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Interview

24.05.2020

Corona-App könnte zeigen, wo in Augsburg Infektionsherde liegen

Kann eine Corona-App helfen, den Alltag zu vereinfachen und sicherer zu machen? Ein Augsburger Forscher sagt: ja.
Bild: Kay Nietfeld, dpa (Symbolbild)

Plus Patientenforscher Gerhard F. Riegl sieht in der deutschen Tracing-App viel Positives. Er sagt damit mehr Freiheiten in der Freizeit und beim Reisen voraus - aber nicht nur.

Gerade gibt es weitere Lockerungen der staatlichen Auflagen, die trotz Coronavirus mehr Kontakte erlauben. Man darf wieder in den Biergarten und bald auch wieder reisen. Ein Nachteil: Alle Kontakte müssen dokumentiert werden, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Ginge es auch anders? Wir fragten einen Digitalisierungsexperten im Gesundheitswesen.

Gäbe es einfachere Möglichkeiten, als im Lokal Namenslisten zu führen, Herr Professor Riegl?

Gerhard F. Riegl: Eine Corona-Tracing-App, wie sie die Bundesregierung bereits Mitte April einführen wollte, kann vieles sehr viel einfacher machen. Damit wird man Kontakte von Infizierten schnell und unkompliziert ohne Namen nachverfolgen können, bis endlich medizinische Hilfe greift. Es wird ein digitales Instrument sein, mit dem wir uns alle in Zeiten der Pandemie größere Bewegungsfreiheit verschaffen können. Nicht nur in der Freizeit und beim Treffen mit anderen Leuten, auch beim Reisen.

Corona-App könnte zeigen, wo in Augsburg Infektionsherde liegen

An der Corona-App gab es Kritik wegen der zunächst geplanten zentralen Datenspeicherung, die Möglichkeiten zu Datenmissbrauch eröffnet hätte. Jetzt ist vorgesehen, die Daten auf den Endgeräten zu speichern, was als sicherer gilt. Was sagen Sie zur Diskussion?

Riegl: Internationale Konzerne wie Google und Apple bieten gemeinsame Systeme für Tracing-Apps auf Handys an. Damit die Daten nicht in Kalifornien gespeichert werden und wir nicht wissen, was dort gemacht wird, brauchen wir so schnell wie möglich ein gut gesichertes deutsches Angebot. Der Punkt ist ja gerade der Datenschutz im besonders sensiblen Gesundheitsbereich.

Eine Corona-App als einfache Alternative zur aufwendigen Datendokumentation per Hand würde nur funktionieren, wenn alle mitmachen, oder?

Riegl: Ja, eine breite Akzeptanz der App ist nötig, wenn es funktionieren soll. Es gibt aber immer Leute, die ihre Daten nicht preisgeben wollen. Deshalb muss die Corona-App ein Angebot sein, das freiwillig genutzt werden kann. Gleichzeitig ist es besonders wichtig, dass wir den Menschen auch die eigenen Vorteile der Anwendung deutlich machen. Es geht in diesem Fall nicht um personifizierte Daten.

Bitte erklären Sie kurz: Wie soll die Corona-Tracing-App funktionieren?

Riegl: Jedes Mobiltelefon mit aktivierter App soll sich über Bluetooth automatisch mit Geräten in seiner Nähe verbinden. Dazu soll über die Signalstärke die Entfernung zwischen zwei Smartphones ermittelt werden, und zugleich sollen die Handys bei einer engen 10-Minuten-Begegnung per Bluetooth anonyme ID-Schlüssel austauschen. Wenn bei einem Nutzer eine Infektion festgestellt wird, meldet er das ohne Namen auf freiwilliger Basis in der App. Über einen Abgleich der ID-Schlüssel können Handys benachrichtigt werden, die sich in seiner Nähe aufhielten, zum Beispiel zwecks Testempfehlungen. Dieser Abgleich soll ausschließlich auf den Smartphones der Nutzer stattfinden und nicht zentral auf einem Server.

Wäre die Corona-App effektiver als staatliche Gesundheitsämter, die Infektionsketten bei Covid-19 zurückverfolgen?

Riegl: Eine flächendeckende Kontrolle und Überwachung ist durch die Gesundheitsämter oft nicht zu leisten. Der Personalaufwand ist viel zu groß. Aus aktuellen Berichten wissen wir, dass Behörden teilweise nur rund ein Drittel der Infektionsketten überprüfen können. Mit jeder Lockerung vergrößert sich die Anzahl der Kontaktpersonen, was die Arbeit erschwert. Auch deshalb wäre eine digitale Lösung mit App wohl besser. Darüber hinaus könnten die Nutzer einer solchen App einen Informationsvorsprung haben.

