1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Vorwurf "Frühsexualisierung": Was müssen Kinder über Sex wissen?

Schule

02.02.2015

Vorwurf "Frühsexualisierung": Was müssen Kinder über Sex wissen?

Um Sexualkundeunterricht an Schulen ist unversehens ein Streit entbrannt.
Bild: Silvia Marks, dpa

Die Initiative „Besorgte Eltern“ unterstellt Schulen „Frühsexualisierung“. Experten erklären, wie es im Unterricht abläuft und warum es wichtig ist, in der 1. Klasse zu starten.

Zweimal demonstrierte die Vereinigung „Besorgten Eltern“ auf dem Rathausplatz gegen angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern in Kitas und Grundschulen. Die Vereinigung mit Sitz in Nordrhein-Westfalen ist höchst umstritten; in Augsburg kamen 80 Anhänger zur letzten Kundgebung. weitere sind geplant. Schulen und Bildungsexperten sehen das Thema sexuelle Aufklärung bedeutend gelassener und weisen darauf hin: Vieles, was die Vereinigung kritisiert, läuft ganz anders. Ein Faktencheck.

Die Initiative äußert Angst, dass Eltern die Erziehung ihrer Kinder aus der Hand genommen wird.

Birgit Wirth, Lehrerin an der Wittelsbacher Grundschule in Augsburg, sagt dazu: „Richtlinien besagen, dass die Sexualerziehung gemeinsame Aufgabe der Eltern und Schule ist.“ Deswegen halten die Schulen Elternabende ab, bei denen Inhalte und Materialien besprochen werden. Die Eltern können dann ihre Meinungen einbringen – und nicht immer sind die beiden Seiten sich einig. Deswegen kommt es vor, dass Kinder auf Wunsch der Eltern aus dem Unterricht genommen werden – oft Muslime. In Augsburg haben die „besorgten Eltern“ vor allem russlanddeutsche Anhänger, eigenen Angaben zufolge aber auch muslimische.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Sexualkundeunterricht beginne schon im Kindergarten, kritisieren die „Besorgten Eltern“.

Das ist in Bayern nicht so. Vielmehr wird das Thema erstmals in der 1. und 2. Jahrgangsstufe der Grundschule im Heimat- und Sachkundeunterricht aufgegriffen. Allerdings geht es hier noch keineswegs um Fortpflanzung, sondern die Kinder lernen, mit ihrer Gefühlswelt umzugehen und eine Beziehung zu ihrem Körper herzustellen, ihn zu pflegen. Sie lernen die Körperteile zu benennen und definieren angenehme und unangenehme Berührungen. Gerhard Nickmann, Leiter des staatlichen Schulamts in Augsburg, sagt: „In der dritten und vierten Jahrgangsstufe sind dann die Pubertät, Entwicklung menschlichen Lebens von Zeugung bis Geburt und Schutz vor Missbrauch die Themen. Zur Aufklärung werden feinfühlige, kindgerechte Spiele, Texte, Zeichnungen und Theaterstücke eingesetzt. “

Die Initiative glaubt, Kinder seien vom Thema überfordert. Im Internet postet sie einen Artikel „Schüler sollten Geschlechtsteile benennen – Das sagt die Direktorin zum Sexualkunde-Kollaps“ über ein Gymnasium.

Ab der 4. Klasse kommen Sozialpädagogen von Pro Familia auf Anfrage in den Unterricht. Elke Gropper-Schumm von der Beratungsstelle weiß: „Kinder gehen mit der ihrer Altersgruppe eigenen Neugier und Unbefangenheit an die Themen ran. Darin werden sie von uns unterstützt und erhalten Antworten auf all ihre Fragen.“ Lehrer bestätigen dass es Kindern, gerade aus sehr konservativen Familien, gut tue, einen Freiraum zu haben, in dem sie Fragen stellen können. Grundschüler haben mit der Sexualerziehung keine Probleme. Meist seien sie sogar enttäuscht, wenn ein neues Kapitel angefangen werden soll, weiß Wirth. „Für sie ist das Thema von großer Bedeutung.“ Denn durch die Medien leben die Kinder in einer sexualisierten Welt, hören Begriffe wie Vergewaltigung und Missbrauch, entwickeln dazu aber nur ein Halbwissen, das sie ängstigt – vor allem wenn nicht darüber gesprochen wird. Aufgabe von Schule und Eltern sei es, Kindern diese Ängste zu nehmen.

Schulen verfolgen ein „schamverletzendes, durch nichts gerechtfertigtes, unwissenschaftliches Frühsexualisierungskonzept“, finden die „Besorgten Eltern“.

Renate Haase-Heinfeldner ist Schulamtsleiterin im Landkreis Augsburg und betont: Die Fragen, die Kinder stellen, geben einen guten Maßstab bei der Gestaltung der Sexualerziehung ab, weil sie aufzeigen, was die Kinder beschäftigt. „Es ist wichtig, alle Fragen altersgemäß zu beantworten. Ihre Neugier darf nicht bestraft werden.“ Die Sozialpädagogin Gropper-Schumm empfiehlt auch bei Fragen zur Homosexualität, die übrigens kein Thema im bayerischen Grundschullehrplan Lehrplan ist, Kindern kurz und ihrem Alter entsprechend zu antworten. Erst ab der 9. Klasse benennen die Richtlinien des Kultusministeriums „persönliche und soziale Aspekte der Homosexualität“ als Thema. Dann geht es auch um Themen wie Prostitution, strafrechtliche Bestimmungen, Familienplanung und die kritische Beurteilung der Beeinflussung menschlichen Sexualverhaltens durch die Massenmedien, etwa Presse, Fernsehen, Internet und Werbung.

„Wir Kinder sind gegen Sex“ lautete ein Slogan auf der Demo in Augsburg.

Ein wichtiger Punkt im Sexualkundeunterricht ist Schutz vor Missbrauch. Kinder lernen zu verstehen, was sie wollen und was nicht. Ihnen wird die Kompetenz beigebracht, bei Berührungen und Körperkontakt, der ihnen missfällt, „Nein!“ zu sagen. „Unser Ziel ist es, die Kinder zu stärken und sie Grenzen setzten zu lassen. Studien zeigen, dass 47 Prozent der Kinder, die missbraucht werden, im Grundschulalter sind. Deswegen ist es wichtig, diese Thematik anzusprechen und ihnen zu zeigen, wo sie im Notfall Hilfe und Vertrauenspersonen finden“, sagt Wirth.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WYS7865.tif
Spende

Ein Weihnachtsgeschenk für St. Anna

ad__web-mobil-starterpaket-099@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket