Bis ins Mittelalter wurde im Augsburger Land Eisen verhüttet
Auch Archäologen haben nicht immer Zeit zum Graben
Archäologie findet auch Gegenstände aus neueren Zeiten
Manchmal sind ganz unauffällige Stücke die größten Funde. Die Kreisheimatpflegerin für Archäologie, Alexandra Völter, steht im zweiten Untergeschoss des Landratsamts und holt eine zusammengebackene, schwarze Masse aus einem Karton. Für sie ist das einer der besten Funde, die im Depot des Heimatvereins für den Landkreis Augsburg lagern. Aber warum dieser Klumpen Schlacke? Weil er viel mehr sei als das, sagt Alexandra Völter. Der Überrest erzähle, wie unsere Vorfahren gelebt haben. Archäologie sei mehr als Ausgraben, es sei auch das Aufheben und wissenschaftliche Bewerten von Fundstücken. Und deshalb sei der Keller des Landratsamts so wertvoll.
Nur ein einziger Aufzug im gesamten Landratsamt am Prinzregentenplatz in Augsburg fährt bis ins zweite Untergeschoss hinunter. Es scheint eine Fahrt in die Vergangenheit, zumindest jener des Gebäudes selbst. 1938/1939 als Verwaltung der Reichsbahndirektion gebaut, sind unter anderem Luftschutzkeller in dem Haus erhalten. Weil in dem Keller ideale klimatische Bedingungen herrschen, werden dort alte Akten der einzelnen Abteilungen der Landkreisverwaltung aufbewahrt. Auch für die ausgegrabenen Fundstücke der vergangenen fünf oder sechs Jahrzehnte sei das trockene Klima ideal.
Im Heimatverein kümmert sich der Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte um diese Fundstücke. Vieles in den Regalen des Heimatvereins ist – zerbrochen. Kein Wunder, sagt Alexandra Völter. „Meistens haben die Menschen, die hier bis ins Mittelalter gelebt haben, mit Holz und Lehm gebaut.“ Was heute davon noch übrig ist, seien im besten Fall Verfärbungen im Erdboden. Was sonst noch gefunden werde, sind zu 90 Prozent Gebrauchsgegenstände. Doch die seien eben in den allermeisten Fällen nicht mehr heil. Im Lager des Heimatvereins werden sie dennoch aufgehoben. Und das hat einen Grund: „Auch Wissenschaft macht Fortschritte. Wir können heute die Fundstücke in einen modernen wissenschaftlichen Kontext bringen. Das ging früher nicht immer.“ Und in weiteren 50 Jahren könnten wiederum neue Zusammenhänge geklärt werden.
Zurück zum Klumpen Eisenschlacke. Er stammt aus dem Landkreis Augsburg, der genaue Fundort ist jedoch nicht mehr bekannt. Klar ist aber, dass an verschiedenen Orten im Landkreis, etwa bei Aystetten, in den vergangenen Jahrzehnten Eisengruben gefunden wurden. Seit der La-Tène-Zeit, eine kulturelle Lebensart der Menschen hier vor Ort in der Eisenzeit, bis zur Globalisierungswelle durch die Ankunft der Römer wurde im heutigen Augsburger Land Eisen verhüttet. Das blieb so bis ins Mittelalter. Die Eisenschlacke aus dem Landratsamt hat oben rundere Formen, unten hängen tropfenförmige Gebilde heraus. „Um in der La-Tène-Zeit ein Kilo Eisen zu gewinnen, mussten zwei Hektar Wald verbrannt werden“, sagt die Expertin. Das habe enorme Auswirkungen auch auf die Umwelt und das tägliche Leben der Menschen damals gehabt.
Das tägliche Leben der Menschen in früheren Zeiten – das soll im Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte des Heimatvereins Augsburg in Zukunft mehr Platz einnehmen. Auch dabei kann die Neubewertung von Fundstücken helfen. Nochmals zu dem Klumpen Eisenschlacke: Im Grunde ist dieser ein Abfallprodukt aus der La-Tène-Zeit und sage doch viel über das Leben der Menschen damals aus. Was wohl aus dem Eisen geworden ist, das die Menschen damals hergestellt haben? Tatsache ist, dass solche Stücke, so sie noch erhalten sind, nicht unbedingt im Depot des Heimatvereins landen. Und doch kann auch Alexandra Völter als ausgebildete Archäologin nicht viel Zeit mit Grabungen verbringen, „dazu fehlt uns einfach die Zeit“.
Stattdessen geht der Heimatverein derzeit einen anderen Weg: Regelmäßig werden Hobbysammler ermuntert, ihre Funde dem Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte vorzustellen. „Wir beraten dann, wie die Stücke am besten aufbewahrt werden sollen“, sagt die Archäologin. Bei solchen Terminen hat Alexandra Völter schon Stücke gesehen, die die 50-Jährige mit einer eigenen Grabungsfirma in Augsburg in ihrer Laufbahn selbst bislang nicht gefunden hat. Einmal habe eine Frau eine mittelalterliche Gemme auf einem Flohmarkt gekaut. Allerdings sei nicht mehr nachzuvollziehen gewesen, woher der Anhänger mit einem roten Stück Glas stammte. Ein andermal hätten Vater und Sohn die Halterungen für silberne Sporen aus einem frühmittelalterlichen Grab dabeigehabt. „Da kennen wir jetzt zumindest den Fundort“, so Völter.
Doch auch dann kann nicht jeder archäologische Fundort erhalten werden, das Leben gehe schließlich weiter. Die Menschen jeder Epoche müssten die Möglichkeit haben, in ihrer Umgebung so zu leben, wie es ihrer Kultur entspreche. Dennoch ist sie froh, dass in Bayern gesetzlich festgelegt ist, vor einem neuen Bauprojekt einen Bodenbereich zu untersuchen. Interessant seien dabei nicht allein Funde aus der Frühzeit.
Alexandra Völter erinnert an das ehemalige Fliegerfeld aus dem Ersten Weltkrieg in Gablingen. Auf dessen Gelände waren im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter untergebracht. Inzwischen wurde das Umfeld in ein Gewerbegebiet umgewandelt. Was dort gefunden wurde und jetzt ebenfalls im Depot im Landkreis aufbewahrt wird, sind Alltagsgegenstände. Und doch kann auch eine einfache Glasflasche eine Geschichte erzählen. „Wir können unterscheiden, welche Flaschen dem Wachpersonal oder den Gefangenen gehört haben und ob darin eine Flüssigkeit zum Trinken oder etwa Spiritus aufbewahrt wurde.“
So viel wie möglich aufbewahren, bewerten und dann möglicherweise auch der Öffentlichkeit zeigen, das ist das Vorhaben der Heimatpflegerin für Archäologie. „Wir haben ganz hervorragende kleine archäologische Museen in Gablingen und Königsbrunn“, sagt sie. Doch in Zukunft einmal mehr aus dem Schatz im Depot zu zeigen, das ist ein großer Wunsch im Heimatverein.