Die Rolltreppen stehen still. Ihre grünen Seitenwände sind teils eingetreten. Seit mehr als fünf Jahren hat sich hier nichts mehr bewegt. Doch die Nothalteknöpfe, die man sich im rasenden Leben oft wünschen würde, sind noch da. Und auch die Schilder, die vor dem Missbrauch warnen. Doch was kann man in der Unterführung vor dem Kongress am Park in Augsburg noch stoppen? Höchstens den Verfall.
Das Tünnelchen unter der Gögginger Straße ist ein Ort, das mancher einen Schandfleck nennen wird. Kaum einer nimmt noch den Weg unter der großen Straße hindurch zu den Straßenbahnhaltestellen oder auf die andere Seite. Kaum einer unterquert in dem Abzweig die Imhofstraße. Zur Kunsthalle, die angeschrieben ist, geht keiner mehr, denn sie ist längst umgezogen. Doch wer allen Mut zusammen nimmt – ehrlich gesagt, es braucht nicht viel – taucht dort unten in die 70er-Jahre ein.
Unterführung entstand in den 70ern
Damals ist das Bauwerk entstanden. Die Rolltreppen bekamen grüne Seitenwände, die hellen Fliesen an der Wand haben gelbe Streifen und werden durch farbige und gemusterte Flächen unterbrochen. Hier unten hat schon längst jemand den Stoppknopf gedrückt. Die Zeit steht hier still und wenn man es so betrachtet, hat dieser Ort einen besonderen Charme. Noch, denn eigentlich wollte man ihn schon mehr oder weniger begraben. Etwa vor fünf Jahren hat die Stadt den Rolltreppen den Saft abgedreht. Sie am Leben zu erhalten wurde immer teurer, sagt das Baureferat. Klar, alles was von oben kommt, geht hinein in die Treppen: Regen, Eis, Schmutz. Daran hat man in den 70ern offenbar nicht gedacht.
Auch Rollstuhlfahrer hatte man nicht im Blick, denn von Barrierefreiheit kann man nicht wirklich sprechen. Für Mamas und Papas mit Kinderwagen gibt es eine schicke Seitentreppe mit zwei Rampenspuren, die aber geschätzt so steil sind wie eine schwarze Skipiste. Das allein macht den unterirdischen Weg nicht unbedingt attraktiv. Und dann kommt noch hinzu, was das Baureferat „fehlende soziale Kontrolle“ nennt: Man fühlt sich da unten offenbar einfach nicht wohl und nimmt lieber einen anderen Weg.
Das scheint tatsächlich so zu sein, denn offenbar verschlägt es nicht einmal mehr Menschen mit Spraydosen unter die Gögginger Straße. Im März 2012 beschloss der Bauausschuss der Stadt daher, die Unterführung einfach dichtzumachen. So einfach ist das allerdings nicht. Damals hätten die Pläne – Tunnel zu und stattdessen Fußgängerüberwege mit Ampeln – rund 400.000 Euro gekostet. Heute dürfte es etwas mehr sein, doch bislang hat das Projekt nie den Weg in den Haushalt geschafft. Es gab kein Geld dafür. So lange das so ist – und das könnte länger sein – behält Augsburg seinen verlorenen Ort aus den 70er-Jahren, den man im Gegensatz zu anderen ganz legal besuchen darf.
Das ist nicht überall so. Als sich zwei 16-jährige Mädchen in das „Geisterhaus“ am Schmiedberg geschlichen haben, um den Sonnenuntergang zu sehen, wurde es schnell zappenduster. Erwischt. Polizei. Gericht. Und am Ende 16 Sozialstunden für jede.