Hunderte Beschäftigte sind am Donnerstag dem Aufruf der Gewerkschaften IGBCE und IG Metall gefolgt und haben mitten in Meitingen für niedrigere Strompreise demonstriert. Für überregionales Aufsehen sorgte die Kundgebung - eine von 40 im Bundesgebiet - weil Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei ihr sprach. Was war los in diesen zwei Stunden in Meitingen, was waren die wichtigsten Aussagen? Die Zusammenfassung:
Ungewöhnliches Bild: Im Herbst ist Wahl in Bayern und so nützte Söder die Gelegenheit zu einem kleinen Bad in der Menge, stand geduldig für Selfies zur Verfügung. So weit, so normal. Ungewöhnlich dann aber die Zusammensetzung einer Männerrunde am Rande des Marktplatzes. Es besprachen sich: der Ministerpräsident, ein Arbeitnehmer, ein Manager und ein schwerreicher Unternehmer. Nämlich Söder mit dem Lechstahl-Betriebsratsvorsitzenden Stefan Janik, dem technischen Geschäftsführer Martin Kießling und mit Max Aicher selbst, dem das Stahlwerk mit seinen über 1000 Beschäftigten gehört.
Die Demo in Bildern: Hunderte gehen für "fairen Strompreis" auf die Straße
Unternehmer Max Aicher und Markus Söder
Die Ausgangslage: Die LSW in Herbertshofen, Bayerns einziges Stahlwerk und der Betrieb im Freistaat, der am meisten Strom verbraucht, ächzen wie andere energieintensive Firmen auch unter dem hohen Strompreis. Der hat sich innerhalb von zwei Jahren versechsfacht. In der Chemieindustrie und bei der Papierherstellung seien wegen der hohen Strompreise im Großraum Augsburg mehr als 3000 Jobs in Gefahr, sagt Gewerkschafter Torsten Falke - und bei Lechstahl bangen die Beschäftigten auch. "2022 sind wir mit einem blauen Auge davongekommen," so Geschäftsführer Kießling. Wenn Wind und Sonne an den Börsen für günstigen Strom sorgen, rückt die Belegschaft an. Wenn der Strom teuer ist, geht sie in Kurzarbeit. So sei der Konkurrenzkampf gegen Stahlproduzenten aus China oder Indien nicht zu gewinnen. Und die vom Bund verordnete Strompreisbremse? "Geht voll an uns vorbei," schimpft Betriebsratschef Janik. Unternehmer Aicher spricht von Wettbewerbsverzerrung. Das Stahlwerk brauche jetzt günstigere Strompreise und könne nicht warten, bis es genügend günstigen Strom durch Wind, Wasser oder Sonne gebe.
Die Forderungen in einem Satz: Der Strom für die Industrie muss billiger werden. Unterschiedlich die Vorstellungen, woher die Energie kommen soll. Während Söder sich für den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren und längere Laufzeiten für die letzten Atomkraftwerke aussprach, legten Gewerkschaftsvertreter den Schwerpunkt auf mehr Tempo für den "grünen" Strom und sehen dabei durchaus die Landesregierung in der Pflicht: "Die Landesregierung muss nun die Genehmigungsverfahren für Stromtrassen, Stromspeicher und den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich beschleunigen. Wir brauchen jetzt einen „Genehmigungsbooster“ , so IGBCE-Mann Torsten Falke. Der bayerische IG-Metall-Chef Johannes Horn verdeutlichte, dass die Gewerkschaften ihre Forderung nach einem günstigen Strompreis für die Industrie nicht aufgeben werde: "Wir werden weiter Druck machen."
Das fordern die Lechstahl-Arbeiter in Meitingen
Die Kritik: Kam schon im Vorfeld der Veranstaltung von Raimund Kamm. Der Mann ist Vorsitzender des Landesverbandes "Erneuerbare Energien" und sagt, dass das jetzige Stromproblem vor allem durch den verschlafenen Ausbau von Wind- und Sonnenenergie ab 2010 verursacht wurde. Kamm: "Söder ist ein Hauptverantwortlicher für die Probleme." In Meitingen kam diese Kritik nur am Rande vor. SPD-Vize-Generalsekretär Nasser Ahmed verwies auf den bayerischen Nachholbedarf bei Windrädern, einige wenige Angehörige von Bund Naturschutz und Klimacamp hatten sich unter die mehreren hundert Beschäftigten gemischt. Sie hielten Plakate hoch, wie "Deutschland kann 100% Erneuerbare Energien." Etwas einprägsamer da das Plakat eines Lechstahl-Arbeiters: "Ohne Strom kein Lohn."
Die schönsten Sprüche: "Wir produzieren schon ziemlich grünen Stahl." LSW-Manager Kießling zitierte eine Klimabilanz, wonach eine Tonne Stahl aus Herbertshofen dank der Herstellung mittels Lichtbogenofen, in dem Schrott eingeschmolzen wird, 80 Prozent weniger CO₂ erzeuge, als die herkömmliche Herstellungsweise im Hochofen. "Eigentlich könnte hier die Greta Thunberg reden." Der FW-Abgeordnete Fabian Mehring mit Blick auf den "grünen Stahl" aus Herbertshofen. "Wir wollen unsere Industrie nicht in Michigan, sondern in Meitingen." Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Durz über die Befürchtung, dass die hohen Energiepreise die Industrie aus Deutschland vergraulen.
Das Angebot: Musste dann natürlich vom Chef kommen. Söder bot dem Stahlwerk die Unterstützung des Freistaats für ein Wasserstoffkraftwerk an. Das könnte helfen Energie zu speichern, wenn es gerade günstigen Strom aus Wind und Sonne im Angebot gibt.