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Augsburg

06.07.2020

Premium Aerotec: Mitarbeiter bangen um Jobs, Aiwanger will helfen

Bei Premium Aerotec in Augsburg könnten bis zu 1000 Stellen gestrichen werden, weil Mutter-Konzern Airbus seine Produktion drosselt.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der drohende Abbau von bis zu 1000 Stellen bei Premium Aerotec ruft Minister Hubert Aiwanger auf den Plan. Auch die Stadt Augsburg will Beschäftigten helfen.

3500 Mitarbeiter sind für den Flugzeugbauer Premium Aerotec in Augsburg tätig. Sie sind verteilt auf mehrere Orte. Am bekanntesten ist der riesige Gebäudekomplex an der Haunstetter Straße. Nahe des Fußballstadions ist ein anderer Standort. Derzeit läuft es für das Unternehmen alles andere als rund. Seit Montag ist bekannt, dass in Augsburg bis zu 1000 Arbeitsplätze abgebaut werden könnten. Nicht zum ersten Mal ist bei Premium Aerotec von einem massiven Stellenabbau die Rede. Die Nachrichten klingen besorgniserregend. Alarmiert ist daher die Politik. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ( Freie Wähler) will bereits am Mittwoch nach Augsburg kommen.

Airbus will Stellen streichen: Premium Aerotec in Augsburg trifft das besonders

Der Airbus-Mutterkonzern hatte kürzlich angekündigt, die Produktion von Flugzeugen im Zuge der Corona-Krise um 40 Prozent zu senken. Da Airbus weniger Flugzeuge herstellt, ist die Produktion weniger ausgelastet. Premium Aerotec stellt damit eine große Zahl der rund 9000 Stellen im Unternehmen zur Disposition: „Die deutschen Standorte des Luftfahrtzulieferers Premium-Aerotec stehen aufgrund des von Airbus angekündigten Corona-bedingten Einbruchs des Auslastungsvolumens vor der Herausforderung einer notwendigen Kapazitätsanpassung in der Größenordnung von 2800 Beschäftigten“, teilt das Unternehmen mit. Seit Montag steht fest, wie dies die einzelnen Standorte trifft: In Augsburg sind die genannten 1000 Stellen betroffen, in Bremen 160 und an den niedersächsischen Standorten 1100 in Nordenham und 540 in Varel.

Premium-Aerotec-Chef Thomas Ehm zeigte sich selbst unglücklich darüber: „Wir bedauern diese Entwicklung und hätten sie gerne vermieden“, sagte er. „Die Premium-Aerotec-Geschäftsführung wird sich mit aller Kraft dafür einsetzen, die notwendige Anpassung der Beschäftigung in Abstimmung mit den Arbeitnehmervertretern so sozial wie möglich zu gestalten“, versprach Ehm.

Die IG Metall will über den Jobabbau verhandeln

Augsburgs IG-Metall-Chef Michael Leppek ist trotzdem entsetzt: „Ich halte die genannten Zahlen für überzogen“, sagte er. „Es ist nicht vernünftig, die Mitarbeiter mit derart hohen Abbauzahlen zu erschrecken.“ Zum Hintergrund muss man wissen, dass der Mutterkonzern Airbus bei 90.000 Beschäftigten im Konzern zwar ebenfalls Stellen streichen will, prozentual aber einen kleineren Anteil.

Tröstlich sei, so Leppek, dass die genannten Zahlen bisher nicht in Stein gemeißelt sind. Nach Angaben des Gesamtbetriebsrats geht es bislang nicht um einen harten Personalabbau sondern um eine „Auslastungslücke bis 2021“. Das Informationsschreiben an die Mitarbeiter liegt unserer Redaktion vor. „Es gibt somit für die Premium Aerotec noch keine konkreten Abbauzahlen“, heißt es. Das Unternehmen nimmt also an, dass für die Mitarbeiter in der genannten Höhe keine Beschäftigung zu haben. Deshalb will es über einen Personalabbau verhandeln.

