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Augsburg

01.07.2020

Protest gegen Jobabbau bei Premium Aerotec: Tausende Stellen weg?

Rund 80 Mitarbeiter von Premium Aerotec in Augsburg zogen am Mittwochmittag vor das Werkstor. Nach Informationen unserer Redaktion könnte die Airbus-Tochter besonders hart vom Jobabbau betroffen sein.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Airbus will in Deutschland 6000 Stellen streichen, viele offenbar auch in Augsburg. Die Belegschaft von Premium Aerotec versucht sich zu wehren.

Die Corona-Pandemie trifft die Beschäftigten des Augsburger Flugzeugbauers Premium Aerotec in mehrerlei Hinsicht. Zu Wochenbeginn hatte der Mutterkonzern Airbus mitgeteilt, dass er allein in Deutschland 6000 Stellen streichen will, eben auch bei Premium Aerotec mit Sitz in Augsburg. Wie viele es hier konkret sein werden, blieb offen. Und nun, wo man sich gegen diese Pläne wehren will, kann man es – zumindest öffentlichkeitswirksam – nur bedingt.

Denn in Zeiten von Corona sowie Hygiene- und Abstandsregeln sind Kundgebungen in großem Stil schwierig zu organisieren. So zogen am Mittwochmittag statt der zuletzt üblichen mehreren Hundert Mitarbeiter nur rund 80 Beschäftigte vors Werktor in der Galvanistraße in Haunstetten, hielten Schilder mit Sprüchen wie „Nur gemeinsam durch die Krise!“ in die Luft und rollten ein Meter langes Transparent mit Köpfen einiger Beschäftigten aus, um zu zeigen: Wir stehen hier im Namen aller 3500 Kollegen.

Premium Aerotec: Kundgebung in Augsburg ohne Lärm

Es war ungewohnt still für eine solche Veranstaltung, denn Trillerpfeifen waren tabu und auch markige Sprüche wurden nicht lauthals skandiert. Die einzigen die sich in gebührendem Abstand und wie gewohnt lautstark zu Wort melden konnten, waren der Betriebsratsvorsitzende Sebastian Kunzendorf und Augsburgs IG-Metall-Chef Michael Leppek. „Es kann nicht sein, dass nach zwei Monaten Krise bereits Abbaupläne in dieser Dimension verkündet werden. Das bedroht uns alle“, sagte Kunzendorf, der auch im Konzern- und dem Europäischen Betriebsrat vertreten ist. Michael Leppek stieß ins gleiche Horn: „Hier wird die Corona-Krise genutzt, um den Stellenabbau in einer Größe durchzusetzen, wie man es vorher nicht hätte machen können. Das ist eine Sauerei, das ist asozial“, rief der Gewerkschafter den Beschäftigten durchs Megafon zu und erntete dafür donnernden Applaus.

Protest gegen Jobabbau bei Premium Aerotec: Tausende Stellen weg?

Wie viele Stellen in Augsburg konkret wegfallen sollen, ist bislang unklar. Recherchen unserer Redaktion haben jedoch ergeben, dass die deutsche Airbus-Tochter Premium Aerotec besonders hart von den Einschnitten betroffen ist. Demnach soll fast jede zweite der insgesamt 6000 auf der Streichliste stehenden Stellen von Premium Aerotec stammen.

Stellenabbau bei Airbus: Hiobsbotschaft für Premium Aerotec in Augsburg

Für die Mitarbeiter vor Ort sind die geplanten Einschnitte wie ein Schlag ins Gesicht. Die Corona-Phase habe das Arbeiten, wie anderswo auch, ohnehin schon erschwert und verändert, jetzt käme diese Hiobsbotschaft noch oben drauf, erzählen Beschäftigte im Gespräch mit unserer Redaktion. Für Dieter Durner ist die Lage kaum in Worte zu fassen: „So etwas habe ich in den 41 Jahren, die ich hier arbeite, noch nicht erlebt“, sagt er und spielt dabei ebenfalls auf die Vermutung an, dass die Krise als Ausrede benutzt wird, um einen massiven Stellenabbau durchzudrücken.

Mitarbeiter von Premium Aerotec demonstrieren in Augsburg gegen den drohenden Stellenabbau. Betriebsratsvorsitzender Sebastian Kunzendorf schildert die Situation der Beschäftigten.
Video: Andrea Wenzel

Denn schon vor Corona standen bei Premium Aerotec die Zeichen auf Restrukturierung. Anfang 2019 gab der Zulieferer für den Flugzeugbau bekannt, im schlimmsten Fall bis 2023 bis zu 1100 Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Als akut gefährdet galten zunächst rund 500 Arbeitsplätze in Augsburg. Eine Mischung aus hohem Kostendruck und dem Wegfall großer Aufträge wie dem A380 haben dem Standort zu schaffen gemacht. Er ist aus Sicht der Airbus-Mutter nicht mehr ausreichend wettbewerbsfähig. Um es nicht zum Worst–Case-Szenario und der Zahl von 1100 Stellenstreichungen kommen zu lassen, mussten daher dringend neue Auftragspakete gewonnen werden. Daran wurde zuletzt, auch auf Druck der Arbeitnehmervertreter, intensiv gearbeitet. Der Zuschlag für den Bau des hinteren Mitteltanks für die Langstreckenversion des Airbus A320-Familie war hierfür ein erster Teilerfolg.

