Die Zahl der Pflegebedürftigen stieg in zehn Jahren um 16 Prozent. Deutschlandweit sind 2,34 Millionen Menschen pflegebedürftig, auf Augsburg heruntergebrochen macht das fast 7700 Menschen. Immer noch werden über zwei Drittel zu Hause versorgt, doch der Anteil derer, die ins Heim gehen, steigt. Und die Pflegebrache wandelt sich ebenso rasant, wie die Zahl ihrer Klienten wächst.
Das legt der städtische Sozialplaner Klaus Kneißl dar. Er hat auf Antrag des CSU-Stadtrates Erwin Gerblinger einen Bericht über die Altenhilfe in Augsburg erstellt. Demzufolge bestimmen mittlerweile Immobilienfonds mit europaweiter Ausrichtung Bau und Betrieb von Pflegeheimen. Sie arbeiten laut Kneißl rein nach Renditegesichtspunkten. Der Bedarf vor Ort und bestehende Angebote seien ihnen egal, vielmehr zählten Bodenpreise und Autobahnanbindung, um für die Belegung des Heims ganze Großräume anzusprechen.
Firmen fragen an, ob eine Einrichtung zum Verkauf steht
In Augsburg wittern diese Konzerne laut Kneißl wegen der Nähe zu München ein „lukratives Geschäft“, zumal die Autobahn gut ausgebaut ist und die Immobilienpreise am Lech vergleichsweise niedrig sind. Zweimal im Monat fragen derartige Unternehmen bei Kneißl nach möglichen Bauplätzen. Sehr begehrt sei das Areal nördlich der Lechhauser Bürgermeister-Wegele-Straße bei der Auffahrt zur A8. Dort sei jedoch noch ein Bauverfahren für ein Heim in der Schwebe.
Auch der Standort Ackermannstraße, wo erst im Oktober der Augsburger Unternehmer Bernhard Spielberger die Seniorenhotelresidenz Albaretto eröffnete, ist im Blickpunkt von Investoren.
Andere wollen ein bestehendes Heim kaufen – egal ob ein privates oder ein städtisches. Da hört es beim Sozialplaner Kneißl auf: „Wir vermakeln nicht.“
Ohnehin steht der Experte derartigen Investoren mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Dass sie die Ausstattung der Häuser mehr am Geschmack der entscheidenden Kinder ausrichten als an dem der Eltern, die sich darin wohlfühlen sollten, sei nur ein Punkt. Stärker falle ins Gewicht, dass sie oft an Bau- und Personalkosten sparen – und das in Zeiten, in denen menschlich und fachlich qualifiziertes Pflegepersonal ohnehin schwer zu bekommen ist. Ob da gute Pflege herauskommen kann, sei fraglich.
Der Wandel lässt sich auch an Zahlen festmachen. Insgesamt stieg die Zahl stationärer Pflegeplätze im Stadtgebiet von Januar 2007 bis Oktober 2009 von 2910 auf 3115. Während gewerbliche Anbieter 317 Plätze neu einrichteten, bauten öffentliche und freie Wohlfahrtspflege im selben Zeitraum 111 Plätze ab.
Letztere hatten offenbar teilweise Probleme, trotz selbst gesetzter Ansprüche – etwa ordentliche Bezahlung – profitabel zu wirtschaften. Viele schufen neue Organisationsstrukturen, um weiter bestehen zu können.
Belegungsquote liegt bei durchschnittlich 92 Prozent
Angst, dass er keinen Heimplatz bekommt, muss sich in Augsburg niemand machen. Zwar gibt es für einige Einrichtungen mit sehr gutem Ruf Wartelisten, doch insgesamt lag die Belegungsquote 2010 bei 92 Prozent. Neben vollstationären Heimen gibt es Einrichtungen des Betreuten Wohnens sowie über 40 Sozialstationen für ambulante Versorgung. Deshalb bilanziert Kneißl: „Augsburg verfügt über eine gute soziale Infrastruktur im Bereich der Pflege.“
Einige offene Punkte bleiben aus seiner Sicht trotzdem. Diese betreffen vor allem die Tagespflege und nächtliche häusliche Betreuung von Dementen. Zahlen belegen, dass viele Menschen nur deshalb ins Heim ziehen, weil sie bzw. ihre Angehörigen Angst haben, dass ihnen nachts, wenn sie allein sind, etwas passieren könnte.