Professor Gerhard Riegl Institut für Management im Gesundheitsdienst in Augsburg Bild: Michael Hochgemuth
Bild: Michael Hochgemuth

Welcher Vorteil soll das sein?

Riegl: Falls erlaubt, würden sicherlich auch in Augsburg viele Leute gerne wissen, welche Stadtteile aktuell in Sachen Corona „sicherer“ sind, beziehungsweise, wo sich Infektionsherde befinden. Das kann interessant sein, wenn man Freizeitaktivitäten plant oder die Kinder draußen unterwegs sind. Auch das wäre mit einer Corona-App transparenter. Ich glaube, das würde auch dazu beitragen, dass die Leute sich vernünftig verhalten.

Trotzdem ist es ein Unterschied, ob ich online nach der Abfahrt der nächsten Straßenbahn schaue oder ob meine Daten im Gesundheitswesen erhoben werden. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie bei einer fortschreitenden Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Riegl: Wer mit Gesundheitsdaten umgeht, betritt sozusagen geheiligten Boden. Denn diese Daten sind höchstsensibel und müssen bestmöglich gegen Missbrauch geschützt werden. Andererseits ist die richtige Software der Schlüssel für viele Verbesserungen, die Patienten einen großen Nutzen bringen können. Ich halte es für überängstlich und unlogisch, nur das Ausspähen von Daten im Blick zu haben.

Geben Sie uns bitte ein Beispiel, wo Patienten von Digitalisierung profitieren können.

Riegl: In der Wirtschaft hat sich eine Erkenntnis durchgesetzt: Das erfolgreichste Unternehmen am Markt ist nicht dasjenige, das am besten produziert, es ist das Unternehmen, das die Menschen am besten versteht. Amerikanische High-techkonzerne wie Google haben das Prinzip längst verstanden und wenden es erfolgreich an. Weil sie dank Algorithmen die Bedürfnisse und Emotionen ihrer Nutzer genau kennen, können sie damit einfühlsamer agieren als beispielsweise Akteure im deutschen Gesundheitswesen. Dabei könnten auch die Heilberufe bei uns empathischer aufgestellt sein.

Wie meinen Sie das?

Riegl: Für Ärzte beispielsweise bestehen Patienten heute in der Regel vor allem oder nur aus Krankheitsdaten. Dabei ist jeder Patient auch Mensch.

Könnten Ärzte und Pflegepersonal mithilfe von mehr Digitalisierung möglicherweise mehr Empathie entwickeln?

Riegl: Ja, Menschen besitzen evolutionsbiologische Empathieveranlagungen. Aber es gibt Abstumpfungen, Missachtungen, Desinteresse und Fehlentwicklungen unter dem Effizienzwahn unseres Gesundheitssystems. Überlastete Mitarbeiter klagen, sie hätten keine Zeit mehr, um freundlich zu sein oder zu lächeln. Tatsächlich eröffnen freigegebene menschliche Patientendaten ein treffsicheres emotionales Aufwärmen mit Zeitgewinn.

Die Corona-Pandemie zeigt uns aktuell, dass wir vorher mit viel „Ich“ und mit wenig „Wir“ gelebt haben. Wie wichtig ist Empathie für die Menschen im Digitalisierungszeitalter überhaupt?

Riegl: Die Covid-19-Krise ist das beste Beispiel für unsere Rückbesinnung auf empathische Gepflogenheiten und Sehnsüchte: Es gibt ein nie da gewesenes Mitgefühl für die verdienstvollen Einsätze der Heilberufe an der Front. Die Ausgangssperren haben gezeigt, wie stark Menschen unter sozialer Verarmung und Vereinsamung leiden. Ich bin aber auch sicher, dass die Krise als ein Beschleuniger für unser gesamtes digitales Leben in Deutschland wirken wird. Das sollten wir für eine personalisierte Medizin nutzen, die diesen Namen verdient. Sie muss auch die emotionalen Bedürfnisse von Patienten stärker im Blick haben.

Zur Person: Gerhard F. Riegl ist Patientenforscher, Gründer und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Management im Gesundheitsdienst in Augsburg und Doezent an der Hochschule Augsburg für angewandte Wissenschaften.

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