Diedorf: Tierschutz per Drohne: Für Kitze in Diedorf kommt die Rettung vom Himmel
Diedorf
Tierschutz per Drohne: Für Kitze in Diedorf kommt die Rettung vom Himmel
Felix Kuwert ist Jäger und Drohnenpilot. Um die Rehkitze in Diedorf vor dem Mähtod zu retten, hat er sich eine Woche Urlaub genommen. Die Landwirte loben die Aktion.
Die Drohne von Felix Kuwert ist eine DJI Mavic 2 Enterprise advanced und verfügt über eine Kamera, die Wärmebilder oder Aufnahmen in Echtzeit überträgt. In Diedorf hilft er damit Rehkitze zu retten.Foto: Marcus Merk
Dieser Tod kommt nicht auf leisen Sohlen. Vielmehr nähert er sich mit lautem Getöse. Mit seinem mehrere Meter breiten Mähwerk fährt der Landwirt rasend schnell auf das Kitz zu. Das erst vor wenigen Tage geborene Reh duckt sich ängstlich tief in das hohe Gras. Versucht sich unsichtbar zu machen. Doch es hat keine Chance. Von dem tödlichen Drama bekommt der Landwirt hoch oben am Steuer seines Traktors gar nichts mit. Erst später, wenn der Wender über das gemähte Feld fährt, wird das blutige Knäuel im frisch geschnittenen Gras zu sehen sein. "Ein Anblick, den kein Landwirt sehen will", sagt Felix Kuwert. Und um dies zu vermeiden, hat er sich eine Woche Urlaub genommen und kontrolliert mit seiner Drohne die Felder vor jeder Mahd.
Heute ist Kuwert in Diedorf im Einsatz. Schon Tage vorher hat der 32-Jährige auf einer großen Karte seine Rettungsaktionen generalstabsmäßig geplant. Er steht im ständigen Austausch mit den Landwirten. "Es ist unglaublich, wie kooperativ sie auf meinen Vorschlag, die Felder mit einer Drohne abzusuchen, reagiert haben", lobt er. Fabian Albrecht ist einer von ihnen, der die ehrenamtlichen Dienste des Jägers nur allzu gerne annimmt. "Die Aktion ist super", sagt er. Schließlich sei es auch im Interesse der Landwirte, möglichst viele Kitze zu retten. Und statt mühsam jedes Feld zu Fuß zu kontrollieren, erledigt nun eine Drohne diese Aufgabe binnen weniger Minuten.
Felix Kuwert rettet mit seiner Drohne Rehkitze vor dem Mähtod
Felix Kuwert sitzt konzentriert auf einem Klappstuhl und schaut auf das Display seines Steuergeräts. Die Drohne ist eine DJI Mavic 2 Enterprise advanced und verfügt über eine Kamera, die wahlweise Wärmebilder oder Aufnahmen in Echtzeit überträgt. Rund 7000 Euro kostet dieses Hightech-Gerät, das sich der Jäger privat angeschafft hat. Dafür aber erlebt er jetzt in der Setzzeit der Rehe täglich "ein Gefühl tiefer Zufriedenheit", wenn er wieder einmal ein Kitz vor dem grausigen Mähtod retten konnte. Fünf Kitze waren es bereits heute. Seit den frühen Morgenstunden ist er im Einsatz. Denn die Temperatur spielt eine entscheidende Rolle - vor allem bei der Flächenleistung.
Schon Tage vorher hat Felix Kuwert (links) auf einer großen Karte seine Rettungsaktionen geplant. Mit Bürgermeister Peter Högg bespricht er nun das weitere Vorgehen.Foto: Marcus Merk
"Wenn sich die Wiesen noch nicht so stark erwärmt haben, hebt sich das Kitz in der Darstellung auf dem Display besser ab", erklärt Kuwert. Denn: Hat er während des Überflugs die Wärmebildfunktion aktiviert, ist alles, was wärmer als der Untergrund ist, als weißer Fleck zu sehen.
"Je heller dieser ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein Kitz und nicht um einen Maulwurfshügel handelt", sagt er. Sobald er etwas Auffälliges entdeckt, lässt er mit dem linken Daumen am Joystick die Drohne ein wenig sinken und lässt sich die Bilder in Echtzeit übertragen. Kaum fliegt der Quadrocopter aus etwa 70 Meter Höhe gen Boden, passiert es.
Der Nachwuchs der Rehe duckt sich und wähnt sich in Sicherheit
In hohen Sprüngen flüchtet die Geiß vor dem surrendem Geräusch aus der Wiese. Ihr Nachwuchs hingegen duckt sich und wähnt sich in Sicherheit. "Da ein Kitz in der ersten Zeit keinen eigenen Geruch hat, ist es in der Regel vor Fressfeinden sicher", erklärt Revierpächter Andreas Wust. Die Taktik sei daher, möglichst unsichtbar zu bleiben und zu warten, bis die Gefahr vorüber ist. Eine tödliche Taktik, wenn es sich bei dem vermeintlichen Fressfeind um einen John Deere mit breitem Mähwerk handelt. Doch die Rettung naht.
Mit hohen Sätzen flüchtet das Kitz aus dem hohen Gras. Vor kurzer Zeit wäre es noch tief geduckt liegen geblieben.Foto: Marcus Merk
Hans Zysk ist ebenfalls Jäger und unterstützt Kuwert bei der heutigen Aktion. Seine Aufgabe ist es, das Kitz zu finden und in Sicherheit zu bringen. Kein leichtes Unterfangen, denn in diesem Jahr gibt es aufgrund des kalten und nassen Wetters in den letzten Wochen ein zusätzliches Problem. "Die Landwirte haben aufgrund des schlechten Wetters erst spät mit der Mahd begonnen", sagt Kuwert.
Das heißt: Die Kitze sind nicht mehr ganz so klein wie noch Anfang Mai und versuchen zu flüchten, sobald sich ein Mensch nähert. "Leider tun sie dies aber nicht, wenn sich eine Maschine nähert." So auch in diesem Fall. Mit seinen großen Knopfaugen hat das Kitz Jäger Zysk entdeckt und springt auf.
Diedorfer Landwirte können in aller Ruhe die Wiese mähen
Kuwert lässt seine Drohne wieder steigen und versucht, das Kitz mit der Kamera einzufangen. Vor ein, zwei Wochen hätte es sich noch problemlos aufheben und in Sicherheit bringen lassen. "Damit es keinen menschlichen Geruch annimmt, heben wir es vorsichtig mit Grasbüscheln oder mit Handschuhen hoch, legen es in eine Kiste und bedecken es mit Gras", erklärt Zysk. In aller Ruhe könne der Landwirt dann seine Wiese mähen. "Es fühlt sich wesentlich angenehmer an, wenn man weiß, dass man freie Fahrt hat", bestätigt Jungbauer Fabian.
Vom Fahrersitz aus hat der Landwirt keine Chance, ein Kitz im tiefen Gras zu bemerken. Foto: Marcus Merk
Er ist begeistert von dem ehrenamtlichen Einsatz der Jäger und nimmt gerne in Kauf, dass er vor der Mahd ein paar Minuten warten muss. Für einen Hektar benötigt Kuwert im Durchschnitt fünf Minuten. Doch das gute Gewissen, ein Kitz vor dem Mähtod gerettet zu haben, entschädige den zeitlichen Aufwand vollauf. Auch Peter Högg ist ein Fan der Luftaufklärung.
Diedorfs Bürgermeister ist nicht zuletzt aufgrund der 40 Hektar, die seiner Frau gehören, der Landwirtschaft eng verbunden. "Wir werden diese Aktion auf jeden Fall im nächsten Jahr wiederholen", zeigt er sich ob des Erfolgs der Drohnenflüge begeistert. Etwa ein halbes Dutzend Kitze sind an diesem Tag gerettet worden. Fast jedem Landwirt aber sei es schon passiert, dass ein Tier in die Messer der Mähwerke geraten ist. Noch einmal möchte er so etwas nicht erleben.
Auf dem Display erkennt der Drohnenpilot anhand der Farbkontraste, ob sich ein Lebewesen in der Wiese befindet.Foto: Marcus Merk
"Ich werde daher in Diedorf dafür sorgen, dass wir diese Drohnen-Rettung weiter ausbauen", verspricht er. Ziel sei es, möglichst alle Landwirte mit ins digitale Rettungsboot zu holen. Damit in Zukunft kein Kitz mehr tief geduckt im hohen Gras sehen muss, wie der Tod mit lautem Getöse näher kommt.