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Blindgänger: Was tun gegen die versteckten Bomben im Augsburger Boden?

Blindgänger

Was tun gegen die versteckten Bomben im Augsburger Boden?

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    Diese Bombe hielt 2016 viele Augsburger in Atem. Sie war bei Bauarbeiten nahe des Jakobertors gefunden worden. Unser Bild zeigt den Moment nach der Entschärfung mit den Sprengmeistern Christian Scheibinger, Martin Radons und Roger Flakowski.
    Diese Bombe hielt 2016 viele Augsburger in Atem. Sie war bei Bauarbeiten nahe des Jakobertors gefunden worden. Unser Bild zeigt den Moment nach der Entschärfung mit den Sprengmeistern Christian Scheibinger, Martin Radons und Roger Flakowski. Foto: Silvio Wyszengrad

    Das Wohn- und Geschäftshaus in der Jakoberwallstraße ist fast fertig; es liegt unmittelbar neben einem Rewe-Supermarkt. Nicht weit davon entfernt ist die große Straßenkreuzung am Jakobertor. Nichts erinnert mehr daran, dass es zu diesem Haus eine brisante Vorgeschichte gibt: Es ist die Stelle, an der kurz vor Heiligabend im Jahr 2016 eine englische Fliegerbombe gefunden wurde. Es war ein Dienstagabend, als ein Baggerfahrer das gefährliche Teil entdeckte.

    Bei Tageslicht am nächsten Tag war bereits absehbar, dass die Bombenentschärfung zu einer groß angelegten Aktion werden muss. Die Stadt fand auch einen Termin: den ersten Weihnachtsfeiertag. Über 50.000 Augsburger mussten so am 25. Dezember 2016 über mehrere Stunden ihre Wohnungen verlassen. Es war einer der größten Evakuierungsaktionen in der Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Chronik: So lief die Bombenentschärfung in Augsburg ab

    Chronik zur Bombenentschärfung in Augsburg:

    6.45 Uhr: Die ersten Bewohner der Schutzzone machen sich auf den Weg zu Verwandten oder in die Notunterkünfte.

    7.28 Uhr: Bewohner des Altenheims St. Verena und andere Menschen, die nicht selbst gehen können, werden sukzessive aus der Schutzzone abgeholt.

    8.00 Uhr: Die Notunterkünfte, die die Stadt bereit gestellt hat, öffnen.

    8.01: In der Innenstadt sind erste Lautsprecherdurchsagen zu hören. Die Bewohner mögen ihre Wohnungen räumen, heißt es.

    8.12: Die Fuggerei wird evakuiert.

    8.26 Uhr: Die Schutzzone ist jetzt komplett abgeriegelt. Hinein kommt nur noch, wer jemanden abholen muss.

    10.05 Uhr: Das Technische Hilfswerk fährt mit einem Radlader zum Fundort der Bombe. An der Bombe selbst werden Muttern gelöst, um an die Zünder zu kommen.

    10.21 Uhr: Die Polizei beginnt mit den Kontrollen im Sperrgebiet. Sie überprüfen, ob Häuser und Wohnungen komplett evakuiert sind. Überall wird geklingelt, 900 Beamte sind im Einsatz.

    10.36 Uhr: Eine Frau ruft vom Balkon um Hilfe. Sie wurde noch nicht abgeholt.

    12.01 Uhr: Die Lage in den Notunterkünften ist entspannt. Viele der 54 000 Menschen haben sich schon vor Sonntag selbstständig darum bemüht, wo sie unterkommen können.

    14.09 Uhr: Ein Großteil der Schutzzone ist evakuiert

    14.47 Uhr: Das Sperrgebiet ist jetzt komplett von Polizisten umstellt.

    15.08 Uhr: Später als erwartet ist die Schutzzone nun komplett evakuiert. Die Aktion zog sich, weil es viel mehr Personen gab, die das Gebiet nicht selbstständig verlassen konnten, als anfangs gedacht. Insgesamt waren es 560 Krankentransporte. Davon abgesehen gab es laut Oberbürgermeister Kurt Gribl keine unvorhergesehenen Ereignisse.

    15.15 Uhr: Die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen haben sich außerhalb des Sperrgebietes an Sammelplätzen eingefunden.

    18.48 Uhr: Die Sprengmeister geben Entwarnung. Die Bombe ist entschärft. Die Entfernung der drei Zünder hat rund dreieinhalb Stunden gedauert.

    18.52 Uhr: Oberbürgermeister Kurt Gribl, Feuerwehrchef Frank Habermair und andere Mitglieder der Führungsgruppe Katastrophenschutz fahren zum Fundort der Fliegerbombe. Auch die Polizei fährt mit ihren Streifen zurück in die Stadt.

    19.06 Uhr: Die Sperrung der Schutzzone wird Stück für Stück aufgehoben. Die Bürger können in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren.

    19.30 Uhr: Der Nahverkehr läuft wieder wie gewohnt.

    20.00 Uhr: Der Rücktransport von Kranken und hilfsbedürftigen Anwohnern läuft. Er ist allerdings erst am zweiten Weihnachtsfeiertag komplett abgeschlossen.

