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Augsburg: Überlebende des Erdbebens in der Türkei müssen Augsburg verlassen

Augsburg

Überlebende des Erdbebens in der Türkei müssen Augsburg verlassen

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    Nurettin Serhanoglu (links) holte seine Brüder Cevdet und Selahittin nach Augsburg.
    Nurettin Serhanoglu (links) holte seine Brüder Cevdet und Selahittin nach Augsburg. Foto: Stefanie Schoene

    Fünf Brüder und drei Schwestern waren sie in Antakya, der türkischen Stadt an der syrischen Grenze, unweit von Aleppo. Doch jetzt, auf der Terrasse einer Pizzeria nahe dem Klinikum, wischt Selahittin Serhanoglu mit einer typischen nahöstlichen Geste die Handflächen aneinander. „Antakya gibt es nicht mehr, weg“, sagt er. „Bitti“, fertig. Als sich die Erde im Februar dieses Jahres in elf Provinzen aufbäumte, erwischte es auch ihre Familie. Zwar blieb das Haus, in dem sie drei Eigentumswohnungen besaßen, stehen. Jedoch ist es unbewohnbar und von innen total zerstört. 

    Zusammen mit seinem Bruder Cevdet ist er seit Mai bei dem gemeinsamen Bruder Nurettin Serhanoglu (50) untergekommen. Wie 150 weitere türkeistämmige Augsburger hinterlegte dieser beim Ausländeramt eine Verpflichtungserklärung. So konnten die beiden mit dem für Erdbebenopfer aufgelegten Sonderprogramm ein beschleunigtes Visum für einen dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland erhalten. Cevdet ist zertifizierter Metzger, hatte ein eigenes Geschäft im historischen Zentrum Antakyas. Selahittin ist Fliesenleger, seine Spezialität ist Marmor. Sie gehörten zum bürgerlichen Mittelstand. Jetzt haben sie nichts mehr, sie sind obdachlos. 

    Katastrophe in der Türkei: "Wir haben kein Erdbeben, wir haben die Hölle erlebt"

    Auf der idyllischen Holzterrasse erzählen sie von der Nacht auf den 6. Februar dieses Jahres. „Es war vier Uhr morgens. Erst hat alles nur ganz leicht hin und her gewackelt, die Betten, die Decke, die Wände. Das Wanken und Schütteln verstärkte sich, bis alles Hin und Her und hoch und runter geschleudert wurde“, berichtet Cevdet. Mit Händen und Armen zeigt die ungeheure Kraft des Bebens. „Ich habe die Kinder geholt, mich auf sie und meine Frau gelegt. Die Erschütterungen wurden immer stärker.“ Er holte noch seine Schwestern aus der Wohnung nebenan. Zwei Minuten dauerte der tödliche Spuk. Das fünfstöckige Haus blieb stehen, die beiden Nachbargebäude hatten es eingeklemmt. Diese stürzten später ein. „Wir haben kein Erdbeben, wir haben die Hölle erlebt.“ 

    In den Straßen gingen sie den Schreien nach, versuchten, die Trümmer beiseite zu räumen. Selahittin zeigt einen Handyfilm. In einem dunklen Loch zwischen riesigen Betonplatten sind ein Kinderkopf und eine Hand zu sehen. Die Hand des Jungen bewegt sich. „Ihn habe ich ausgegraben, konnte ihn retten“, sagt Selahittin. Vielen anderen hörten sie machtlos beim Sterben zu. „Wie soll man einem Staat vertrauen, der einen so alleine lässt?“, fragt er. Schlaf finden die beiden bis heute kaum. „Es ist nicht nur im Kopf, der ganze Körper hat eine Erinnerung“, erklärt Cevdet. Schon die kleinste Erschütterung an seinem Stuhl bringe die Welt ins Wanken. Selahittin berichtet, er träumt aus diesen Tagen, wieder und wieder. Bis er in Tränen aufgelöst aufwacht. 

    Das zerstörte Stadtviertel der Serhanoglu-Brüder in Antakya. Hierher können sie nicht zurück.
    Das zerstörte Stadtviertel der Serhanoglu-Brüder in Antakya. Hierher können sie nicht zurück. Foto: Serhanoglu

    Jetzt läuft das erleichterte Visaverfahren aus, die Menschen müssen zurück. Cevdet fliegt am Montag. Was ihn erwartet, weiß er: nichts. Geld, seine Wohnung, die Metzgerei - alles weg. Die Regierung plane den Wiederaufbau seiner Stadt auf der grünen Wiese, sagt er. Doch die Wohnungen werden trotz milliardenschwerer internationaler Wiederaufbauprogramme verkauft, nicht bereitgestellt. Jeder soll 30.000 Euro zahlen. Keine Option für Cevdet. Seine Frau vagabundiert seit Monaten mit den Kindern im Zweiwochen-Rhythmus zwischen Antalya und Mersin hin und her, weil sie dort Verwandtschaft hat. Das wird er jetzt auch machen. 

    Auch Tugay Cogal, der langjährige Vorsitzende des Vereins FC Öz Akdeniz, und seine Geschwister hatten insgesamt 13 Personen über das Visaprogramm aufgenommen. Dass das Programm für die Erdbebenopfer nicht verlängert wird, kann er nicht verstehen. „Wir kommen ja für sie auf, sie kosten den Staat nichts. Sie nach Hatay zurückzuschicken, ist unmenschlich. Zelte und umgebaute Scheune, außerdem herrscht ein gefährlicher Wassermangel.“

    Unverständnis, warum das Visaprogramm für Erdbeben-Überlegende nicht verlängert wurde

    Hikmet Aksoy, einen Ingenieur aus dem Bärenkeller, erreicht unsere Redaktion im Erdbebengebiet. Er hat, bevor er mit seinem Vater nach Augsburg kam, seine Kindheit bei Antakya, in der Kleinstadt Harbiye, verbracht. Jetzt hat er mit Kindern und Frau im Auto 3000 Kilometer zurückgelegt, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Sein Vater war bei dem Beben mit seiner Wohnung im siebten Stock eines Hauses in die Tiefe gestürzt. Aksoy war im Februar vor Ort und hat ihn selbst geborgen. Jetzt muss er sich um die Sterbeurkunde, Stromrechnungen, das verschüttete Auto des Vaters kümmern. Doch sein Haus im zerstörten Harbiye steht noch. Vor sechs Jahren hatten sie hier investiert und die Betonpfeiler erdbebengerecht verstärkt. Die meisten Nachbargebäude in seiner Straße haben dem Beben nicht standgehalten, erzählt er. Ihre Trümmer wurden inzwischen abgeräumt. 

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