Mitarbeiter bei Premium Aerotec haben Angst um Arbeitsplätze

Alle dennoch nötigen und im Restrukturierungsprogramm festgelegten Stellenstreichungen – bis Ende 2020 gilt ein Kündigungsschutz – wollte das Unternehmen Stand damals über den Abbau von Leiharbeitern, durch Verrentung, Altersteilzeit oder natürliche Fluktuation zu regeln versuchen. Doch wenn die Zahl der zu streichenden Stellen nun in der Corona-Krise doch noch einmal erhöht wird, bleibe für solche Maßnahmen immer weniger Spielraum. Dann werde es auch betriebsbedingte Kündigungen geben, fürchten die Mitarbeiter am Standort.

„Wir haben nun noch mehr Angst um unsere Arbeitsplätze als ohnehin schon. Und diese Ungewissheit, was kommen wird, belastet einen schon“, erzählt eine Mitarbeiterin, die lieber anonym bleiben will. Ihr Kollege ergänzt: „Nun haben wir gefühlt die letzten zwölf Monate restrukturiert und gemacht, um den Arbeitsplatzabbau so gering wie möglich zu halten, und wähnten uns auf gutem Weg und jetzt kommt das.“

Unverständnis bei Gewerkschaft in Augsburg über massiven Stellenabbau

Für Gewerkschafter Michael Leppek und Betriebsrat Sebastian Kunzendorf ist die "Drohung“ mit einem massiven Stellenabbau schon allein deshalb der falsche Weg. Dazu bleiben andere Fragen: „Noch hat Airbus 7500 Flugzeuge zu bauen. Das wären unter normalen Bedingungen Arbeit für acht Jahre. Daher kann ich nicht verstehen, warum man nach zwei Monaten Krise nun so agiert“, zeigt sich der Gewerkschafter wütend. Aus seiner Sicht ginge es daher zunächst einmal darum, die Krise zu überstehen, bevor man über weitere Maßnahmen spricht. Hierfür müsste zunächst das Instrument der Kurzarbeit so weit wie möglich ausgeschöpft werden. Auch bei der Arbeitszeit könnte man Airbus zeitlich befristet entgegenkommen. „Wir sind zu Zugeständnissen bereit, wenn diese helfen, Arbeitsplätze zu sichern“, so Leppek weiter.

Premium Aerotec wollte sich selbst am Mittwoch nicht zu den Airbus-Plänen äußern. Man bitte um Verständnis, dass keine über die Airbus-Kommunikation hinausgehenden Informationen bereitgestellt werden könnten. „Es stehen zunächst Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern an“, lässt Unternehmenssprecherin Barbara Sagel wissen. Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle sagt: „Diese Pläne sind ein Schlag für die Betroffenen, ihre Familien und auch den Standort. Wir werden uns bemühen, mit unserem Instrumentenkoffer, zu dem unter anderem die Allianz für Arbeitsplätze gehört, dies so gut wie möglich zu begleiten. Wir hoffen dabei auf gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.“ Die Stadt wolle zudem schnellstmöglich in Kontakt mit Arbeitnehmervertretern und Unternehmensleitung kommen."

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02.07.2020

In der freien Wirtschaft ist es doch die letzten Jahrzehnte "Raubtierkapitalismus" so gewesen. Mann kann sich für die Firma den Hintern aufreißen 10 Jahre lang und Jahr für Jahr irgendwelche Zugeständnisse wegen der "Sicherung der Arbeitsplätze" machen und am Ende wird man doch entlassen sobald die meist überbezahlten Führungsriege entscheidet dass es Zeit ist sich von loyalen Mitarbeitern aus Kostengründen oder weil die Gelegenheit gerade günstig erscheint zu trennen. Werden die Zahlen schlecht dann ist es vorbei mit Anstand und Loyalität der Firma zu ihren Angestellten. Es könnten ja die Boni der Chefs in Gefahr geraten...
Früher war das mal anderst. Da war mehr Respekt im gegenseitigem Umgang. Und nicht diese kurzfristige Gewinnorientierung.

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01.07.2020

Hier beginnt jetzt der sozial-ökologische Umbau - weniger Flugzeuge sind ein guter Beitrag.

https://www.dgb.de/presse/++co++ded9c684-a6c9-11e9-82df-52540088cada

>> Wir nehmen die Klimaziele sehr ernst und wissen, wie massiv der daraus ableitbare Strukturwandel ist“, so DGB und BUND am Montag. „Die Art zu wirtschaften und das Verständnis von Wohlstand müssen sich grundsätzlich ändern.“ <<

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