Schon während der Römerzeit gab es in Augsburg eine Wassermühle
Pacht der Müller bestand aus Naturalien
Firma Grandel reaktivierte Rechte für Wassernutzung
Stromerzeugung mit Sonne und Wind ist derzeit ein beherrschendes Thema. "Grüne Energie" steht im Fokus. Möglichst in der Verbrauchsregion soll Ökostrom erzeugt werden. In Augsburg gibt es Solaranlagen auf vielen Dächern, Windräder fehlen im Stadtgebiet bislang. Einige Rotoren drehen sich jedoch über einem Wald in Augsburger Besitz: Die Windräder stehen im Brugger Forst zwischen Adelzhausen und Odelzhausen. Im Stadtbereich Augsburg ist Wasser die traditionelle Primärenergie. Die Nutzung der Wasserkraft hat eine rund 2000-jährige Tradition: Eine römerzeitliche Mühle belegt es.
Spuren einer kleinen antiken Wassermühle entdeckten Archäologen bei Göggingen an einem verfüllten Kanal aus der Römerzeit. Römische Wasserbauer hatten die Singold etwa 35 Kilometer von Augusta Vindelicum entfernt angezapft, um die Stadt reichlich mit Brauchwasser zu versorgen. Die römerzeitlichen Wasserbau-Experten hatten herausgefunden, dass das natürliche Gefälle auf der Hochfläche zwischen dem Wertachtal und der Lechebene es ermöglichte, Singoldwasser in einem Kanal in ihre Stadt zu leiten. Die schwache Strömung reichte zum Antrieb eines Wasserrades einer kleinen Mahlmühle aus.
Die schriftliche Überlieferung über Mühlen in Augsburg beginnt etliche Jahrhunderte nach dem Abzug der Römer. In der anno 982 verfassten Biografie von Bischof Ulrich (er lebte von 890 bis 973) ist eine bischöfliche Mühle erwähnt. Historiker nehmen an, dass es die spätere Pfladermühle am Vorderen Lech war. Sie wird im Stadtrechtsbuch von 1276 genannt. Damals war der "Pflaterlacher" einer von vier Müllern am Vorderen Lech.
Die "Pflaterlache" war eine Pferdeschwemme. Die danach benannte Mühle vermachte Bischof Siegfried IV. 1288 dem Hochstift. Das war der weltliche Herrschaftsbereich des Bischofs. Die Hochstift-Verwaltung setzte die Müller ein. Sie mussten jährlich neun Schaff Roggen und neun Schaff Kern als Pacht abliefern. Als "Muly di Pflaterlach" taucht diese Mühle in einer Chronik auf, die einen Großbrand am 22. September 1376 überliefert. Ab 1501 sind die Namen der Müller überliefert.
Miniaturabbildungen in Stadtplänen zeigen die Pfladermühle. Anno 1563 und 1626 verfügte sie über zwei Wasserräder. Eine Beschreibung von 1850 nennt vier. Sie trieben damals vier Mahlgänge und einen Gerbgang an. 1876 ließ der Besitzer Gottfried Richter den Mühlenbetrieb erneuern und eine Turbine statt der wenig leistungsfähigen Wasserräder einsetzen. Die Beschreibung der Wasserkraftanlage: "Jonval-Turbine. Normal-Wassermenge zwei Kubikmeter. Normalgefälle 1,42 m. Leistung: 37,9 dynamische PS". Am 5. August 1905 brannte der Mühlenbau bis auf das unterste Stockwerk ab. Danach wurde das heutige fünfstöckige Gebäude Pfladergasse 7 - 13 errichtet. Fotos und Zeichnungen zeigen es mit einer großen Sonnenuhr und der Aufschrift "Richters Pfladermühle seit 1288".
1936 erbte der Chemiker und Diplomlandwirt Felix Grandel die Pfladermühle. Sie war zu dieser Zeit auf Weizenmehle "für die verwöhntesten Ansprüche" spezialisiert. So heißt es in einem Verkaufsprospekt für sechs spezielle Weizenmehle, einen Weizengrieß und "Richters Grieß-Früchte-Pudding für Feinschmecker". Felix Grandel betrieb die Weizenmühle weiter und begann mit der Entwicklung diätetischer Produkte aus Getreide. 1938 ließ er "Dr. phil. nat Grandel's Keimdiät" als Warenzeichen eintragen. 1947 erfolgte die Gründung der Keimdiät GmbH, der heutigen Dr. Grandel GmbH. 1970 endete der Mühlenbetrieb, und die Wasserturbine wurde stillgelegt.
Über 20 Jahre später begann eine Sanierung des jetzigen Verwaltungssitzes des Familienunternehmens an der Pfladergasse. Zum Abschluss der Umbauarbeiten reaktivierte der damalige Geschäftsführer Michael Grandel (2019 verstorben) die alten Wassernutzungsrechte. Er rüstete die Wasserkraftanlage technisch auf und koppelte einen Generator an die Turbine, um den Strom-Eigenbedarf zu decken. Seit Oktober 1994 liefert das elektronisch gesteuerte Wasser-Kleinkraftwerk in einem Anbau an der Gebäuderückseite Am Märzenbad Strom.
Der Vordere Lech führt circa 2100 Liter Wasser pro Sekunde. Er treibt eine Francis-Unterdruckturbine mit elektrohydraulisch verstellbaren Turbinenradschaufeln an. Damit ist ein Stromgenerator mit durchschnittlich 18 Kilowatt Leistung verbunden. Pro Jahr beträgt die Stromproduktion rund 120.000 Kilowattstunden. Das entspricht dem Jahresbedarf von etwa 50 Augsburger Durchschnittshaushalten. Das Wasserkraftwerk ist eines der kleinsten in Augsburg. Doch nicht die Menge der erzeugten Elektrizität lenkt den Blick darauf, das Besondere ist die Historie: Der Ökostrom wird in Augsburgs ältester noch aktiver Wasserkraftanlage erzeugt.
Weitere stadthistorische Exkursionen von Franz Häußler finden Sie hier.