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Horgau-Bieselbach

14.04.2019

Hausbesuche: Die Rothtal-Fische und ihr Meister

Insgesamt 18 Becken bewirtschaftet Carsten Lange in Bieselbach. 
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Insgesamt 18 Becken bewirtschaftet Carsten Lange in Bieselbach. 
Bild: Marcus Merk

Plus Carsten Lange führt als Familienbetrieb die Fischzuchtanlage bei Bieselbach. In der Mühlangerstraße haben aber auch Schwäne und Schafe einen Auftrag.

Diese Nachbarn und Mitbewohner wünscht sich wahrscheinlich jeder. Sie schreien nicht, sind genügsam und bescheren dem Hausherrn ein ausreichendes Einkommen. Und ihr größer Vorteil: Sie schmecken hervorragend. Carsten Lange wohnt in diesem Paradies zwischen Horgau und Zusmarshausen. Autofahrern ist es bestens bekannt. Denn: Langes Fischzuchtbecken liegen gut sichtbar neben der Staatsstraße 2510. Wer die kleine Abzweigung bei Bieselbach nicht verpasst, der findet in der Mühlangerstraße 4 eine Idylle mit einem tierischen Miteinander.

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„Es war mein Großvater, der 1965 auf die Idee mit der Fischzucht gekommen ist“, sagt Lange. Das war vor 54 Jahren. Carsten Lange war damals zwei Jahre alt. Kurz darauf hat seine Mutter das Geschäft übernommen. „Sie ist gelernte Fischzuchtmeisterin, Meisterin der Hauswirtschaft und Bürokauffrau“, sagt Lange. Und auch heute noch ist die mittlerweile 75-Jährig aktiv und übernimmt die Schreibtischarbeit. Denn Lange selbst hat alle Hände voll damit zu tun, sich um seine tierischen Bewohner zu kümmern. Und sein Sohn hat mit Fischzucht nur wenig zu tun. „Der macht etwas anständiges“, sagt er, „der ist Beamter“.

Ein Jahr lang das frische Wasser der Roth genießen

Forellen, Saiblinge, Lachsforellen und Karpfen tummeln sich in den Zuchtbecken. Insgesamt 18 gibt es. Lange bekommt die Fische im Alter zwischen zwölf und 15 Monaten. Bis zur Schlachtreife dürfen sie etwa ein Jahr lang das frische Wasser der Roth genießen. Dieser Bach speist jedes Becken und sorgt für frischen Austausch. Ein großer Vorteil gegenüber stehenden Gewässern. Denn neben Futter ist vor allem der Sauerstoffgehalt des Wassers gerade für Salmoniden überlebenswichtig.

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Steigt die Temperatur zu sehr, geht den Fischen quasi die Puste aus. Im vergangenen Sommer hat Lange daher den Besatz reduzieren müssen. Auch die Futterzufuhr wird an heißen Tagen zurückgeschraubt. „Der größte Fehler ist, die Fische zu überfüttern“, warnt Lange. Er achtet akribisch auf das optimale Lebensumfeld. Und er weiß genau, wie munter sich ein Fisch im Wasser fühlen muss.

Euch einige schwarze Schwäne gehören zum Personal

„Der Seesaibling verträgt keine Temperaturen von mehr als 18 Grad“, sagt der gelernte Fischwirt mit Meistertitel. Ein Bachsaibling hingegen sei resistenter. Der Elsässer Saibling wiederum, eine Kreuzung dieser beiden Arten, sei der robusteste Fisch. Um die Wasserqualität konstant auf hohem Niveau zuhalten, hat sich Lange daher weitere Unterstützung besorgt. So gehören seit einiger Zeit auch einige schwarze Schwäne zum Personal in der Mühlangerstraße. „Sie beseitigen die Wasserpest“, erklärt Lange. Dabei handelt es sich um eine Wasserpflanze, die zur Familie der Froschbissgewächse gehört und explosionsartig regelrechte Unterwasserwälder bilden können. Langes Nachbarschaft ist damit aber noch nicht komplett. Zwischen den Fischbecken und dem kleinen See grasen einige Schafe mit ihren Lämmern auf der Wiese. Sie werden jedoch nicht zur Nahrungsergänzung gehalten. Lange erklärt ihren Job: „Sie sollen die Wiesen abweiden“. Eine wertvolle Unterstützung ist auch Hündin Kira. „Eine Mischung aus Ungeheuer und Vielfraß“, sagt Lange und krault ihr liebevoll das schwarze Fell hinter den Ohren.

