Fast hört man draußen auf der Gasse das Schlagen von Pferdehufen und das Knirschen eisenbeschlagener Wagenräder. Im Schaezlerpalais schickt man sich an, die Matinee mit der neuen Musik des Herrn Mozart zu eröffnen. Mademoiselle Teresa Tièschky, die bildhübsche junge Sopranistin, und der elegante Herr Peter Bader am Cembalo sind bereits disponiert. Auch das Streichquartett steht bereit, um zeitgemäßen Hörgenuss zu bescheren.
Rokoko pur spielt sich an diesem Montagmittag im prunkvollen Festsaal an der Dominikanergasse ab. Eine Filmcrew des Bayerischen Rundfunks hat die Uhr zurückgedreht. Es geht um die Familie Mozart, hier speziell um Wolfgang Amadé, der 1777 mit 21 Jahren in der „Vaterstadt meines Papa“ einige Konzertauftritte hatte. Streng genommen hatte er im Fugger’schen Konzertsaal gespielt. Aber den gibt es heute nicht mehr.
Regisseur Bernhard Graf ist gerade dabei, sich filmisch auf die Spuren der Mozarts im Umkreis von Augsburg zu heften. Zwei jeweils 45 Minuten lange Filme fürs Fernsehen produziert er. Der eine heißt „Ohne Augsburger Kirche keine Kunst“ und ist eine Dokumentation, wie die Mozarts über die Jahrhunderte hin im Schwäbischen künstlerisch tätig waren. Am 9. November wird er ausgestrahlt. Der andere Film trägt den Arbeitstitel „Augsburg die wahre Mozartstadt“ und zeichnet „zeitillusionistisch“ mit Spielszenen Stationen von Wolfgang Amadé im Augsburg von damals nach. Er wird im Weihnachtsprogramm laufen.
Dummerweise lärmen rund um das Schaezlerpalais des Jahres 2011 die Bauarbeiter. „Wir haben einen Haufen Zeit verloren“, knurrt Regisseur Bernhard Graf. Nebenan bei der Sanierung des Hotels Drei Mohren kreischt die Kreissäge, energisch wird gehämmert. Dabei soll man in Ruhe Tonaufnahmen mit Sopranistin und Streichquartett machen?
Unter toupierten Perücken in Kostümen der Wiener Oper
Die unvorhergesehene Störung stresst den Filmemacher sichtlich, denn jetzt sind alle Interpreten in der Maske und lassen sich in Musiker des ausgehenden 18. Jahrhunderts verwandeln mit hochtoupierten Perücken, mit streng taillierten, knöchellangen Kleidern oder Bundhosen für die Herren. Die Ausstaffierung mit Kostümen aus dem Fundus der Wiener Staatsoper dauert, der Regisseur tigert nervös durch die langen Zimmerfluchten.
Einige Arbeitstage hat Bernhard Graf mit den Mozart-Filmen hinter sich gebracht. Er war in Hirblingen und Anhausen, wo Hans Georg Mozart die Kirchen baute, in Dillingen, wo David Mozart im fürstbischöflichen Palais baut, in Biberbach, wo das Wolferl einen Orgelwettstreit austrug, in Oberschönenfeld, wo der Name Mozart 1331 erstmals in einer Urkunde erwähnt wurde. Und dann erst die ganzen Augsburger Erinnerungsorte! Die Fuggerei, wo Franz Mozart wohnte, das Mozarthaus in der Frauentorstraße, St. Georg und Heilig Kreuz, wo Leopold musizierte, den Rokokosaal im Fronhof, wo einst der Fürstbischof residierte, die Basilika St. Ulrich und Afra, der Kleine Goldene Saal, letzter Rest des Jesuitenkollegs, wo Leopold ins Gymnasium ging, und nicht zuletzt das Café Euringer wegen der süßen Mozartbusserl.
Bernhard Häußler, Festivalleiter der Mozartiade, hatte Regisseur Graf für die Geschichte der Mozarts interessieren können. „Unter den Vorfahren waren vier Architekten, zwei Bildhauer und zwei Buchkünstler. Die beiden Genies Leopold und Wolfgang Amadeus kamen nicht aus dem Nichts“, weiß Graf.
Häußler sieht in den Filmen zunächst „eine Riesenwerbung für Augsburg und sein Umland“. Er sorgte auch für den passenden guten Ton im Film. An diesem Montag begleitet Peter Bader, der Kirchenmusiker der Ulrichsbasilika, die ungarische Sopranistin Teresa Tièschky, die im vierten Jahr am Salzburger Mozarteum studiert. Die vier Streicher nennen sich „Mozartiana-Quartett“, das sich unter der Leitung von Senta Kraemer am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität gebildet hat.