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Interview: Das passiert in Augsburg gegen das große Artensterben

Interview

Das passiert in Augsburg gegen das große Artensterben

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    Nicolas Liebig vom städtischen Landschaftspflegeverband kümmert sich mit vielen Partnern um Blühwiesen für Insekten in Augsburg.
    Nicolas Liebig vom städtischen Landschaftspflegeverband kümmert sich mit vielen Partnern um Blühwiesen für Insekten in Augsburg. Foto: Peter Fastl

    Herr Liebig, Sie sind Sprecher der Landschaftspflegeverbände in Bayern und Geschäftsführer des städtischen Landschaftspflegeverbandes, wie schlimm ist das Artensterben in Augsburg?

    Nicolas Liebig: Der Honigbiene geht es gut. Sie ist nicht gefährdet, da sie ja in menschlicher Obhut ist. Wildlebende Insekten hingegen haben Probleme, das kann niemand mehr ernsthaft abstreiten. Insgesamt muss man feststellen, dass der Artenschwund in Augsburg genauso dramatisch ist wie überall in Bayern und Deutschland. Die Vögel der Feldflur nehmen rapide ab, das Vorkommen von Tagfaltern ist um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Andererseits hat Augsburg ein besonders großes Potenzial für Artenvielfalt. Es gibt keine andere Großstadt in Bayern, die prozentual so viele Naturschutzflächen hat.

    In Augsburg kümmern sich viele um Artenschutz, reichen die Anstrengungen aus?

    Liebig: Wir haben eine große Szene mit engagierten Ehrenamtlichen, die sich gut im Artenschutz auskennen und mit Hartnäckigkeit an Grenzen gehen, um einen besseren Schutz der Natur zu erreichen. Ein Beispiel ist der jahrelange Kampf um den letzten Rest der historischen Flugplatzheide in Haunstetten, der in Kürze unter Schutz gestellt wird. Aber auch die Stadt setzt in diesem Fall ein Signal. Das neue innerstädtische Schutzgebiet zeigt, dass hier nicht die ökonomischen Interessen im Vordergrund stehen. Vorstellbar wäre ja auch gewesen, auf diesem Grundstück Gewerbe anzusiedeln.

    "Es gibt immer noch Dinge, die man besser machen kann"

    Aber noch einmal, reichen die Anstrengungen aus, um sichtbare Erfolge zu erzielen?

    Liebig: Es gibt in Augsburg sehr viele erfolgreiche Projekte, die ich an dieser Stelle nicht alle aufführen kann. Deshalb nur drei Beispiele: Die städtische Forstverwaltung erhält auf vorbildliche Weise besondere Waldlebensräume im Naturschutzgebiet Stadtwald, wie etwa die lichten Kiefernwälder oder die Grauerlenwälder. Mit der neuen staatlich geförderten Öko-Modellregion Augsburg werden wir Landwirte bei der Umstellung auf Öko-Landbau unterstützen und neue Vertriebswege für diese Produkte aufbauen. Und ich meine auch, dass wir als Landschaftspflegeverband mit unserem Projekt „Weidestadt Augsburg“ innovativ unterwegs sind. Schutzgebiete mit seltenen Pflanzen werden schonend von Wildpferden, Rindern, Ziegen oder von der Schafherde des Augsburger Wanderschäfers beweidet. Aber natürlich gibt es immer noch Dinge, die man besser machen kann.

    Die Weidetiere sehen nett aus, aber wie viel bringen sie wirklich?

    Liebig: Die Beweidung wirkt sich unterm Strich sehr positiv auf die Artenvielfalt der Flora und Fauna aus. Das konnten wir durch wissenschaftliche Begleituntersuchungen nachweisen.

    Wo sehen Sie Defizite?

    Liebig: Man hat zu wenig darauf geachtet, dass es innerhalb der Stadt genügend Blühstreifen stehen bleiben, damit wilde Insekten ausreichend Nahrung finden. Das war ein Problem. Denn es gibt verschiedene Arten, die innerhalb kurzer Zeiträume auf bestimmte Pflanzen angewiesen sind, um überleben zu können. Inzwischen ist aber einiges passiert, um in dieser Richtung weiterzukommen. Mit dem neuen Projekt „Insekten.Vielfalt.Augsburg“ haben wir eine Allianz mit elf Partnern aus Stadtverwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Stadtgesellschaft gebildet. Damit können wir viele neue Blühflachen schaffen, die insgesamt etwas größer sind als der Augsburger Kuhsee.

    "Das größte Naturschutzprojekt, das es in Augsburg je gab"

    Die radikale Mähpraxis der Stadt war von Naturschützern schon länger kritisiert worden. Und es war nicht die einzige Mahnung, die länger nicht beachtet wurde. Auch mit Blick auf den Stadtwald gab es seit Jahren warnende Stimmen. Tenor: Eine größere Zufuhr von Wasser ist dringend notwendig, damit der Charakter der Lechauen mit ihren europaweit wertvollen Naturräumen nicht verloren geht ...

    Liebig: Auch hier passiert jetzt sehr viel. Mit dem neuen Life-Projekt zur Ertüchtigung der Stadtwaldbäche wird gegengesteuert. Über die Kanäle wird mehr Wasser aus dem Lech im Stadtwald ankommen. Die Lebensräume für Fische und andere Wasserlebewesen in den Bächen werden erheblich verbessert. Das europäisch geförderte Vorhaben ist mit 6,6 Millionen Euro das größte Naturschutzprojekt, das es je in Augsburg gab, und eines der größten in Bayern.

    Wo ist die Stadt in der Pflicht, wo sind es die Bürger?

    Liebig: Die Stadt muss mit gutem Beispiel vorangehen. Dann sind auch Bürger bereit, beim Artenschutz mitzumachen. Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz und wir müssen Geld in die Hand nehmen, um ein Bewusstsein zu schaffen, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leisten muss.

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