    Augsburg und seine Bomben, das ist eine Geschichte mit vielen Kapiteln. Das jüngste liegt nicht lange zurück. In diesem Fall waren aber deutlich weniger Anwohner betroffen, die Sperrung dauerte zudem nur wenige Stunden. Auf einem Baustellengelände an der Herrenbachstraße wurde Ende Juli eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Es folgte eine groß angelegte Evakuierungsaktion, bei der 1200 Menschen ihre Wohnungen für mehrere Stunden verlassen mussten.

    Der Blindgänger lag dort mehrere Monate

    Die 225 Kilogramm schwere Bombe war bei Transportarbeiten in einem Kieshaufen entdeckt worden. Dies heißt, dass der Blindgänger wohl mehrere Monate lang an dieser Stelle gelegen hat. Bei Ausgrabungen an der Baustelle muss die Bombe ausgehoben worden sein, sie wurde allerdings nicht sofort entdeckt; sie blieb im Erdhaufen liegen.

    Im Stadtgebiet liegt noch immer eine unbekannte Anzahl von Weltkriegs-Blindgängern. Für die Freien Wähler ist dies nun Anlass, sich dem Thema „Gefährdung durch Kampfmittel“ näher zu widmen. Zum Schutz der Bevölkerung wollen die Freien Wähler mehr Sicherheitsvorkehrungen. In einem Antrag dazu heißt es: „Die Stadt möge in ihren Industriekanälen im Stadtgebiet vor Wasserbau- und Uferbauarbeiten, Brückensanierungen und Neubauten eine Kampfmitteluntersuchung des Kanalgrundes zur Sicherheitsauflage machen, sofern bei den Bauarbeiten tiefgründige Rammarbeiten stattfinden (zum Beispiel Einrammen von Eisenträgern oder Spundwänden in den Kanalboden).“

    Solche Arbeiten dürften nicht ohne Kampfmittelfreiheitsbestätigung durch einen autorisierten Spezialisten, der den Kanalboden bzw. Baugrund untersucht hat, durchgeführt werden. Sollten private Kraftwerksbetreiber Rammarbeiten in Industriekanälen durchführen, habe die Stadt sicherzustellen, dass die Untersuchungen im Kanalboden eben so durchgeführt würden.

    Die Gefahr nicht unterschätzen

    Auf Anfrage zeigt sich die Stadt in der Bewertung des Antrags zurückhaltend. Laut Pressesprecherin Elisabeth Rosenkranz wird der Antrag geprüft, bevor es womöglich eine Beratung in den politischen Gremien gebe. Unterschätzt werden dürfe die von Bomben ausgehende Gefahr keineswegs, sagt Friedhelm Bechtel, Sprecher der Augsburger Berufsfeuerwehr. Der Zweite Weltkrieg hat, so die allgemeine Einschätzung, ein Erbe im Boden hinterlassen, das immer noch tödlich sein kann. „Wie viele Blindgänger noch in Augsburg liegen, ist zuverlässig nicht abzuschätzen. Man muss jedoch realistischerweise davon ausgehen, dass es noch eine erhebliche Anzahl geben kann“, heißt es aus dem Amt für Brand- und Katastrophenschutz.

    Fachleute gehen davon aus, dass bis zu 15 Prozent der Bomben nicht explodierten – so mancher Augsburger dürfte also auf einem Blindgänger sitzen, ohne davon zu ahnen. Große Luftminen („Blockbuster“) tauchen selten auf, es werden regelmäßig Splitter- und Brandbomben oder Granaten gefunden. Zwischen einem und sechs Blindgängern pro Jahr sind es, die meist bei Bauarbeiten ans Tageslicht kommen.

    Nach der bayerischen Bauordnung ist der Bauherr dafür zuständig, sein Grundstück auf Kampfmittel zu untersuchen. In Gebieten mit Bebauungsplänen gibt die Stadt Hinweise, ob im Areal mit Blindgängern zu rechnen ist, so das Baureferat. Im Amt für Brand- und Katastrophenschutz lagern Luftbilder der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Behörde berät Bauherren, sich hier zu informieren. Wo auf Luftbildern helle Flecken sind, handelt es sich um Bombenkrater. Wo viele Krater sind, fielen viele Bomben – die Wahrscheinlichkeit, dass sich dort mehr Blindgänger finden, ist höher.

    Die Aufgaben, wer was zu tun hat, sind laut Stadt klar verteilt: Die Beseitigung von Kampfmitteln im Stadtgebiet ist Aufgabe des Freistaates. Aufgabe der Gemeinden als Sicherheitsbehörde ist es, beim Fund von Kampfmitteln geeignete Maßnahmen zu treffen, damit die Beseitigung durch den Kampfmittelräumdienst gefahrlos durchgeführt werden kann. Dies obliege innerhalb der Stadtverwaltung dem Amt für Brand- und Katastrophenschutz.

    Lesen Sie hier den Kommentar: Das Thema Blindgänger nicht auf die leichte Schulter nehmen

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