„Wir werden kämpfen. Friedlich, kreativ, laut und bunt, bis der letzte Vollidiot verstanden hat, dass Rassismus ein Verbrechen ist“, ruft Hanna Riepl vom Jugendbündnis in das Mikro. Die Menge auf dem Parkplatz gegenüber der Messe jubelt. Sie alle haben sich Samstagmorgens versammelt, um ein Zeichen gegen die AfD und deren Politik zu setzen. Gegen die Politiker also, die nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt in der Messe tagen.
Anfangs ist noch von 1000 Menschen die Rede, die sich zur Kundgebung einfinden. Doch die Zahl derer, die am späteren Demonstrationszug in die Innenstadt teilnehmen wollen, steigt stetig. Irgendwann spricht die Polizei von rund 6000 Demonstranten in der Stadt. „Friedlich, kreativ, laut und bunt“ – zumindest dieser Teil der Ankündigung erfüllt sich.
Die Protestierer haben sich für ihre Schilder einiges an Sprüchen einfallen lassen: „Oma schickt mich“, „Börek statt Bernd – Hummus statt Höcke“, „Wenn AfD die Antwort ist, wie dumm war die Frage?“. Lisa Munz hat auf ihr Plakat gar einen braunen Kothaufen gemalt, um den Fliegen schwirren.
„AfD macht nur Mist“, steht darunter zu lesen. Die 67-Jährige und ihr Mann, die in Ingolstadt leben, reisen zu sämtlichen Friedensdemos in ganz Deutschland. „Dafür opfern wir gerne unsere Freizeit.“ Das Ehepaar Munz befürchtet, dass die AfD nach den nächsten Wahlen in den bayerischen Landtag einzieht. „Diese Partei hat dort nichts verloren“, finden beide.
Es sind am Samstag viele Auswärtige in der Stadt. Wie auch Ute Eppinger und ihre 17-jährige Tochter Tina, die den Zug von Karlsruhe nach Augsburg nahmen. Mutter und Tochter sind demoerprobt. „Bei uns gab es eine Zeit lang Pegida-Aufmärsche. Da gingen wir immer auf die Straße.“ Sie loben die entspannte und friedliche Stimmung in Augsburg.
Eine gewaltige Polizeipräsenz
Das liegt sicherlich auch an der gewaltigen Polizeipräsenz. Studentin Julia, die zum ersten Mal demonstriert, hat vor den vielen Uniformierten ziemlichen Respekt. Sie findet sogar: „Damit wird Angst geschürt.“ Hildegard Schwinger bekam bei einem Protest schon einmal Tränengas in die Augen gesprüht. Aber das ist lange her, 33 Jahre. Damals demonstrierte die heute 69-Jährige gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Den „rechten Sumpf“, so sagt sie, finde sie ebenfalls gefährlich. Deshalb hat sie die Fahrt aus der Oberpfalz nach Augsburg auf sich genommen. Nicht nur das. Fast drei Stunden dauert es nämlich, bis der Demonstrationszug von der Messe den Rathausplatz erreicht.
Nur langsam bewegt sich die Masse aus Menschen, Fahnen, Plakaten, Lautsprechern und Trillerpfeifen durch die Straßen – eskortiert von Einsatzkräften des Unterstützungskommandos. Das USK wird auch bei Demonstrationen eingesetzt, bei denen schwere Ausschreitungen zu befürchten sind. Diese Befürchtung wird in Augsburg zum Glück nicht real. Bis auf ein paar schwarz gekleidete Demonstranten der Antifaschistischen Aktion, die an der Messe erfolglos versuchen die Absperrungen zu durchbrechen, verläuft der Zug friedlich. Es ist heiß. Auch für die Polizei. „Ja, ich schwitze ziemlich. Aber wir üben das ja schließlich alles“, sagt eine Polizistin in schwarzer USK-Montur. Sie lächelt tapfer.
Demonstranten wie auch Polizei haben sich vorab mit Wasserflaschen eingedeckt. Für eine Abkühlung sorgt die Feuerwehr mit ihren Wasserschläuchen in der Konrad-Adenauer-Allee. Wer will, nimmt eine schnelle Dusche. Im Zentrum begutachten Passanten am Rand der Straßen neugierig den lauten und bunten Demonstrationszug. Viele finden es gut, dass die vor allem jungen Menschen gegen Rassismus auf die Straße gehen. „Da hast du jetzt deine Linksautonomen“, sagt ein älterer Herr trocken zu seiner Frau. Apropos trocken: Kioske und Bäckereien, die kalte Getränke verkaufen, machen mit den Demonstranten an dem Tag kein schlechtes Geschäft. Andere Läden hingegen haben spürbar weniger Kunden ...
