Beinahe an einem Stück Braten erstickt: Wie das beherzte Eingreifen von Ertshelfern Leben retten kann
Augsburg
„Habe versucht, nicht in Panik zu verfallen“: Wenn ein Stück Braten zur Lebensgefahr wird
Als Arne Petersen zu ersticken droht, rettet ein Ersthelfer sein Leben. Für Experten ein Beispiel für die Bedeutung von Erste-Hilfe-Kursen. Wie es um die Notfallversorgung in der Stadt steht.
Schnelle Erste Hilfe kann Leben retten - regelmäßiges Üben hilft, sich sicher zu fühlen.Foto: Jens Kalaene, dpa / Arne Petersen
So schnell wird Arne Petersen seinen Besuch in Augsburg nicht vergessen. Als er beim Abendessen mit Geschäftskollegen sitzt, erstickt er beinahe – an einem Stück Schweinebraten, das den Weg statt in die Speise- in die Luftröhre genommen hatte. Dank des beherzten Eingreifens seiner Tischnachbarn und eines ausgebildeten Ersthelfers im Restaurant hat Petersen überlebt. „Ich fühle große Dankbarkeit, dass die Menschen um mich herum sofort gehandelt haben“, sagt der 54-Jährige.
Arne Petersen veranstaltet in Augsburg die SuperStay Live, eine Messe rund um das Thema Ferienimmobilien. Im Rahmen einer Nachbesprechung trifft er sich mit Partnern in einem Wirtshaus. „Vermutlich habe ich nicht richtig gekaut und dann auch noch gesprochen. Dabei habe ich mich verschluckt“, erzählt Petersen rückblickend. Er habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimme. „Ich konnte kaum noch atmen und auch nicht mehr sprechen. Ich habe meiner Tischnachbarin das Signal gegeben, dass sie mir auf den Rücken klopfen soll.“ Doch es tat sich nichts. Petersen merkt, die Luft wird immer knapper. „Ich habe versucht, nicht in Panik zu verfallen“, schildert er. Schließlich habe seine Tischnachbarin laut um Hilfe gerufen. Ein Mann greift ein. Wie sich später herausstellt, ist er ausgebildeter Ersthelfer. Er setzt den sogenannten Heimlich-Griff an und löst damit eine Reaktion des Körpers aus, die das Bratenstück aus der Luftröhre drückt.
Experte: Man kann bei Erster Hilfe nichts falsch machen
Fälle wie der von Arne Petersen zeigen, wie entscheidend Erste Hilfe im Notfall sein kann. Thomas Sindel, Ausbildungsleiter des BRK-Kreisverbandes Augsburg-Stadt, betont die Bedeutung einer entsprechenden Ausbildung: „Je mehr Menschen in Erster Hilfe ausgebildet sind, desto eher wird im Notfall auch geholfen.“ Das sieht auch Manuel Heckmann, Dienstellenleiter der Malteser Augsburg, so. In Fällen wie jenem von Arne Petersen könne grundsätzlich jeder den Heimlich-Griff anwenden, auch wenn dafür viel Kraft nötig sei. Nach Anwendung des Griffs müsse dann der Rettungsdienst alarmiert werden. „Durch den Druck auf die Weichteile kann es zu inneren Verletzungen kommen“, so Heckmann. Der Patient könne dadurch innerlich verbluten, ohne dass es äußerlich sichtbare Symptome gäbe.
Arne Petersen wäre beinahe an einem Stück Braten erstickt, das in die Luftröhre gerutscht war. Dank eines Ersthelfers, der den Heimlich-Griff anwandte, hat er überlebt.Foto: Arne Petersen
Angst zu haben, bei Erster Hilfe etwas falsch zu machen, bräuchte man trotzdem nicht, versichert er: „Solange man nach bestem Wissen und Gewissen handelt, kann man einem Menschen damit das Leben retten.“ Andere Verletzungen, die dabei verursacht würden, seien im Vergleich zum geretteten Leben nebensächlich. Das gelte generell bei Erster Hilfe. Thomas Sindel macht deutlich, dass Ersthelfende zwar keine Experten, aber dennoch wertvoll seien: „Erste Hilfe heißt oft auch nur da zu sein und dem Patienten Beistand zu leisten.“ Heckmann verweist auf das klassische Auffinde-Schema im Notfall: Anschauen, ansprechen, anfassen. Sollte man alleine sein, unbedingt Hilfe holen und den Notruf wählen. Entscheidend sei, nicht untätig zu bleiben.
App „Region der Lebensretter“ hat schon über 1600 registrierte Helfer
Nach Angaben Sindels haben in Augsburg im vergangenen Jahr etwa 9000 Menschen einen der rund 620 vom BRK-Kreisverband Augsburg-Stadt angebotenen Erste-Hilfe-Kurse absolviert. Darunter fallen nicht nur Grundausbildungen, sondern auch Fortbildungen und Kurse zur Ersten Hilfe am Kind. Sindel berichtet, dass die Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren gestiegen sind. Auch Heckmann berichtet von mindestens stabilen Teilnehmerzahlen in den Ausbildungen. Bei den Maltesern haben nach seinen Angaben 2025 rund 4350 Menschen einen Erste-Hilfe-Kurse absolviert.
Heckmann ist überzeugt, dass die allgemeine Notfallversorgung in Augsburg qualitativ gewonnen hat. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die seit Oktober 2025 aktive App „Region der Lebensretter“, die sich auf Herz-Kreislauf-Stillstände fokussiert. Dort können sich Personen, die eine Grundqualifikation in lebensrettenden Sofortmaßnahmen haben und diese jährlich auffrischen, selbst registrieren. Sie werden sie alarmiert, wenn sie sich in der Nähe eines Notfalls befinden. Mit einer Eintreffzeit von durchschnittlich 2 Minuten und 59 Sekunden sind die benachrichtigten Ersthelfenden oft vor dem regulären Rettungsdienst, der deutschlandweit im Schnitt zwischen 8 und 15 Minuten braucht, am Einsatzort. Seit Oktober haben sich für die Region Augsburg 1625 Helfende in der App registriert, die bei 216 Einsätzen unterstützen konnten.
Arne Petersen ist seinen Helfern „dankbar“, dass sie beherzt geholfen haben. Erst am Tag danach sei ihm bewusst geworden, „dass das ganz schön knapp war“. Nun sei es ihm wichtig, möglichst viele Menschen dafür zu sensibilisieren, sich mit Erste-Hilfe-Maßnahmen auseinanderzusetzen. Schließlich können diese Leben retten.
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