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AfD-Parteitag

30.06.2018

Demos treffen auf Alltag: So war die Stimmung in Augsburg

Rund 6000 Menschen demonstrierten am Samstag friedlich gegen den AfD-Parteitag. Rund 2000 Polizisten waren im Einsatz. Viele Geschäfte in der Innenstadt blieben aus Angst vor Krawallen lieber geschlossen - und auch der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen. Mit der Veranstaltung "Zeig Dich Aux" setzte die Stadt auf jeden Fall ein Zeichen.
Video: rt1.tv

Rund 6000 Menschen kommen am Samstag, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Die meisten sind von der Atmosphäre angetan. Mancher Händler sieht das anders.

„Wir werden kämpfen. Friedlich, kreativ, laut und bunt, bis der letzte Vollidiot verstanden hat, dass Rassismus ein Verbrechen ist“, ruft Hanna Riepl vom Jugendbündnis in das Mikro. Die Menge auf dem Parkplatz gegenüber der Messe jubelt. Sie alle haben sich Samstagmorgens versammelt, um ein Zeichen gegen die AfD und deren Politik zu setzen. Gegen die Politiker also, die nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt in der Messe tagen.

Anfangs ist noch von 1000 Menschen die Rede, die sich zur Kundgebung einfinden. Doch die Zahl derer, die am späteren Demonstrationszug in die Innenstadt teilnehmen wollen, steigt stetig. Irgendwann spricht die Polizei von rund 6000 Demonstranten in der Stadt. „Friedlich, kreativ, laut und bunt“ – zumindest dieser Teil der Ankündigung erfüllt sich.

Die Protestierer haben sich für ihre Schilder einiges an Sprüchen einfallen lassen: „Oma schickt mich“, „Börek statt Bernd – Hummus statt Höcke“, „Wenn AfD die Antwort ist, wie dumm war die Frage?“. Lisa Munz hat auf ihr Plakat gar einen braunen Kothaufen gemalt, um den Fliegen schwirren.

„AfD macht nur Mist“, steht darunter zu lesen. Die 67-Jährige und ihr Mann, die in Ingolstadt leben, reisen zu sämtlichen Friedensdemos in ganz Deutschland. „Dafür opfern wir gerne unsere Freizeit.“ Das Ehepaar Munz befürchtet, dass die AfD nach den nächsten Wahlen in den bayerischen Landtag einzieht. „Diese Partei hat dort nichts verloren“, finden beide.

Es sind am Samstag viele Auswärtige in der Stadt. Wie auch Ute Eppinger und ihre 17-jährige Tochter Tina, die den Zug von Karlsruhe nach Augsburg nahmen. Mutter und Tochter sind demoerprobt. „Bei uns gab es eine Zeit lang Pegida-Aufmärsche. Da gingen wir immer auf die Straße.“ Sie loben die entspannte und friedliche Stimmung in Augsburg.

Eine gewaltige Polizeipräsenz

Das liegt sicherlich auch an der gewaltigen Polizeipräsenz. Studentin Julia, die zum ersten Mal demonstriert, hat vor den vielen Uniformierten ziemlichen Respekt. Sie findet sogar: „Damit wird Angst geschürt.“ Hildegard Schwinger bekam bei einem Protest schon einmal Tränengas in die Augen gesprüht. Aber das ist lange her, 33 Jahre. Damals demonstrierte die heute 69-Jährige gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Den „rechten Sumpf“, so sagt sie, finde sie ebenfalls gefährlich. Deshalb hat sie die Fahrt aus der Oberpfalz nach Augsburg auf sich genommen. Nicht nur das. Fast drei Stunden dauert es nämlich, bis der Demonstrationszug von der Messe den Rathausplatz erreicht.