Kira hat wichtige Aufgaben. Sie passt auf, dass sich nachts keine Fischwilderer an den Becken zu schaffen machen. Und tagsüber hat sie ein wachsames Auge auf die Fischreiher, die sich ebenfalls zu gerne an den Salmoniden bedienen. Fischreiher und Hund verbindet aber eine gemeinsame Leidenschaft.

Hin und wieder keschert Lange verletzte Fische mit einem Loch in der Seite. „Reiherstiche“, knurrt er. Zeichen eines gescheiterten Versuchs, sich den Fisch einzuverleiben. Für den Verkauf nicht geeignet – für Kira ein willkommener Leckerbissen. Und zwar frisch filetiert von Herrchen höchstpersönlich.

20 Stück pro Minute können mit der Maschine verarbeitet werden

Nicht jeder von Langes Mitarbeitern kann so fein die Klinge führen, wie der Chef. Die etwa 30 Jahre alte Maschine für das automatische Ausnehmen der Fische, wird daher in der Rothtal-Fischzucht erst bei größeren Chargen angeworfen. 20 Stück pro Minute können dann verarbeitet werden. „Das lohnt sich, wenn wir beispielsweise eine Bestellung für mindestens 200 Regenbogenforellen haben“, sagt Lange. Automatisch werden dann die Innereien entnommen. „Und die Kiemen“, fügt der Meister der Fischwirtschaft hinzu. Darauf leg er großen Wert. Einige Züchter würden zwar aus Gewichtsgründen die Kiemen dranlassen. Aber solche Verkaufstricks hat Lange „dicke“.

Fast täglich wird bei Langes geräuchert. Doch kurz vor Ostern kommen wieder mehr Kunden, um sich eine fangfrische Regenbogen- oder Lachsforelle als Karfreitagsmahl zubereiten zu lassen. Vom Fang bis zum fertigen Filet dauert es bei Lange maximal fünf Minuten. Jeder Handgriff sitzt.

Schmutz im Filetierhaus hat Lange „dicke“

Ein Schlag auf den Kopf, Überprüfung des Augendrehreflexes, ob der Fisch auch betäubt ist, dann der Kiemenschnitt. Der Fisch blutet binnen kürzester Zeit aus. Es folgen zwei Schnitte entlang des Rückens, die Gräten über den Bauchlappen entfernen, fertig. Nach jedem Fisch wird der Edelstahltisch mit Wasser abgespült. Die Abfälle werden regelmäßig von der Tierkörperbeseitigungsanstalt abgeholt. Denn Schmutz im Filetierhaus? Den hat Lange ebenfalls „dicke“.

Sauberkeit bei der Verarbeitung und Sauberkeit bei der Fischzucht, das sind Langes oberste Gebote. Wer sich erdreistet, mit Straßenschuhen über den Verkaufsraum im Keller hinaus ins Schlachthaus zu gehen, wird sofort zurückgepfiffen. Einen zweiten Versuch wird daraufhin niemand wagen.

Eintrag von Dünger ins Wasser muss vermieden werden

Nicht zurückpfeifen kann Lange aber die Politiker, die ein nicht nur in seinen Augen zu lasches Gesetz zu verantworten haben. So wie viele andere Fischer ärgert auch er sich darüber, dass in Bayern keine Gewässerschutzstreifen vorgeschrieben sind. „Daher habe ich auch direkt das Volksbegehren für Artenvielfalt unterschrieben“, sagt er. Schließlich beinhalte diese Gesetzesvorlage, dass landwirtschaftliche Flächen nicht bis zum Ufer bewirtschaftet werden dürfen. Der Eintrag beispielsweise von Dünger ins Wasser soll so vermieden werden.

Für Lange und seine tierischen Nachbarn und Mitbewohner wird es in den nächsten Tagen hochhergehen. Karfreitag steht an und Fisch steht in vielen Haushalten auf dem Speiseplan. Die schwarzen Schwäne werden gegen die Wasserpest ankämpfen, Kira versucht, die Fischreiher zu vertreiben, und hofft auf ein durch Stiche durchlöchertes Filet. Die Schafe und Lämmer grasen Wiese ab und Meister Lange wetzt die Klingen – und hofft, dass möglichst viele Kunden bei Bieselbach von der Staatsstraße 2510 in die Mühlangerstraße abbiegen.

Bereits erschienen in unserer Serie Hausbesuche:


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