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Augsburg

23.12.2019

Tödliche Attacke vom Kö: Gericht lässt sechs Beschuldigte frei

Ein Bild aus einer Überwachungskamera der Polizei am Augsburger Königsplatz. Es zeigt die Gruppe junger Männer, kurz bevor es zu der Gewalttat kam.
Bild: AZ-Archiv

Plus Im Fall der tödlichen Attacke vom Königsplatz in Augsburg kommen sechs Beschuldigte aus der Untersuchungshaft frei. Der mutmaßliche Haupttäter bleibt aber erst einmal im Gefängnis.

Sechs von sieben Beschuldigten im Fall des tödlichen Angriffs auf einen 49-jährigen Mann am Augsburger Königsplatz kommen noch vor Weihnachten wieder frei. Die Jugendkammer des Augsburger Landgerichts hat nach Informationen unserer Redaktion am Montag sechs Haftbefehle aufgehoben. Ein Sprecher des Landgerichts hat das inzwischen bestätigt. Die Staatsanwaltschaft wirft den sechs Jugendlichen und jungen Männern vor, Beihilfe zum Totschlag geleistet zu haben. Sie waren dabei, als der 17-jährige mutmaßliche Haupttäter am Abend des 6. Dezember den 49-Jährigen mit einem Faustschlag getötet haben soll. Die Jugendrichter des Augsburger Landgerichts kommen nun aber zu einer anderen Einschätzung, was die Rollen der Begleiter angeht.

Tödliche Attacke am Königsplatz in Augsburg: Mehrere Verdächtige aus U-Haft entlassen

Die Richter gehen nicht davon aus, dass allen aus der Gruppe eine Beihilfe zu der Gewalttat vorgeworfen werden kann. In einer Mitteilung des Landgerichts heißt es: "Die Jugendkammer verneinte nach eingehender Prüfung auf der Basis der bisherigen Erkenntnisse und Beweismittel, insbesondere der Sichtung der Videoaufzeichnungen bei allen sechs Beschuldigten den dringenden Tatverdacht der Beihilfe zum Totschlag. Nach der ausführlichen Begründung des Gerichts handelte es sich bei dem tödlichen Schlag gegen den Kopf des getöteten Opfers um eine spontane, sofort abgeschlossene Handlung des siebten, sich noch in Untersuchungshaft befindlichen Beschuldigten."

Die Berufsrichter des Landgerichts mussten sich intensiv mit der Frage auseinandersetzen, was genau geschehen ist, als der 49-Jährige, von Beruf war er Feuerwehrmann, am Königsplatz nach einem Streit getötet worden ist. Die Staatsanwaltschaft geht beim mutmaßlichen Haupttäter bisher von einem Totschlag aus - und begründet es unter anderem damit, dass der Schlag für das Opfer unerwartet und mit voller Wucht ausgeführt worden sei. Die anderen sechs Beteiligten hätten das Opfer dabei umringt - und auf diese Weise zumindest "psychische Beihilfe" geleistet. Eine Ermittlungsrichterin hatte das zunächst auch so bewertet und gegen alle aus der Gruppe Haftbefehle erlassen.

Tödliche Attacke vom Kö: Gericht lässt sechs Beschuldigte frei

Feuerwehrmann getötet: Frontscheiben-Kamera hat die Tat in Augsburg aufgezeichnet

Allerdings tauchte kurz darauf ein Video im Internet auf, das von der Frontscheiben-Kamera eines Taxis aufgezeichnet worden ist und das die Tat zeigt. Unsere Redaktion sichtete das Video und berichtete darüber. Darauf ist zu sehen, dass es vor dem tödlichen Schlag eine Rangelei gibt, bei der auch das spätere Opfer offensichtlich mindestens einmal selbst schubst. Zu erkennen ist auch, dass einige aus der siebenköpfigen Gruppe zu diesem Zeitpunkt mehrere Meter entfernt stehen und erst zurückkommen, als der 49-Jährige schon auf den Boden gestürzt ist. Auch die Videoüberwachung der Polizei am Kö zeigt offenbar die Tat. Zahlreiche Anwälte der Beschuldigten hatten unter anderem deshalb eine Haftbeschwerde eingereicht, über die nun das Landgericht entscheiden musste.

Weiter in Untersuchungshaft bleibt indes erst einmal der mutmaßliche 17-jährige Haupttäter Halid S. Sein Verteidiger Marco Müller hatte zunächst keine Haftbeschwerde eingereicht. In Justizkreisen galt es ohnehin als unwahrscheinlich, dass bei dem Hauptverdächtigen eine Beschwerde Aussicht auf Erfolg hat. Die Frage, welche Straftat man Halid S., dem jungen Mann mit der deutschen, türkischen und libanesischen Staatsbürgerschaft, genau vorwerfen kann, ist unter Rechtsexperten umstritten.

Bei einem Totschlag müsste er bei seinem Schlag den Tod des Opfers vorsätzlich gewollt oder zumindest in Kauf genommen haben. S. Anwalt Marco Müller sagt, der 17-Jährige habe den Passanten "keinesfalls" umbringen wollen. Nimmt man ihm dies ab, so bliebe eine Körperverletzung mit Todesfolge. Eine lange Haftstrafe ist aber auch bei diesem Tatvorwurf möglich - nach Jugendstrafrecht, das bei einem 17-Jährigen zwingend anzuwenden ist, liegt die mögliche Höchststrafe bei zehn Jahren.

Das Opfer hatte mit Frau und Freunden den Augsburger Christkindlesmarkt besucht

Den Ermittlungen zufolge hatte das später Opfer zusammen mit seiner Frau und einem befreundeten Paar am Tatabend den Augsburger Christkindlesmarkt besucht. Danach sollen sie noch in einem Lokal in der Nähe des Königsplatzes gewesen sein. Gegen 22.40 Uhr trafen sie dann, auf dem Weg zu einem Taxistand, am Kö auf die Gruppe von sieben Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Als einer der Jugendlichen den 49-Jährigen nach einer Zigarette fragte, soll es erst zu einem verbalen Streit, einer Rangelei und dem tödlichen Schlag gekommen sein. Der Freund des 49-Jährigen wurde ebenfalls angegriffen und verletzt - er erlitt unter anderem einen Jochbeinbruch und eine Platzwunde am Kopf. Das Landgericht kommt in seiner Einschätzung nun zum Ergebnis, dass aber auch an dieser Körperverletzung nicht alle Sieben, sondern nur ein Teil der Jugendgruppe beteiligt waren.

In einer Folge unseres Podcasts erklärt Reporter Stefan Krog die Hintergründe der Tat am Königsplatz – und erzählt, wie Journalisten mit dem Fall umgehen. Den Podcast "Augsburg, meine Stadt" finden Sie auf Spotify, iTunes und überall sonst, wo es Podcasts gibt.

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23.12.2019

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