Die Einsatzkräfte mussten ziemlich schwitzen. Das lag aber nur an der Sonne.
Bild: Ina Kresse

Nur langsam bewegt sich die Masse aus Menschen, Fahnen, Plakaten, Lautsprechern und Trillerpfeifen durch die Straßen – eskortiert von Einsatzkräften des Unterstützungskommandos. Das USK wird auch bei Demonstrationen eingesetzt, bei denen schwere Ausschreitungen zu befürchten sind. Diese Befürchtung wird in Augsburg zum Glück nicht real. Bis auf ein paar schwarz gekleidete Demonstranten der Antifaschistischen Aktion, die an der Messe erfolglos versuchen die Absperrungen zu durchbrechen, verläuft der Zug friedlich. Es ist heiß. Auch für die Polizei. „Ja, ich schwitze ziemlich. Aber wir üben das ja schließlich alles“, sagt eine Polizistin in schwarzer USK-Montur. Sie lächelt tapfer.

Demonstranten wie auch Polizei haben sich vorab mit Wasserflaschen eingedeckt. Für eine Abkühlung sorgt die Feuerwehr mit ihren Wasserschläuchen in der Konrad-Adenauer-Allee. Wer will, nimmt eine schnelle Dusche. Im Zentrum begutachten Passanten am Rand der Straßen neugierig den lauten und bunten Demonstrationszug. Viele finden es gut, dass die vor allem jungen Menschen gegen Rassismus auf die Straße gehen. „Da hast du jetzt deine Linksautonomen“, sagt ein älterer Herr trocken zu seiner Frau. Apropos trocken: Kioske und Bäckereien, die kalte Getränke verkaufen, machen mit den Demonstranten an dem Tag kein schlechtes Geschäft. Andere Läden hingegen haben spürbar weniger Kunden ...

afd parteitag
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Luftbilder: Proteste und Polizeiaufgebot beim AfD-Parteitag von oben
Bild: Ulrich Wagner

Insbesondere auf dem Stadtmarkt ist kaum was los. Die Händler klagen unisono über wenig Umsatz und kaum Kunden. Einige haben sogar ganz geschlossen. Peter Uhl betreibt in dritter Generation einen Obst- und Gemüsestand auf dem Stadtmarkt und ist Vorsitzender des Fördervereins. Er sagt: „Ein Markt funktioniert als Ganzes. Wie soll es funktionieren, wenn die Fleischhalle zum Beispiel gar nicht auf hat?“ Er hätte sich eine klarere Linie der Stadtverwaltung gewünscht, sodass der Markt entweder ganz geöffnet oder komplett geschlossen gewesen wäre.

Stadtmarkt: Händler nur wegen der Stammkunden da

Uhls Kollegin Renate Wilfer hat ihren Stand nur wegen der Stammkunden, die zuverlässig jeden Samstag kommen, aufgemacht. „Die haben sich alle sehr dafür bedankt“, sagt Wilfer. Nachdem die letzte Stammkundin da war, hat sie aber früher geschlossen. So wie Giannis Thassos. Er hatte sich außerdem dazu entschlossen, am Samstag als Verkäufer nur seine Familie einzusetzen. Ohne zusätzliche Personalkosten hofft er, „wenigstens auf Null rauszukommen“.

Über weniger Umsatz klagen auch Cafés und Restaurants am Rathauplatz, etwa das „Aposto“. Dass weniger Leute da sind, liege vor allem daran, dass die Tische vor dem Restaurant abgebaut werden mussten, erklärt eine Bedienung am Samstagmittag. Die Inhaberin eines Cafés ist ebenfalls unzufrieden mit der Situation und den Randerscheinungen der Demo vor ihrer Tür. Sie sei schon als Nazi beschimpft worden, weil sie ihre Toiletten nur für Gäste zu Verfügung stellen wollte.

AfD Bundesparteitag, große Kundgebung, Demo  Übersicht Rathausplatz
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Gegner demonstrieren gegen AfD-Parteitag in Augsburg
Bild: Annette Zoepf

Auch in der Fußgängerzone ist deutlich weniger los als an anderen Samstagen. Doch das wirkt sich nicht auf alle Läden gleich aus. Während die Verkäufer in manchen Läden tatsächlich weniger zu tun haben, ist Rudolf Brunhuber von der Weinkellerei Bayer zufrieden. „Insgesamt herrscht eine gute Stimmung. Es ist weniger kritisch als befürchtet.“ Im Unterschied zu anderen Samstagen habe er beobachtet, dass weniger Stammkunden kämen, dafür etwas mehr Laufkundschaft.

