Zeit fand. Gesungen hat sie schon immer gerne, war als Kind auch im Chor. Schüßler spielt Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Zuletzt trat Tina Schüßler sogar in Paris auf – mit großem Erfolg: „Die Menschen gingen gleich voll ab, als ich auf die Bühne kam, noch vor ich begann zu singen – in Augsburg muss man die Begeisterung immer erst anfachen.“ Am Tag danach wurde sie, wie berichtet, Zeugin, als die Kathedrale Nôtre Dame abbrannte.

Ein professionelles Ton-, Musik- und Fernsehstudio

Wenn sie im Dachgeschoss einen Song fertig komponiert hat, kann es schon sein, dass sie ihn im Erdgeschoss auf ihrem dort stehenden Klavier spielt. In Diedorf hat Tina Schüßler auch noch ein professionelles Ton-, Musik- und Fernsehstudio eingerichtet, sie macht Moderationen. „Außerdem möchte ich einen Musikertalk starten.“ Wer sieht, wie sie dabei strahlt, hat keine Zweifel, dass ihr das neben den vielseitigen anderen Beschäftigungen auch noch gelingen wird. Nach ihren schweren Erkrankungen lebt die temperamentvoll-burschikose Frau nach dem Motto: „Nütze die Zeit und mache, was Dir guttut.“

Viele kennen nun Clemens Brockers Skulpturen, die er aus Metall oder oftmals mit der Kettensäge aus Holz gestaltet. Der muskulöse Bildhauer mit der Kettensäge und die singende Boxerin – eine nicht alltägliche Kombination. „Wir sind beide vom Naturell her sehr dominant“, sagt Brocker. „Wäre es anders, würde es nicht funktionieren“, ist er überzeugt. „Jeder von uns macht seines, keiner gluckt.“

Rückzugsräume für die Patchwork-Familie Brocker/Schüßler

Umso wichtiger ist aber auch, dass es für alle Mitglieder der Patchwork-Familie Brocker/Schüßler in dem Haus jeweils Rückzugsräume gibt. Das gilt ebenfalls für die vier Katzen. „Jede Katze hat eine eigene Persönlichkeit, das ist das Faszinierende an ihnen“, erklärt Brocker. Allerdings ist es an der engen Straße mit der unübersichtlichen scharfen Kurve vor dem Haus schon wiederholt vorgekommen, dass eine Katze überfahren wurde.

Auch Clemens Brocker zieht sich zurück – beispielsweise wenn er Bilder schafft. „Beim Malen ein Requiem zu hören, das ist cool“, sagt er und schmunzelt. „Auch wenn das für Außenstehende vielleicht etwas eigenartig erscheinen mag.“ Vor allem eine historische Aufnahme des Verdi-Requiems hat es ihm angetan.

Bereits erschienen in unserer Serie Hausbesuche:

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