Mitarbeiter von Premium Aerotec demonstrieren in Augsburg gegen den drohenden Stellenabbau. Betriebsratsvorsitzender Sebastian Kunzendorf schildert die Situation der Beschäftigten.
Video: Andrea Wenzel

Wie viele Stellen am Ende wirklich wegfallen, muss jetzt ausgehandelt werden: „Wir werden als Arbeitnehmervertreter mit der Geschäftsführung in Verhandlungen treten, um den Personalabbau so gering wie möglich ausfallen zu lassen“, gibt sich Betriebsratschef Sebastian Kunzendorf kämpferisch. In den 2800 Stellen, die Premium Aerotec abbauen will, sind 900 Stellen aus einem laufenden Sparprogramm enthalten. Was diese 900 Stellen betrifft, seien betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen, berichtet der Betriebsrat.

Premium Aerotec: Die Stadt Augsburg will sich an Gesprächen beteiligen

Bei der Stadt Augsburg stehen die Verantwortlichen seit Jahren im engen Austausch mit Premium Aerotec. Oberbürgermeisterin Eva Weber kennt die Belange des Unternehmens aus ihrer früheren Tätigkeit als Wirtschaftsreferentin. Jetzt ist sie in enger politischer Abstimmung mit dem neuen Wirtschaftsreferenten Wolfgang Hübschle. In einer ersten Reaktion hieß es am Montagabend: „Unser Fokus liegt in erster Linie auf den Beschäftigten. Für die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien müssen nun vorrangig Zukunftsperspektiven geschaffen werden.“

Der angekündigte Stellenabbau bei Premium Aerotec stelle natürlich auch den Luft- und Raumfahrtstandort Augsburg vor große Herausforderungen. Der Abbau jeder Stelle bedeutet den Verlust von Know-How, das in der Region fehlen wird. Weber und Hübschle betonen: „Hier sehen wir das Unternehmen primär in der Pflicht, Arbeitsplatzverluste auf ein Minimum zu begrenzen und wenn absolut unvermeidbar sozial verträgliche Lösungen zu schaffen.“

Die Stadt Augsburg werde sich an Gesprächen beteiligen. Auch die Augsburger Allianz für Arbeitsplätze werde sicherlich eingebunden. Die Blicke der Beschäftigten richten sich jetzt aber auch an die Regierenden auf Bundes- und Landesebene.

Hubert Aiwanger macht den Fall Premium Aerotec zur Chefsache

Dem bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ist das Werk in der Haunstetter Straße jedenfalls bekannt. Als im Vorjahr bereits über einen möglichen Stellenabbau von damals bis zu 1100 Stellen die Rede war, wurde dies schnell ein Thema für die Staatsregierung. Wie am Montag zu erfahren war, wird Wirtschaftsminister Aiwanger kurzfristig ein weiteres Mal das Werk von Premium Aerotec besuchen. Der Termin ist für Mittwoch angekündigt.

Aiwanger signalisierte bereits seine Unterstützung: „Das ist sehr bitter für Augsburg“, sagte er unserer Redaktion zu den Abbau-Plänen. „Wir kämpfen dafür, dass dies sozialverträglich abläuft. Ich bin dazu in Gesprächen mit Vorstandschef Thomas Ehm, auch um das Unternehmen zukunftsfähig zu halten“, sagte Aiwanger.

Hubert Aiwanger besuchte Premium Aerotec bereits im vergangenen Jahr.
Bild: Annette Zoepf (Archiv)

Die ganze Luft- und Raumfahrtindustrie in Bayern ist sehr stark von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. „Ein Drittel aller deutschen Arbeitsplätze dieser Branche ist in Bayern“, erklärte der Staatsminister. „Um dieser strategisch wichtigen Industrie in der schwersten Krise der Luft-und Raumfahrt der Nachkriegszeit eine Zukunftsperspektive bieten zu können, müssen Unternehmen und der Freistaat an einem Strang ziehen“, betont Aiwanger.

Die Arbeitnehmervertreter setzen derweil darauf, dass mit Kurzarbeit oder Arbeitszeitmaßnahmen das Schlimmste verhindert werden kann. Kunzendorf fordert auch, dass wieder mehr Zulieferer-Aufträge von Airbus an Premium Aerotec vergeben werden statt an Dritte. „Es ist wichtig, dass die Arbeit hier gemacht wird, statt in anderen Ländern wie der Türkei“, sagt er. „Wir wollen diese Krise gemeinsam durchstehen und erwarten im Gegenzug einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen“, sagt er. Die Gespräche über den Personalabbau beginnen zeitnah und werden sich aller Voraussicht nach bis ins zweite Halbjahr hineinziehen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Der Fall Premium Aerotec: Wenn Corona auf Hightech trifft

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