Es herrscht gute Stimmung

Die Stimmung bei den meisten Demonstranten ist gut. Horst Gais ist mit seinen beiden Töchtern bei dem kürzeren der beiden Demonstrationszüge mitgelaufen. Der 65-Jährige sagt: „Man muss gegen das rechte Gedankengut Stellung beziehen.“ Ihm hat besonders die Kundgebung vor dem Theater gefallen. Auch der Augsburger Student Fabian ist mit seinen Freunden bei der Kundgebung auf dem Rathausplatz. Er findet es schade, dass so wenige Leute gekommen sind. „Ich habe den Eindruck, dass viele abgeschreckt wurden, weil im Vorfeld so häufig über linke Krawallmacher berichtet wurde.“

Auch die Demonstranten, die von außerhalb angereist sind, haben Augsburg zufrieden verlassen. Beispielsweise einige Mitglieder des Ravensburger Kreisverbands der Linken. Deren Vorsitzender Manuel Ricart-Brede sagt: „Die Stimmung bei der Demonstration war toll.“ Allenfalls das große Polizeiaufgebot, das den Zug von der Messe zum Rathausplatz begleitete, empfand die Gruppe als übertrieben.

Die Augsburger, die nicht zum Demonstrieren in die Innenstadt kommen, haben es manchmal nicht leicht. Studentin Lea Burghart muss mit ihrer Freundin deutlich länger als sonst suchen, bis sie einen Platz zum Kaffee trinken gefunden haben. „Das alles ist schon eine Einschränkung“, sagt die Studentin. Doch sie habe Verständnis dafür, dass Leute gegen die AfD auf die Straße gehen.

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01.07.2018

Um dem Stimmungsbild noch eine Facette hinzuzufügen: stand gestern Vormittag in einem total überfüllten Fugger-Express nach München. Offenbar fanden es viele Augsburger - so wie ich auch - in der Ferne gestern deutlich schöner als zu Hause.

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01.07.2018

Da man den Live-Ticker ja nicht kommentieren kann, setze ich mich mal hier rein. Also wer, wie Herr Herr Sabinsky-Wolf Pferdeäpfel fotografiert("brauner Schmutz"...) oder wie Herr Stifter (Politik-Chefredakteur der AA) Noagerl in Pappkaffeebechern ("kleiner Brauner"), hält das vielleicht für witzig, disqualifiziert sich aber für eine ernsthafte politische Berichterstattung.

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01.07.2018

Ich halte solche Witzchen für angemessen, so lange die AFD nicht ernsthaft unsere politischen Aufgaben bearbeitet, sondern hauptsächlich bräunliche Stimmungsmache betreibt.
Wo und wie arbeitet denn die AFD an unseren großen Problemen:
Wie schaffen wir es, die unsere Nachkommen existenziell gefährdende Erderwärmung einzuschränken?
Wie sollen wir den tödlich strahlenden Atommüll für die notwendige Abklingzeit von über 1 Million Jahre lagern?
Wie können wir einerseits das Überkochen der Boomregionen mit den daraus folgenden Problemen wie Wohnungsnot, Verkehrsproblemen und Luftverschmutzung und andrerseits die Bevölkerungsabwanderung aus großen Regionen von Bayern, Deutschland und auch Europa umkehren?
Wie können wir unsere Landwirtschaft, die dem falschen Leitbild von Intensivierung und Exportorientierung folgt, umweltverträglich machen?
Wie können wir den häufig erbärmlichen Zuständen bei der Pflege begegnen und die Pflege für die Gepflegten wie die Pflegenden gut machen?
Wie können wir den Welthandel fairer machen, einen Beitrag zur Bekämpfung der Fluchtursachen leisten sowie endlich mit einem Einwanderungsgesetz die Migration von Menschen, die keine Verfolgten im Sinne unseres Grundgesetzes sind, regeln?
Wie soll Deutschland sich zu den Diktatoren in Russland und der Türkei und zu den regierenden Nationalisten in Polen, Ungarn, Tschechien, USA usw. verhalten?
Es gibt wahrlich viele wichtige politische Aufgaben. Die AFD und ihre Anhänger sollten sich darum kümmern und aufhören sich als Opfer zu inszenieren und unsere Gesellschaft schlecht zu reden!
Raimund Kamm

