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Augsburg

08.01.2016

Über den Charme der Kongresshallen-Unterführung

Helle Fliesen, gelbe Streifen und dazwischen farbige und gemusterte Flächen. Willkommen in den 70ern.
Bild: Marcus Bürzle

Wer beklagt, dass die Unterführung an der Kongresshalle ein Schandfleck ist, übersieht den Charme des Ortes: Er ist einfach aus der Zeit gefallen.

Die Rolltreppen stehen still. Ihre grünen Seitenwände sind teils eingetreten. Seit mehr als fünf Jahren hat sich hier nichts mehr bewegt. Doch die Nothalteknöpfe, die man sich im rasenden Leben oft wünschen würde, sind noch da. Und auch die Schilder, die vor dem Missbrauch warnen. Doch was kann man in der Unterführung vor dem Kongress am Park in Augsburg noch stoppen? Höchstens den Verfall.

Das Tünnelchen unter der Gögginger Straße ist ein Ort, das mancher einen Schandfleck nennen wird. Kaum einer nimmt noch den Weg unter der großen Straße hindurch zu den Straßenbahnhaltestellen oder auf die andere Seite. Kaum einer unterquert in dem Abzweig die Imhofstraße. Zur Kunsthalle, die angeschrieben ist, geht keiner mehr, denn sie ist längst umgezogen. Doch wer allen Mut zusammen nimmt – ehrlich gesagt, es braucht nicht viel – taucht dort unten in die 70er-Jahre ein.

Unterführung entstand in den 70ern

Damals ist das Bauwerk entstanden. Die Rolltreppen bekamen grüne Seitenwände, die hellen Fliesen an der Wand haben gelbe Streifen und werden durch farbige und gemusterte Flächen unterbrochen. Hier unten hat schon längst jemand den Stoppknopf gedrückt. Die Zeit steht hier still und wenn man es so betrachtet, hat dieser Ort einen besonderen Charme. Noch, denn eigentlich wollte man ihn schon mehr oder weniger begraben. Etwa vor fünf Jahren hat die Stadt den Rolltreppen den Saft abgedreht. Sie am Leben zu erhalten wurde immer teurer, sagt das Baureferat. Klar, alles was von oben kommt, geht hinein in die Treppen: Regen, Eis, Schmutz. Daran hat man in den 70ern offenbar nicht gedacht.

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Auch Rollstuhlfahrer hatte man nicht im Blick, denn von Barrierefreiheit kann man nicht wirklich sprechen. Für Mamas und Papas mit Kinderwagen gibt es eine schicke Seitentreppe mit zwei Rampenspuren, die aber geschätzt so steil sind wie eine schwarze Skipiste. Das allein macht den unterirdischen Weg nicht unbedingt attraktiv. Und dann kommt noch hinzu, was das Baureferat „fehlende soziale Kontrolle“ nennt: Man fühlt sich da unten offenbar einfach nicht wohl und nimmt lieber einen anderen Weg.

Die Rolltreppen bei der Unterführung an der Kongresshalle stehen still, aber alle Schilder, Warnhinweise und der Notknopf sind noch da.
Bild: Marcus Bürzle

Das scheint tatsächlich so zu sein, denn offenbar verschlägt es nicht einmal mehr Menschen mit Spraydosen unter die Gögginger Straße. Im März 2012 beschloss der Bauausschuss der Stadt daher, die Unterführung einfach dichtzumachen. So einfach ist das allerdings nicht. Damals hätten die Pläne – Tunnel zu und stattdessen Fußgängerüberwege mit Ampeln – rund 400.000 Euro gekostet. Heute dürfte es etwas mehr sein, doch bislang hat das Projekt nie den Weg in den Haushalt geschafft. Es gab kein Geld dafür. So lange das so ist – und das könnte länger sein – behält Augsburg seinen verlorenen Ort aus den 70er-Jahren, den man im Gegensatz zu anderen ganz legal besuchen darf.

Das ist nicht überall so. Als sich zwei 16-jährige Mädchen in das „Geisterhaus“ am Schmiedberg geschlichen haben, um den Sonnenuntergang zu sehen, wurde es schnell zappenduster. Erwischt. Polizei. Gericht. Und am Ende 16 Sozialstunden für jede.

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08.01.2016

Was ich in solchen Unterführungen sehe, sieht ein wenig anders aus. Es ist das Zeugnis einer Schnapsidee: Der autogerechten Stadt. Heute würde man lieber wieder eine Ampel hin stellen, was irgendwie auch sinnvoller erscheint. Und doch sind beide Möglichkeiten eigentlich ein Zeichen dafür, dass sich der MIV bis heute praktisch allen brauchbaren öffentlichen Raum einverleibt und alle anderen können sehen, wie sie von A nach B kommen. Diese Unterführungen erscheinen auf der einen Seite vielleicht praktischer, als lang und breit an einer Ampel zu stehen. Und doch ist es irgendwie komisch, wenn man zu Fuß sich erst mal lang und breit unter die Erde begeben soll, um dann auf der anderen Seite wieder rauf zu »klettern«, weil man bloß nicht den Verkehrsfluss stören soll.

Das schlägt in eine ähnliche Kerbe wie die diversen Bettelampeln im Stadtgebiet. Ohne »Bitte bitte« zu machen, dass man gnädigerweise doch endlich auch mal drüber gelassen wird, geht oft nichts. Dabei handelt es sich nur um das berechtigte Anliegen, die Straßenseite zu wechseln, das man auch erfüllt sehen will, wenn man sich nicht mit einem Auto durch die Stadt bewegt und auch ohne erst mal (im übertragenen Sinne) einen Kniefall zu machen. Die angedachte Ampel ist insofern schon ein Fortschritt, weil man sich zum Seitenwechsel wenigstens weiterhin oberirdisch bewegen darf. Aber irgendwie ist das grundsätzliche Problem darunter immer noch dasselbe: Fußgänger, schau wo du bleibst.

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