Luftbilder: Proteste und Polizei-Einsatz von oben
Insbesondere auf dem Stadtmarkt ist kaum was los. Die Händler klagen unisono über wenig Umsatz und kaum Kunden. Einige haben sogar ganz geschlossen. Peter Uhl betreibt in dritter Generation einen Obst- und Gemüsestand auf dem Stadtmarkt und ist Vorsitzender des Fördervereins. Er sagt: „Ein Markt funktioniert als Ganzes. Wie soll es funktionieren, wenn die Fleischhalle zum Beispiel gar nicht auf hat?“ Er hätte sich eine klarere Linie der Stadtverwaltung gewünscht, sodass der Markt entweder ganz geöffnet oder komplett geschlossen gewesen wäre.
Stadtmarkt: Händler nur wegen der Stammkunden da
Uhls Kollegin Renate Wilfer hat ihren Stand nur wegen der Stammkunden, die zuverlässig jeden Samstag kommen, aufgemacht. „Die haben sich alle sehr dafür bedankt“, sagt Wilfer. Nachdem die letzte Stammkundin da war, hat sie aber früher geschlossen. So wie Giannis Thassos. Er hatte sich außerdem dazu entschlossen, am Samstag als Verkäufer nur seine Familie einzusetzen. Ohne zusätzliche Personalkosten hofft er, „wenigstens auf Null rauszukommen“.
Über weniger Umsatz klagen auch Cafés und Restaurants am Rathauplatz, etwa das „Aposto“. Dass weniger Leute da sind, liege vor allem daran, dass die Tische vor dem Restaurant abgebaut werden mussten, erklärt eine Bedienung am Samstagmittag. Die Inhaberin eines Cafés ist ebenfalls unzufrieden mit der Situation und den Randerscheinungen der Demo vor ihrer Tür. Sie sei schon als Nazi beschimpft worden, weil sie ihre Toiletten nur für Gäste zu Verfügung stellen wollte.
Auch in der Fußgängerzone ist deutlich weniger los als an anderen Samstagen. Doch das wirkt sich nicht auf alle Läden gleich aus. Während die Verkäufer in manchen Läden tatsächlich weniger zu tun haben, ist Rudolf Brunhuber von der Weinkellerei Bayer zufrieden. „Insgesamt herrscht eine gute Stimmung. Es ist weniger kritisch als befürchtet.“ Im Unterschied zu anderen Samstagen habe er beobachtet, dass weniger Stammkunden kämen, dafür etwas mehr Laufkundschaft.
Es herrscht gute Stimmung
Die Stimmung bei den meisten Demonstranten ist gut. Horst Gais ist mit seinen beiden Töchtern bei dem kürzeren der beiden Demonstrationszüge mitgelaufen. Der 65-Jährige sagt: „Man muss gegen das rechte Gedankengut Stellung beziehen.“ Ihm hat besonders die Kundgebung vor dem Theater gefallen. Auch der Augsburger Student Fabian ist mit seinen Freunden bei der Kundgebung auf dem Rathausplatz. Er findet es schade, dass so wenige Leute gekommen sind. „Ich habe den Eindruck, dass viele abgeschreckt wurden, weil im Vorfeld so häufig über linke Krawallmacher berichtet wurde.“
Auch die Demonstranten, die von außerhalb angereist sind, haben Augsburg zufrieden verlassen. Beispielsweise einige Mitglieder des Ravensburger Kreisverbands der Linken. Deren Vorsitzender Manuel Ricart-Brede sagt: „Die Stimmung bei der Demonstration war toll.“ Allenfalls das große Polizeiaufgebot, das den Zug von der Messe zum Rathausplatz begleitete, empfand die Gruppe als übertrieben.
Die Augsburger, die nicht zum Demonstrieren in die Innenstadt kommen, haben es manchmal nicht leicht. Studentin Lea Burghart muss mit ihrer Freundin deutlich länger als sonst suchen, bis sie einen Platz zum Kaffee trinken gefunden haben. „Das alles ist schon eine Einschränkung“, sagt die Studentin. Doch sie habe Verständnis dafür, dass Leute gegen die AfD auf die Straße gehen.
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