Die aus Marmor vom Untersberg gehauenen Buchstaben haben glatt geschliffene Oberflächen, aber auch schroffe Seiten. Vor allem sind sie verdammt schwer und schon einzeln kaum zu heben. Ein daraus gebildeter Schriftzug wie EROTISCHES HEIMWEH, der sich fast sieben Meter lang in der Ecke-Galerie darbietet wie ein Gebirgszug, wiegt über eine halbe Tonne. Das ist dann eine unverrückbare Botschaft mit Gewicht, mindestens für eine halbe Ewigkeit. Worte, so in die Welt gesetzt, sind widerspenstig gegen alle Flüchtigkeit.
Geschaffen hat sie der in Derching bei Augsburg lebende Künstler Tobias Freude – als eine Art sehnsüchtiger Treueschwur zu „seinem“ Steinbruch am Untersberg bei Salzburg, seiner wichtigsten Material- und Inspirationsquelle. Seit er vor zehn Jahren dort erstmals an einem Steinbildhauersymposium teilgenommen hat, zieht es ihn regelmäßig zu mehrwöchigen Arbeitsaufenthalten zum Untersberg. Der Naturstein dort ist eigentlich ein Kalkstein, eine Vorstufe des echten Marmors, wird aber seit Jahrhunderten als Marmor bezeichnet und verbaut.
Auch die Überbleibsel werden zu eigenen Werken
Der 1974 geborene gelernte Steinbildhauer, Absolvent der Hochschule für Künste in Bremen (Meisterschüler bei Prof. Bernd Altenstein, Diplom 2006), zeigt in der Ecke-Galerie über 20 Werke. Darunter sind auch kleine, handliche, fast zerbrechlich wirkende Arbeiten. Freude verwertet die Splitter, Bruchstücke, Abspaltungen und Überbleibsel, die beispielsweise beim Behauen seiner großen Buchstaben anfallen, weiter.
Er formt aus ihnen kleinformatige Plastiken, die er als „Additionen“ bezeichnet. Diese Ableger tragen Titel wie „Teil des erotischen Heimwehs“ oder „Teil der Freude“. Verblüffend ist: Die aus zusammengeklebten Bruchstücken und Schichtungen entstehenden Gebilde wirken durch ihre geschliffene Oberfläche wie natürlich gegebene, organische Formen.
Die „Additionen“ , darauf hatte Ulrike Knoefeldt-Trost in ihrer Vernissagerede hingewiesen, sind natürlich auch ein Gegenentwurf zum Bildhauermythos, wonach das Werk immer schon im Stein verborgen war und vom Künstler durch Wegnahme des Überflüssigen nur „herausgeholt“ werde.
Tobias Freude arbeitet nicht nur mit Marmor. An einer Wand hängt eine fast drei Meter lange Platte aus rohem Pappelholz, in die der Bildhauer mit der Kettensäge den Satz: „The Saw is the Law“ hineingeschnitten hat. Die Säge ist das Gesetz – eine Zeile aus einem Punkrocktitel, die ihm im Gedächtnis geblieben ist. Auch andere Songzitate hat Freude schon in Stein gehauen und in die Landschaft gestellt. Oder den tonnenschweren Einstein-Satz IMAGINATION IS MORE THAN KNOWLEDGE („Vorstellungskraft ist mehr als Wissen“).
Eine Hommage an Jackson Pollock
Lettern schließlich prägen auch den in der Galerie ausgestellten bunten Buchstabenblock POLLOCKED – ein weiteres schwergewichtiges Werk aus Marmor vom Untersberg. Hier hat Freude die knapp 40 Zentimeter hohen, diesmal liegenden Buchstaben weiß angemalt und dann im Stile von Jackson Pollock, amerikanischer Heros des abstrakten Expressionismus, mit schwarzen und farbigen Schlieren überzogen. Eine Hommage an Pollock in 3-D –wenn man so will –, ein skulpturaler Farbfluss, unter dem die typische Zeichnung des Marmors vollkommen verschwunden ist.
Freude, der mit der Künstlerin Christiane Osann und zwei Kindern in Derching lebt und arbeitet, ist ein experimentierfreudiger Bildhauer. Zu seinen Arbeiten gehören auch Installationen und Performances. Bei einem Bildhauersymposium in Leipzig etwa bepflanzte er das Rechteck einer Hausruine mit einem Kartoffelfeld, in Neuseeland sammelte er die Samenkapseln des Liquidambar-Baumes, aus denen er plastische Arbeiten formte.
Am Untersberg ließ er von einer Baggerschaufel dutzende seiner Marmorbuchstaben in den Steinbruch kippen – um dem Berg symbolisch etwas zurückzugeben und seine eigene Arbeit zu hinterfragen. Ein Video in der Augsburger Ausstellung zeigt diesen Akt zwischen Zerstörung und Selbstvergewisserung. Das erotische Heimweh wird uns alle überdauern.
Ausstellung in der Ecke-Galerie, Elias-Holl-Platz, bis 18. August. Geöffnet Montag bis Freitag, 14–18 Uhr, Samstag, 11–14 Uhr. Am 14. August lädt Tobias Freude nach Derching, Am Achrain 2, zur Atelierbesichtigung (14-24 Uhr).