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Prozess in Augsburg

13.05.2019

"Wurstwelten" und Co.: Im Sumpf des Grauen Kapitalmarktes

Prozessauftakt in Augsburg: Drei der vier Angeklagten der "Firmenwelten"-Gruppe am Montag mit ihren Anwälten.
Bild: Stefan Puchner

Plus Verantwortliche einer Firmengruppe sollen Kleinanleger um Millionen betrogen haben – unter anderem von einem Büro in Augsburg aus. Nun startete der Prozess gegen sie.

Es waren sagenhafte Zinsen, die Anlegern in Aussicht gestellt wurden. 15 Prozent für eine Investition in „Halbstrom-Geräte“ etwa, die angeblich an Kommunen vermietet werden sollten. Diese Geräte, so die Behauptung, seien in der Lage, Stromkosten zu halbieren. 15 Prozent jährlich sollte es auch für ein Darlehen an die „Wurstwelten GmbH“ geben, die Filialen im Ruhrgebiet betrieb und dort Fleischwaren verkaufte. Und auch in den USA winkte laut Darstellung eines Verkaufsprospektes satte Rendite, die demnach unter anderem über Geschäfte mit „Indianern des Blackfeet-Stammes“ und „der Aufzucht und Vermarktung von Bisons“ erwirtschaftet werden sollte. So steht es in der Anklageschrift der Augsburger Staatsanwaltschaft. Ebenso, dass das Investment mit den Bisons oder den amerikanischen Ureinwohnern gar nicht erst getätigt wurde, es dementsprechend auch keine Rendite geben konnte.

Ohnehin blieb von den wolkigen Aussagen der „Firmenwelten“-Gruppe aus Bielefeld, deren Unternehmen die Anlageprodukte anboten, am Ende wohl wenig übrig. Hunderte Kleinanleger verloren viel Geld; die Schadenssummen, um die es in den Betrugsvorwürfen geht, summieren sich auf mehr als acht Millionen Euro. Vor der 9. Strafkammer des Landgerichtes unter Vorsitz des Richters Christian Engelsberger müssen sich seit Montag vier Menschen verantworten, die für das mutmaßliche Betrugsgeflecht in unterschiedlichen Graden verantwortlich gewesen sein oder Beihilfe geleistet haben sollen: Drei Geschwister, die als Geschäftsführer von Unternehmen fungierten, sowie der ehemalige Vertriebsleiter einer der Gesellschaften.

Angeklagte sollen Anleger von Augsburg aus getäuscht haben

Es geht in der Anklage um die Täuschung von Kleinanlegern in beträchtlichem Umfang, um Steuerhinterziehung, um Insolvenzdelikte. Die Vorwürfe der mehr als 50 Seiten dicken Anklageschrift sind vor allem gegen zwei der Angeklagten, eine 39-jährige Frau und ihren 35 Jahre alter Bruder, massiv und umfangreich; die beiden sitzen seit fast zehn Monaten in Untersuchungs-Haft. Ihnen drohen angesichts der Vielzahl und Schwere der vorgeworfenen Fälle lange Haftstrafen. Es ist ein Fall, der im Milieu des Grauen Kapitalmarktes spielt – jener Bereich des Kapitalmarktes also, der wenig reguliert und kontrolliert wird.

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Hier tummeln sich seriöse Geschäftsleute, aber auch Halbweltsgestalten oder gescheiterte Existenzen, die das ganz große Ding wittern. Wer in dem Bereich sein Geld investiert, kann viel verlieren, mit Glück aber auch bessere Zinsen einfahren als andernorts.

In der von Staatsanwältin Beate Schauer verlesenen Anklageschrift mangelt es nicht an teils absonderlichen Details. So soll es nur 183 „Halbstrom-Geräte“ gegeben haben, und den Ermittlungen zufolge waren sie zwar in der Lage, durch eine Reduzierung der Netzwechselspannung Strom einzusparen. Allerdings nur um maximal 26 Prozent, und mit einem Haken: Die Leistung der Endgeräte sei in dem Fall ebenfalls um 26 Prozent reduziert worden. Zudem fehlte laut Anklage in den Prospekten der Hinweis, dass die angeschlossenen Endgeräte möglicherweise nicht mehr funktionieren, wenn man die Netzspannung unter 207 Volt senkt. Auch sei behauptet worden, die Halbstrom-Aggregate seien in Städten, Gemeinden und Hilton-Hotels verbaut worden, was demnach nicht stimmte. Ebenso wenig wie die Behauptung, es lege eine Großbestellung über 250.000 Stück vor. Die Investition in Wurstfilialen wiederum war den Ermittlungen zufolge ebenfalls eine wenig erfolgversprechende Angelegenheit. Statt der angekündigten „Expansion“ in andere Bundesländer habe es nur fünf und dazu unrentable Filialen gegeben; die Fleischprodukte wurden demnach auch nicht selber erzeugt, sondern bei Großmetzgern gekauft und dann weiterverkauft. Vom „Aufbau einer einzigartigen Produkt- und Sortimentmarke“, wie es hieß, war man offenbar weit weg. Die mehr als drei Millionen Euro eingesammelten Anlegergelder verwendeten die Angeklagten nach Erkenntnissen der Ermittler teils für private Zwecke, teils sollen sie an andere Firmen des Geflechtes geflossen – und teils als Zinsen ausgezahlt worden sein.

Prozess in Augsburg: Viele betroffene Anleger in der Region

Vertrieben wurden die windigen Finanzprodukte von diversen Vermittlern. Auch in der Region gibt es viele Anleger, die ihr Geld verloren. In Augsburg hatte die Firmengruppe ein Büro im Herrenbachviertel, manche der Unternehmen haben oder hatten in der Stadt auch ihren Sitz. Ein Hauptverantwortlicher für das mutmaßliche Betrugskonstrukt war den Ermittlungen zufolge der Vater der drei Geschwister. Sein Name wird in der Anklage mehr als ein Dutzend Mal genannt. Er soll in den USA leben und ist für die deutsche Justiz aktuell offenbar nicht greifbar. Die Ermittlungen gegen zwei weitere Geschäftsführer von Firmen der Gruppe sowie Vermittler wurden eingestellt.

Viel passiert ist am ersten Prozesstag außer der Anklageverlesung noch nicht. Angesetzt sind 19 Verhandlungstage bis Ende September.

Lesen Sie auch: P&R-Pleite: Wie betrogene Anleger noch Geld zurückbekommen könnten

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