Natur: Wie ein 17-Jähriger Rehkitze aus der Luft vor dem Tod bewahrt
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Wie ein 17-Jähriger Rehkitze aus der Luft vor dem Tod bewahrt
Mit einer Drohne unterstützt der 17-jährige Marco Edenhofner Jäger und Landwirte bei der Suche nach Kitzen. Den Rehen droht bei der Wiesenmahd der Tod.
Ohne die Hilfe von Menschen wären Rehkitze angesichts anrückender Mähwerke verloren. Foto: Werner Blaha
Es regnet in Strömen, ein kalter Wind weht über das Kesseltal. Fünf Uhr morgens in Fronhofen, einem kleinen Ortsteil von Bissingen im Landkreis Dillingen. Widrigste Verhältnisse für den Einsatztrupp, der sich in aller Früh getroffen hat – mit dem Auftrag, Rehkitze vor dem Mähtod zu retten.
Landwirt Mario Hurler, der in Fronhofen einen Betrieb bewirtschaftet, hatte Jagdpächter Richard Kraus tags zuvor informiert, die große Wiese auf der sogenannten „Alm“ mähen zu wollen. Und damit musste alles ganz schnell gehen, mieses Wetter hin oder her.
90.000 Rehkitze werden jährlich grausam verstümmelt oder getötet
Die erste Grünlandmahd im Mai ist vor allem deshalb problematisch, weil die Rehgeißen in dieser Zeit ihre Kitze setzen. Die Muttertiere legen ihren Nachwuchs häufig in Wiesen am Waldrand ab, weil sie dort im hohen Gras Deckung finden. In ihren ersten Lebenstagen geben die Kitze keinerlei Geruch ab und sind so vor Fressfeinden wie Füchsen oder auch Wildschweinen besser geschützt. Gefahr droht jedoch von den großen Mähwerken, die über die Flächen rollen. So wird die Futterernte zur Todesfalle für Tausende von Jungtieren. Allein bis zu 90.000 Rehkitze werden jährlich bundesweit beim ersten Grünlandschnitt grausam verstümmelt oder getötet.
In Fronhofen soll die Rettung für „Bambi“ aus der Luft kommen. Richard Kraus, gemeinsam mit Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein, Jagdpächter mehrerer Reviere in den Kreisen Dillingen und Donau-Ries, hat dafür „Drohnenpilot“ Marco Edenhofner engagiert. Der 17-Jährige, der selbst einen Jugendjagdschein besitzt, ist mit seiner hochmodernen Wärmebild- und Zoomkamera im Frühjahr im Dauereinsatz, um junge Wildtiere wie Rehkitze, Hasen oder Brutgelege etwa von Rebhühnern aufzuspüren und zu retten.
Marco Edenhofner rettet mit seiner Drohne Kitze vor den Mähmaschinen.Foto: Robert Edenhofner
So auch an diesem nasskalten Morgen in Fronhofen. Der frühe Zeitpunkt oder spätere Abendstunden sind auch deshalb optimal, da der Wärmeunterschied zwischen der abzusuchenden Wiese und dem Rehkitz noch groß ist. Steht die Sonne bereits hoch am Himmel, sind die Erfolgsaussichten deutlich geringer.
Landwirten drohen Strafen, wenn sie Kitze bei der Mahd verstümmeln
Der anhaltende Regen stört Edenhofner dagegen nicht. Mit der sogenannten High-End-Drohne überfliegt er die große Wiese auf der „Alm“ im Kesseltal in bis zu 100 Metern Höhe und erhält auf seinem Display, mit dem er das Fluggerät steuert, schon bald einen roten Fleck als Signal. „Kitz“, ruft Edenhofner und dirigiert drei Helfer zu dem Platz, an dem er das kleine Reh ausgemacht hat. Doch bevor der schnelle Eingrifftrupp das Jungtier mit großen Grasbüscheln und Handschuhen – jede menschliche Witterung muss vermieden werden – greifen kann, springt das Kitz aus seinem Versteck und flüchtet in den nahen Wald.
„Durch das unbeständige Wetter hat die Mahd in diesem Jahr relativ spät begonnen“, sagt Jagdpächter Kraus. Die Kitze seien häufig schon älter und hätten bereits einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Sind sie jedoch noch kleiner oder gar erst neu geboren, drücken sie sich ins Gras und können leichter „überrumpelt“ und gepackt werden. In einem Karton oder Wäschekorb werden sie dann an den Waldrand gebracht und gesichert, damit sie nicht in die vermeintlich schützende Wiese zurückkehren können. Erst nach der Mahd werden die Jungtiere wieder freigelassen, damit sie von der Geiß gefunden werden.
Jagdpächter Richard Kraus (links) und Moritz Fürst zu Oettingen-Wallerstein.Foto: Robert Edenhofner
Marco Edenhofner entdeckt auf der „Alm“ kein weiteres Kitz mehr und Landwirt Mario Hurler, der mit seinem Mähwerk bereitsteht, kann mit der Arbeit beginnen. Ein guter Kontakt zwischen Jägern und Bauern ist entscheidend für den Erfolg, sagt Kraus. „Sie müssen uns rechtzeitig informieren, wann gemäht wird, um auch den Drohneneinsatz planen zu können.“ Gerade die Jagdpächter würden die Einstände der Rehe genau kennen und wissen, wo Geißen ihren Nachwuchs gesetzt haben.
Doch auch die meisten Landwirte sind inzwischen für das Thema sensibilisiert. „Nicht nur die psychische Belastung ist groß, wenn ein Kitz beim Mähen verletzt oder getötet wird“, heißt es aus dem Bayerischen Bauernverband. Es besteht darüber hinaus die Gefahr, dass Futter verunreinigt wird und damit Krankheiten in den Stall getragen werden. Nicht zuletzt drohen Strafen. Landwirte verstoßen gegen das Tierschutzgesetz, wenn sie Kitze bei der Grünlandmahd verstümmeln, ohne die Wiese vorher abgesucht zu haben.
Mehr als 200 Kitze hat der 17-Jährige schon gerettet
Für Marco Edenhofner, in Grosselfingen bei Nördlingen zu Hause, sind es derzeit anstrengende Tage. Der 17-Jährige, der eine Ausbildung als Industriemechatroniker absolviert, wird von Jägern und Landwirten im Donau-Ries und Umgebung fast pausenlos um Unterstützung gebeten. Mit seiner Drohne, für die er bei der Bundesluftfahrtbehörde einen Führerschein abgelegt hat, ist er oft schon mitten in der Nacht unterwegs.
Auch das Rehkitz auf unserem Bild hatte sich in einer Wiese versteckt. Foto: Robert Edenhofner
In Fronhofen entdeckt er an diesem regnerischen Morgen in einer anderen Wiese mit der Wärmebildkamera zwei weitere Kitze. Das Zwillingspaar ergreift ebenfalls die Flucht in ein nahes Gehölz, ist aber in Sicherheit. „Seit ich 2017 mit den Drohnenflügen begonnen habe, konnte ich bereits mehr als 200 Kitze retten“, sagt Edenhofner nicht ohne Stolz. An diesem Tag ist jedoch Schluss. Der anhaltende Regen und der beißende Wind zwingen die völlig durchnässten Helfer zum Abbruch der Aktion. Es wird im Kesseltal nicht der letzte Termin für die Lebensrettung aus der Luft gewesen sein.