Das Augsburger Amtsgericht ging am Montag davon aus, dass die 32-Jährige jahrelang zwei Kisten mit Waffen und Geld für ihren Vater in ihrem Keller deponiert hatte. Später versteckte sie das Geld in ihrer Küche. Das Gericht folgte den Angaben der Angeklagten, sie habe erst nach der Festnahme ihres Vaters Ende 2011 in die Kisten geschaut - und vorher nichts von dem brisanten Inhalt gewusst. Verurteilt wurde sie auch wegen Geldwäsche und Hehlerei. Ihr 31 Jahre alter Ex-Freund wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Er bestritt den Tatvorwurf: "Ich hasse Waffen und Gewalt, das gibt es bei mir nicht."
Die Laborassistentin hatte auch zugegeben, für ihren Vater zweimal an ihrer Arbeitsstelle Spray gestohlen zu haben, mit dem DNA-Spuren entfernt werden können. Das Gericht verurteilte sie neben der Bewährungsstrafe zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit. "Es ist sicher falsch, sie als Opfer zu bezeichnen", sagte der Vorsitzende Richter. Aber ihr Vater habe sie für seine Zwecke benutzt.
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth war am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald erschossen worden. Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollten an diesem Freitagmorgen am Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren. Die beiden Verdächtigen flüchteten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nahmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf. Wenig später fielen im Wald Schüsse: Vieth wurde tödlich getroffen, seine Kollegin erheblich verletzt.
Nach einer wochenlangen Großfahndung wurde am 28. Dezember Raimund M., 58, von Spezialkräften verhaftet. Wegen Mordverdachts. M. soll mit seinem Bruder Rudi R., 56, den Augsburger Polizisten erschossen haben.
Tochter soll gegen Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben
Die 32-Jährige Tochter sitzt seit Januar in Untersuchungshaft, seit Ermittler bei ihr daheim im Keller zwei Metallkisten mit Waffen fanden. Die Anklage wirft ihr Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, illegalen Waffenbesitz, Geldwäsche und Hehlerei vor. Die Tochter gab im Verhör bei der Kripo zwar zu, dass sie den Inhalt der Kisten kannte. Sie beteuert aber, sie habe erst nach der Verhaftung ihres Vaters hineingeschaut. Bis dahin habe sie nichts vom kriminellen Leben ihres Vaters geahnt.
Am Montagabend forderte die Staatsanwaltschaft für die Tochter eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Die 32-Jährige soll mehrere Jahre lang Kisten mit Waffen und Geld für ihren Vater Raimund M. in ihrem Keller aufbewahrt haben. Nach dessen Festnahme Ende 2011 soll sie das Geld in ihrer Küche versteckt haben. Zu ihren Gunsten sei davon auszugehen, dass sie erst zuletzt von dem Inhalt der Kisten gewusst habe, sagte der Staatsanwalt am Montag vor dem Augsburger Amtsgericht. Strafmildernd wirke sich zudem aus, dass sie einen Teil der Taten eingeräumt habe.
Für den 31 Jahre alten Ex-Partner der Angeklagten forderte er mindestens anderthalb Jahre Haft - ohne Bewährung. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft wusste der Mann ebenfalls, was in den Kisten gewesen sei. Er bestritt dies.
Für die Tochter war der Tatvorwurf "ein Schock"
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Stefan Mittelbach, der Anwalt der Tochter, setzte vor dem Urteil darauf, dass seine Mandantin nach dem Prozess freikommt. „Ich kämpfe für eine Bewährungsstrafe“, sagt der Anwalt unserer Redaktion. Die Ermittler vermuten, dass die Tochter schon länger wusste, welch „heiße Ware“ bei ihr im Keller lagert. Die Tochter habe dem Vater so den ungestörten Zugriff auf die Waffen und das erbeutete Geld ermöglicht. Ein Indiz: Auf einer Waffe fanden Spurensicherer eine DNA-Spur der Frau.
Die Tochter von Raimund M. sagte vor Gericht, ihr Vater habe die Kisten bereits 2004 im Keller abgestellt. Sie habe sich nichts dabei gedacht. Kurz vor seiner Verhaftung habe ihr Vater ihr gesagt, sie solle in die Kisten sehen, wenn ihm etwas zustoße. Das habe sie dann nach der Polizeiaktion getan. Es sei "ein Schock" für sie gewesen, als sie von dem schweren Verdacht gegen ihren Vater erfuhr.
Verteidiger wollte Bewährungsstrafe von sieben Monaten für die Tochter
Am frühen Abend forderte die Verteidigung dann für die Tochter eine Haftstrafe von sieben Monaten auf Bewährung und für den angeklagten Ex-Freund einen Freispruch. Vorher wurden zwei Zeugen und ein Sachverständiger für DNA-Spuren befragt. Die Vernehmung am Montag hatte viel Zeit in Anspruch genommen.
Beim Prozessauftakt am Montagmorgen herrschte am Augsburger Amtsgericht so großer Andrang, dass die Verhandlung in den größten Raum, den Schwurgerichtssaal verlegt werden musste. Dabei wurde auch erstmals bekannt, dass die Witwe des getöteten Polizeibeamten als Nebenklägerin in dem Verfahren gegen die beiden mutmaßlichen Mörder auftreten wird. Sie wird dann vertreten von Anwalt Walter Rubach. "Es ist schwer vorstellbar, dass die Familie von Raimund M. nichts von seinem Treiben wusste", sagte Rubach. Er wollte sich in der Verhandlung unter anderem ein Bild vom familiären Umfeld der beiden Tatverdächtigen machen.
Raimund M. und Rudi R. blieb ein Auftritt in dem Prozess erspart – vorerst. In Justizkreisen geht man davon aus, dass ihnen im Herbst vor dem Schwurgericht der Prozess gemacht wird. (mit dpa)