Wildtiere kennen viele Menschen nicht mehr aus dem Alltag, sondern nur noch aus dem Tierpark oder dem Fernseher. Vereinzelt leider auch von der Motorhaube. Um so größer ist dann die Überraschung, wenn in der Großstadt plötzlich ein Waschbär an der Fassade klettert oder eine Schlange in der Waschmaschine liegt. In der vorigen Woche trieb ein Wildschwein sogar in einem Altstadtkanal. Einzelfälle oder ein generelles Problem? Immerhin 512 Mal musste die Feuerwehr in Augsburg alleine im Jahr 2012 wegen Tieren ausrücken.
Meist geht es für beide Seiten gut aus
Wildtiere sind dabei im Stadtgebiet mittlerweile die Regel. „Die Katze vom Baum holen, das kommt eher selten vor“, sagt Friedhelm Bechtel von der Berufsfeuerwehr. Einsätze wegen Bibern seien zum Beispiel häufiger. Zahlreiche Einsätze der vergangenen Jahre fallen dem Feuerwehrsprecher noch ein. Da gab es eine Wildschweinrotte, die in einen Kanal gestürzt ist. Die Feuerwehr rückte auch schon wegen Schwänen, Schlangen, Füchsen, Dachsen, Enten oder Kühen aus.
Die Zahl der Tierrettungseinsätze steigt seit Jahren an. Meist seien die Tiere entlaufen oder verirrt und hätten sich, stressbedingt, selbst in ausweglose Situationen gebracht, weiß Bechtel aus Erfahrung. Dann müsse die Feuerwehr die Tiere in Sicherheit bringen. Glücklicherweise gehe es meist glimpflich für beide Seiten aus – für Mensch und Tier. Nur sehr selten müsse man die Tiere töten. Das ist nur der Fall, wenn eine Gefahr für Menschen drohe oder das Tier bereits schwer verletzt sei und leide.
Andererseits sind auch vermeintlich harmlose Einsätze durchaus gefährlich. Bechtel berichtet von einem Kollegen, der infolge eines Katzenbisses zum Frührentner geworden ist. Die Katze biss durch den Handschuh des Feuerwehrmannes. Der Kollege bekam eine Infektion – und kann heute nicht mehr bei der Feuerwehr arbeiten. Vorsicht sei also immer geboten. Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband beschreibt die Ursachen: Neben den Tieren aus den städtischen Waldgebieten kämen in den letzten Jahren auch vermehrt Tiere aus dem Umland in die Stadt, unter anderem Wildschweine. Ein Grund sei der Biogas-Boom und der damit verbundene verstärkte stadtnahe Maisanbau. In den Maisfeldern fühlen sich die Schweine wohl.
Müll und Essensreste ziehen die Tiere an
Herumliegender Müll und Essensreste zögen die Tiere an. Auch dass in der Stadt nicht gejagt werde, würden sich die Tiere merken, so Liebig. So seien alle Probleme letztendlich vom Menschen gemacht. Von einer Gefahr könne aber nicht gesprochen werden. Verhältnisse wie in Berlin, wo Wildschweine inzwischen eine echte Plage sind und sogar in der Stadt geschossen werden, gebe es in Augsburg noch lange nicht.
Jürgen Spindler von der Forstverwaltung in Augsburg stimmt der Einschätzung des Landschaftspflegers zu. „Die Bevölkerung muss damit umgehen lernen“, sagt der Fachmann. Ein besonderer Handlungsbedarf seitens der Stadt bestehe gegenwärtig nicht.
Das Polizeipräsidium Schwaben-Nord bestätigt diesen Eindruck. Die Polizei zählte in den zurückliegenden zwölf Monaten zwar 3337 Wildunfälle, doch nur in 25 Fällen gab es Verletzte. Dies sei statistisch ein unauffälliger Wert, so ein Polizeisprecher. Das Stadtgebiet von Augsburg ist ohnehin ein guter Lebensraum für Wildtiere – denn ein Viertel der Fläche ist bewaldet und steht teilweise unter besonderem Schutz. Eigentlich sei die Anwesenheit der Wildtiere auch ein gutes Zeichen, meinen die Fachleute. Es zeige, dass die Lebensbedingungen gut sind und die Natur weitgehend intakt ist. Nach Jahrhunderten der Verdrängung kämen viele heimische Arten zurück.
Der Ratschlag der Behörden: Ruhe bewahren und die Polizei oder Feuerwehr rufen, wenn ein Wildschwein den Vorgarten umgräbt. Und außerdem ist es auch schön anzusehen, wenn die Entenfamilie quiekend über die Straße watschelt. Es könnte zukünftig nur ein wenig öfter geschehen.