Gablingen: Was weiß Wikipedia? Die Ur-Gablinger waren Thüringer
Gablingen
Was weiß Wikipedia? Die Ur-Gablinger waren Thüringer
Wikipedia scheint über die ganze Welt Bescheid zu wissen. Aber wie gut kennt das Onlinelexikon die Orte im Kreis Augsburg? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie nach.
Das Gablinger Schloss gehörte einst der Familie Fugger. Jetzt entstehen dort Luxuswohnungen.Foto: Andreas Lode (Archiv)
In ein paar kleinen, unscheinbaren Räumen neben der Grundschule liegen in Glaskästen Schätze aus vielen Jahrhunderten Gablinger Geschichte. Deren Verwalterin ist Gudrun Nitsch, Leiterin des Archäologischen Heimatmuseums. Mit der Geschichte Gablingens kennt sie sich gut aus, nicht nur, weil sie das Museum leitet und in den vergangenen vier Jahrzehnten an zahlreichen Ausgrabungen teilgenommen hat. Die 80-Jährige lebt selbst seit 1965 in der Gemeinde. Zur Geschichte Gablingens auf Wikipedia sagt sie: "Da, finde ich, fehlt schon vieles."
Gudrun Nitsch, die Leiterin des Archäologischen Museums in Gablingen, mit eine Urne und anderen Fundstücken aus Gablingen und Umgebung. Foto: Marcus Merk (Archiv)
Im Onlinelexikon steht: "Als Gründungszeit wird das fünfte Jahrhundert angeführt." Nitsch sagt: "Da hat Wikipedia nicht Unrecht." Zu den Ursprüngen weiß sie mehr als die Enzyklopädie: Bei Ausgrabungen am Kirchberg sei einer der ältesten Friedhöfe im ganzen Land entdeckt worden, der etwa zwischen den Jahren 500 und 520 in Benutzung gewesen sei. "Wir haben herausgefunden, dass sich um 500 ein Germanenstamm aus Thüringen hier niedergelassen hat." Die Museumsleiterin lacht und sagt: "Man kann sagen, dass die Ur-Gablinger Thüringer waren."
In Gablingen lebten geschickte Germanen
Im Museum können Interessierte sich ein gutes Bild davon machen, wie die frühen Siedler gelebt haben, was ihnen wichtig war. In den Glaskästen liegt jede Menge Schmuck aus Germanengräbern, außerdem Waffen wie Schwerter und Lanzen. Vieles ist gut erhalten: "In Kiesgräbern hält sich das gut", sagt Nitsch. Die feinen Schmuckstücke, etwa Perlenketten, komplett von Hand gefertigt, zeigen: Die Germanen waren geschickt. "Handwerklich kommen wir heute da gar nicht mehr hin", sagt Nitsch.
So sieht die Fassade von St. Martin in Gablingen heute aus. Eine Kirche stand dort bereits vor über tausend Jahren.Foto: Marcus Merk (Archiv)
Bis ins neunte Jahrhundert haben die Siedler auf der Ostseite der Schmutter gelebt. Erst dann bemerkten sie, dass die Westseite windgeschützter ist und zogen ins heutige Gablingen. Aus dieser Zeit stammt auch die Kirche. Das heutige Gotteshaus St. Martin wurde zwar erst im 18. Jahrhundert gebaut, wie Wikipedia weiß. Nitsch weiß aber, dass am gleichen Ort schon fast tausend Jahre vorher ein Gotteshaus stand.
Ein Gablinger Pfarrer starb durch eine grausame Folter
Viele Jahrhunderte später, 1621, während des Dreißigjährigen Kriegs, starb ein Gablinger Pfarrer einen grausamen Tod. Zusam Schneider widersetzte sich dem schwedischen König Gustav Adolf. "Er wollte den Kirchenschatz nicht rausrücken", sagt Nitsch. Die Konsequenz: "Dann wurde er zu Tode geschleift." Die Schweden banden ihn an ein Pferd, das ihn so lange mitschleifte, bis er tot war. Etwa einen Kilometer vor Gablingen, in Richtung Achsheim, markieren drei Kreuze den Ort dieser Folter.
Drei Jahrhunderte später war Gablingen Teil eines anderen schrecklichen Kapitels deutscher Geschichte. 1944 entstand dort ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Auf Wikipedia wird das Lager nur kurz erwähnt. Das Onlinelexikon erzählt nicht, dass 1944 nach der Bombardierung des Außenlagers Haunstetten 600 Überlebende nach Gablingen gebracht wurden. Zwei Wochen später zerstörten Bomben auch dieses Lager. "Dann wurden alle zusammengepfercht in der heutigen Baggerseegrube", sagt Nitsch. Danach seien die Häftlinge auf andere Konzentrationslager verteilt worden.
Weniger Details sind laut der Museumsleiterin über eines der Wahrzeichen Gablingens bekannt: das Schloss. "Vom Schloss wissen wir am allerwenigsten", sagt Nitsch. Um 1500 sei es erstmals erwähnt worden. Bis 1848 seien die Fugger die Besitzer gewesen. Angehörige der Familie haben noch Wald und Ländereien bei Gablingen. Auch heute sei das Schloss in Privatbesitz. "Da sollen Luxuswohnungen rein", sagt Nitsch.
So sieht es vor der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen aus.Foto: Marcus Merk (Archiv)
Ein anderes großes Gebäude, das mit Gablingen in Verbindung steht, ist die Justizvollzugsanstalt (JVA) Augsburg-Gablingen. Die Strafanstalt wurde 2015 bezogen, 609 Gefangene haben dort laut Wikipedia Platz. Bei den Bürgern sei der Bau auf wenig Gegenliebe gestoßen, erklärt Nitsch. Manchen habe die Anstalt die Aussicht aus ihren Häusern verbaut, aber das sei nicht das Schlimmste: "In unseren Gärten ist es nachts taghell, da können Sie jedes Blatt sehen", sagt Nitsch über die hellen Scheinwerfer des Gefängnisses. Was Wikipedia nicht weiß: In der JVA gibt es immer wieder prominente Häftlinge wie den Ex-Wirecard-Chef Markus Braun.