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01.07.2018

Ja, das hat die Frau Steinbach schon klüger gemacht. Sie hat auf Twitter Pferdemist in Berlin gepostet und druntergeschrieben: "Polizei mit Pferdekot beworfen". So macht man das! Dann wird man Stiftungsvorstand der AfD- sorry, Erasmus-Stiftung. Währenddessen kümmert sich die AZ um die eigentlichen Probleme des AfD Parteitages: "Die Augsburger, die nicht zum Demonstrieren in die Innenstadt kommen, haben es manchmal nicht leicht. Studentin Lea Burghart muss mit ihrer Freundin deutlich länger als sonst suchen, bis sie einen Platz zum Kaffee trinken gefunden haben." So läuft das.

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30.06.2018

Unter der Überschrift "So war die Stimmung in Augsburg" ist es der Augsburger Allgemeinen im Zusammenhang mit den Demonstartionen gegen den AFD-Parteitag nicht einmal wert zu berichten, dass unser demokratisch gewählter Oberbürgermeister Kurt Gribl mit Tomaten und Flaschen beworfen (aber nicht getroffen) wurde. Dass eine Hildegard Sch. vor 33 Jahren schon einmal Tränengas in die Augen gesprüht bekommen hat, war der AZ jedoch durchaus wichtig zu berichten. Was soll mir das sagen?

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01.07.2018

Aber sicher doch haben wir auch dazu berichtet und das mehrfach, unter anderem in unserem Live-Ticker, aber auch in Artikeln.
Ich verlinke Ihnen mal einen davon.
https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/So-lief-die-grosse-Kundgebung-auf-dem-Rathausplatz-id51517326.html

Community-Management der Augsburger Allgemeinen
moderator@augsburger-allgemeine.de

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01.07.2018

Es ist offensichtlich, dass dieser tätliche Angriff auf Herrn Gribl medial klein gehalten werden soll.

Schwerer wiegt eigentlich der Versuch den Redebeitrag systematisch zu stören und unhörbar zu machen.

https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/So-lief-die-grosse-Kundgebung-auf-dem-Rathausplatz-id51517326.html

>> Der Oberbürgermeister wurde in seiner weiteren Rede ausgepfiffen. <<

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01.07.2018

Lieber Herr P.,

es gibt keinen Grund, den Vorfall "medial klein zu halten" und das ist auch nicht geschehen. Wie schon zuvor geschrieben, wurde der Angriff auf den Oberbürgermeister mehrfach in Artikeln unserer Zeitung thematisiert. Auch auf Augsburg TV und im Lokalradio wurde unter anderem auch dazu berichtet. Es kann also keine Rede davon sein, dass hier etwas von Seiten der Medien klein gehalten werden soll.

Übrigens hier noch zur Info, was Dr. Kurt Gribl auf seiner Facebook-Seite persönlich zu den Vorfällen schreibt:

https://www.facebook.com/KurtGribl2014/posts/1027597747403176

"Ich danke allen, die gestern friedlich und kreativ, unter Wahrung des gegenseitigen Respekts, demonstriert haben. Tausende Menschen haben am Rathausplatz von ihrem Recht Gebrauch gemacht, in friedlicher Grundhaltung für ihre Überzeugungen einzustehen. Und dann war da ein Block, der auf Krawall gebürstet war. Natürlich ist das nicht schön, wenn von diesen Leuten Tomaten und Plastikflaschen fliegen. Aber wenn man da das Feld räumt, dann braucht man keine Veranstaltung mehr durchführen und keinen gemeinsamen Nenner mehr suchen. Aber das ist die permanente Aufgabe in der #Friedensstadt #Augsburg."

Viele Grüße!

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