Kurz bevor die Pressekonferenz im Polizeipräsidium in Augsburg startet, meldet die Polizei in ihrem Tagesbericht schon wieder neue Betrugsfälle. Unbekannte haben am Vortag in Augsburg zwei Seniorinnen um ihre Ersparnisse gebracht. Die Opfer übergaben den Tätern jeweils einen fünfstelligen Betrag. Das Märchen, das den über 70-Jährigen zuvor am Telefon aufgetischt wurde: Die Schwiegertochter habe angeblich einen tödlichen Unfall verursacht, sie könne jetzt nur mit einer Kautionszahlung vor dem Gefängnis bewahrt werden. Seit Jahren versuchen Ermittler, Menschen vor solchen "Schockanrufen" und weiteren miesen Maschen zu warnen. Nun startet die Polizei Nordschwaben eine Präventionskampagne, die sich zunächst an eine Zielgruppe richtet, die sicherlich nicht im Visier dieser Kriminellen steht.
Das Projekt läuft unter dem Hashtag #NMMO. Die Abkürzung steht für "Nicht mit meiner Oma - Nicht mit meinem Opa". Die Kampagne klärt nicht nur auf, sondern enthält auch Verhaltenstipps. Dafür wurden über 30.000 Flyer und Postkarten kindgerecht entworfen, die unter anderem an Schulen verteilt werden. Das nordschwäbische Polizeipräsidium setzt gezielt auf die Unterstützung durch Schülerinnen und Schüler. Denn trotz aller Bemühungen und Warnungen der älteren Bürgerinnen und Bürger würden die Betrugsfälle nicht weniger, erklärt Nordschwabens neuer Polizeipräsident Martin Wilhelm.
Er spricht an diesem Nachmittag vor allem zu rund 50 Kindern und Jugendlichen aus Schulen in der Region - auf der ersten Schülerpressekonferenz, wie Wilhelm betont. Mit der Kampagne will die Polizei erreichen, dass die Kinder nicht nur ihre Großeltern für die Gefahr von Betrugsanrufen sensibilisieren, sondern auch ältere Nachbarn. Jeder verhinderte Fall zähle, sagt der Polizeipräsident. "Ihr seid wichtige Botschafter."
Betrugsmaschen per Telefon führen in Schwaben zu enormen Schäden
Obwohl immer wieder vor diesen Anrufen gewarnt wird, reißen die Fälle von sogenanntem Callcenter-Betrug nicht ab. Allein in diesem Jahr wurden im Bereich Nordschwaben bereits bis zu hundert solcher Anrufe registriert. Im Jahr zuvor wurden allein in 14 Fällen ein Gesamtschaden von über 400.000 Euro angerichtet. Zum Glück aber legten die meisten Menschen rechtzeitig auf. Die Polizei geht bei versuchten Straftaten von einer hohen Dunkelziffer aus. Nicht jeder Angerufene meldet so ein Telefonat bei der Polizei, obwohl diese sich das wünschen würde.
Den Kolleginnen und Kollegen blute jedes Mal das Herz, wenn eine Geldübergabe stattgefunden habe, meint Polizeipräsident Wilhelm. Schließlich handele es sich bei der Beute oft um Geld, das sich die Opfer über Jahrzehnte mühevoll zusammengespart hätten. "Auch wenn die Methoden bekannt sind: Es kann jedem passieren", weiß der Leitende Kriminaldirektor Mario Huber. Er hat seit Jahren mit dem Phänomen des sogenannten Callcenter-Betrugs zu tun, an dem immer mehrere Täter beteiligt sind. Die Betrüger gingen hochprofessionell vor, wie er den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern erklärt.
Polizei-Kampagne #nichtmitmeinerOma richtet sich an Kinder und Schüler
Die Callcenter sitzen demnach meist im Ausland. Dort werden Namenslisten auf der Suche nach Opfer abtelefoniert. Die Anrufer seien psychologisch hervorragend geschult, sagt Huber. Sie wüssten, wie sie ihre Opfer in die Irre führen könnten. Entweder ist es die Geschichte des falschen Polizeibeamten, der Enkeltrick oder der Schockanruf. Die meist älteren Menschen werden so lange bequatscht, bis sie bereit sind, Geld oder Schmuck herzugeben. Das könne meist über mehrere Stunden gehen. Dann kommen die sogenannten Abholer ins Spiel, die sich vor Ort aufhalten. Sie erscheinen an der Haustür, um die Beute entgegenzunehmen. Die Abholer selbst, die als kleinstes Licht in diesem System gelten, werden von Logistikern organisiert.
Wann es denn den Menschen auffällt, dass sie betrogen wurden, will eine Schülerin wissen. Wenn der Stress, der durch so einen Anruf bei ihnen verursacht wurde, abfalle, erklärt der Kripobeamte. Bei einem anschließenden Anruf beim Enkel oder der Schwiegertochter werde schnell klar, dass man Betrügern auf den Leim gegangen sei. "Viele sagen danach, sie hätten doch von den Maschen in der Zeitung gelesen, aber sie im entscheidenden Moment doch nicht durchschaut." Die Opfer würden während solcher Telefonate von Stresshormonen durchflutet, sodass ihnen normales Denken vorübergehend schwerfalle.
Augsburger Puppenkiste produziert Video zu Betrugsmaschen
Für die neue Kampagne #NMMO hat das Polizeipräsidium Augsburg Prominente aus Gesellschaft, Politik und Sport mit ins Boot geholt, wie die FCA-Spieler André Hahn und Raphael Framberger oder Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber. Auch die Augsburger Puppenkiste macht mit, sie hat extra einen kleinen Videoclip mit dem Kasperl dazu gedreht. Die Kampagne ist laut dem Polizeipräsidenten auf mehrere Jahre angelegt. Beim Verkehrsunterricht an den Schulen soll sie künftig fester Bestandteil werden. Auch arbeite man mit dem Bayerischen Roten Kreuz zusammen, die die Kampagne sowohl über Schwimmkurse und Ersthelfer-Ausbildungen als auch über "Essen auf Rädern" verbreiten werde. Kooperationspartner seien ebenfalls Banken. „Wir wollen das Thema in die Gesellschaft bringen.“