Sehnsucht ist seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens ein zentraler Begriff für die lettische Film- und Fotokünstlerin Ieva Jansone. Doch sie weiß natürlich, dass die Sehnsucht, jene starke Antriebskraft menschlichen Tuns, sich immer aus dem Vergangenen speist, aus dem, was verloren, scheinbar überwunden, nicht mehr vorhanden ist. Sehnsucht braucht Erinnerung als Nährboden, um wach zu bleiben und – manchmal bis ins fast Unerträgliche – zu wachsen.
Dieser Erinnerung wendet sich die 40-jährige Künstlerin, je älter sie wird, umso intensiver zu. Wenn ihre früheren Fotoserien – etwa „Flüchtlingsmilch“ (von den Augsburger Kunstsammlungen angekauft), „Garten“ und „Treibsand“ von 2004 oder die „Kopenhagener Etüden“ von 2005, auch „Das Paradies ist...“ von 2008 noch die Hinwendung zur Welt, so wie sei nun mal ist, spiegeln, versuchen die Serien seit 2011 – „Topografie des Erinnerns“ oder „Aspettare“ – nun eine nicht mehr vorhandene Welt zu fassen und mit dem Heute zu verschmelzen.
Einblicke in Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte
In ihrem für die Neue Galerie im Höhmannhaus entwickelten Projekt „Kollaboration der Erinnerung“ geht Ieva Jansone weit zurück zu ihrer Kindheit im lettischen Jurmala, zur Familie und zu der heimatlichen Landschaft, dem Meer, den Kiefernwäldern. Man sieht diese Motive auf den Doppelfotografien – die schlafende Mutter, den Vater mit Kofferradio am Ostseestrand. Aber weil hier die Kunst mit der Erinnerung kollaboriert, wie der Ausstellungstitel sagt, geht jede einzelne Arbeit und gehen alle zwölf ausgestellten (von insgesamt 21 für Augsburg geschaffenen) Arbeiten weit hinaus über das, was einst gewesen ist. Sie bieten einen intimen Einblick in den Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, der ja eine allgemein menschliche Seins-Notwendigkeit darstellt.
Ieva Jansone ist ihrer Methode treu geblieben, jeweils Dinge und Personen oder Landschaften zu Diptychen zusammenzustellen. In dieser Ausstellung nun werden die aus Familienalben oder regionalen Bildarchiven stammenden Motive auffallend oft mit Fotos von Messern oder Scheren, von Kabeln oder Drähten kombiniert. Diese fotografierten Objekte sind von einer beeindruckenden Ästhetik, denn Ieva Jansone hat eine besondere Begabung dafür, pure Schönheit in banalen Gegenständen zu entdecken und zu inszenieren (man denke an ihre simple türkisblaue Kaffeetasse, die vor zwei Jahren im Kunstverein Bobingen zu sehen war).
Die Scheren und Messer, die Kabel und Drähte – ob in dekorativer Verschlingung oder straff gespannt – weisen aber als symbolschwere Metaphern darauf hin, wie Erinnerung manchmal, schmerzhaften Einschnitten gleich, wehtun kann, wie die Verbindung zu Menschen und Orten, auch wenn sie problembeladen ist, über Jahre und Generationen hinweg festgezurrt bleibt, den verspannten Drähten gleich.
In einer zarten und verletzlichen, aber auch sehr entschieden wirkenden Installation aus Draht hat Ieva Jansone diese Erinnerungslinien in zwei Räumen des Höhmannhauses materialisiert. Die Drähte ziehen sich an den Wänden entlang, umkreisen den Sicherungskasten und den Lichtschalter, und sie stellen eine liebevolle Huldigung an den Vater dar, der – wie die Künstlerin erzählt – in seiner Werkstatt Drähte und Kabel sammelte, die einst das Kind Ieva faszinierten.
Im Gewölbe aus Papierbahnen leuchten Fotos der Mutter auf
Auch die Mutter ist vielfach präsent – am stärksten in der zweiten Installation, einer aus halbtransparenten Papierbahnen gebildeten „Höhle“ im Gewölberaum der Galerie, in deren Mitte ein Film Fotoschnipsel aufleuchten lässt, in unregelmäßigem Rhythmus, wie Flashbacks oder Traumfetzen. Unweit davon hängt das härteste Bild der Schau, ein Diptychon, das die Scham eines Mädchens mit einer abwehrend zugenagelten, zugemauerten Hausfassade kombiniert – Gedanken an sexuelle Übergriffe und deren Beschweigen, an generationenalte Unterdrückung von Frauen und Mädchen drängen sich auf.
Bei aller Ästhetik schafft Ieva Jansone in dieser sehr persönlichen Schau, auch durch die Verwendung von Kinderzeichnungen und durch den Verzicht auf jeglichen Glanz in der Präsentation ihrer Arbeiten, eine tief reichende, dem psychotherapeutischen Prozess vergleichbare Atmosphäre von Erinnerungsarbeit. Die hat durchaus mit Trauer und Bedauern zu tun, wird aber nie sentimental. Eine berührende Ausstellung!
Laufzeit bis 15. Juli, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10–17 Uhr ( bis 1. Juli ist dienstags noch bis 20 Uhr geöffnet)