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TonSteineScherben: Klassenkampf im Goldrahmen

TonSteineScherben

Klassenkampf im Goldrahmen

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    Marius del Mestre spielte und grölte tapfer die 40 Jahre alten Protestsongs der Ton Steine Scherben.
    Marius del Mestre spielte und grölte tapfer die 40 Jahre alten Protestsongs der Ton Steine Scherben. Foto: Foto: Michael Hochgemuth

    „Keine Macht für niemand!“ Marius del Mestre grölt den Refrain des 40 Jahre alten Protest-Klassikers hinreichend rotzig von der Bühne. Es ist schon nach elf am Eröffnungsabend des Brechtfestivals 2012, das gesetztere Publikum auf den wenigen Stuhlreihen hat sich zusehends gelichtet, dafür werden drum herum die Tänzer immer ausgelassener: Ein streikerprobter Student reckt die Faust, ein Gehandicapter im Jacket schwingt die Krücken. Denn tatsächlich lassen die vier Herren dort vorne das Andenken an die Parolenrockhelden von „Ton Steine Scherben“ samt ihrem Kult-Frontmann Rio Reiser äußerst schwungvoll aufleben. Und noch mal: „Keine Macht! Für niemand!“ Es ist, über hundert Minuten hinweg, vor vielleicht hundert Zuschauern: ein richtig gutes Konzert.

    Auf zwei Bildschirmen erscheinen Brecht-Zitate

    Und es ist doch auch: ein ziemlich absurder Auftritt. Vollmundig war im Programm ein eigens für den Augsburger Abend konzipierter „multimedialer Konzertabend“ angekündigt gewesen, ein Wechsel aus Musik und Rezitation, eine visuelle Collage, die Historisches mit Aktuellem verbinden sollte...Tatsächlich wird das gewöhnliche Konzertgeschehen auf der Bühne lediglich von zwei flankierenden Bildschirmen ergänzt, auf denen fast ausschließlich zur jeweiligen Song-Parole passende Brecht-Zitate aufscheinen. Del Mestre etwa singt: „Wir haben keine Angst vor dem Kämpfen, denn die Freiheit ist unser Ziel... Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität.“ Auf dem Bildschirm steht: „Wenn sie dich zu Boden schlagen, halt es nicht für dein Geschick! Lass dir die Adresse sagen und dann schlag mit uns zurück!“ Das immerhin illustriert zusätzlich zu gespielten Brecht-Nummern wie „Mein Name ist Mensch“ die bekannt große inhaltliche Nähe zwischen dem Dichter und der Band.

    Wer dadurch aber zudem eine Betonung der so gerne beschworenen „zeitlosen Aktualität“ sehen wollte (wie es auch im Programmheft steht), dem half nur eine ordentliche Prise Humor oder ein mächtiges Faible für den Verfremdungseffekt Brecht’schen Theaters. Nicht nur, dass hier vier teilweise deutlich sichtbar gealterte Musiker allesamt in schwarzen Rollkragenpullovern wenig mehr tun, als ein Konzert mit bis zu 40 Jahre alten Protestsongs zu spielen. Sie spielen diese Lieder, die aus versifften Kellerklubs kommen, von der Wut des unterdrückten Arbeiters getragen sind und zur Aufnahme des Klassenkampfs aufrufen, auch noch bei einem offiziösen Festival, im Goldrahmen des Rathauses, unter dem schweren Pomp der hölzernen Kassettendecke im Oberen Fletz. Und so wirkt hier kein den Texten ja durchaus innewohnendes Potenzial zur Aktualisierung, sondern vielmehr eine doppelte Historisierung: Als würden alte Recken auf Einladung des Museums für Zeitgeschichte erzählen, wie sie dereinst den Kampf ehrwürdiger Vorgänger weiterführen wollten...

    Umso besser vielleicht, dass die angekündigten programmatischen Gegenwartsbezüge im Programm kaum vorkamen. Allein schon die spärlichen textlichen Aktualisierungen Del Mestres (Er singt in „Der Traum ist aus“ etwa „Dieses Land ist es nicht, dieses Land ist es immer noch nicht“) wirken eher wie eine mutwillige Anbiederung an irgendeinen Zeitgeist. So aber blieb wenigstens Raum für ein richtig gutes Rockkonzert, mit einem funkig mitreißenden „Menschenfresser“, einem punkig treibenden „Warum geht es mir so dreckig?“, einem schmutzig schmachtenden „Halt dich an deiner Liebe fest“. Und das in Augsburg. Aus der Zeit gefallen, aber schön.

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