Der Bereich um die Gögginger Mühlstraße ist malerisch. Die Wertach ist nah und zahlreiche Felder geben dem Gebiet ein ländliches Gepräge. Seit einigen Monaten ist die Idylle aber einer Kampfzone gewichen. Grund sind die Fällungen von 53 Pappeln an der Mühlstraße und Am Mühlholz. 21 Bäume wurden bereits im Februar gefällt, in den kommenden Jahren sollen alle verschwinden. Die Hessing-Stiftung begründet diesen Schritt mit der Verkehrssicherheit: An der Mühlstraße liegt auch das Förderzentrum für Kinder und Jugendliche. Dagegen formiert sich Widerstand. Eine Bürgerinitiative will die alten Pappeln retten und kritisiert die Hessing-Stiftung scharf.
„Pappeln müssen bleiben“ – die Inschrift ziert seit einigen Wochen die Oberfläche der Mühlstraße. Bernhard Dußmann und Stephan Meyer wollen den Kahlschlag verhindern. „Ich gehe hier seit 25 Jahren jede Früh mit meinem Hund spazieren“, sagt Dußmann. Er ist gebürtiger Gögginger, habe sein gesamtes Leben in dem Stadtteil verbracht. Die Pappeln gehörten hier dazu, dass sie gefällt werden sollen, sei ein schwerer Schlag, so Dußmann. Er sagt, er sei nie ein politischer Mensch gewesen, aber gegen das Vorhaben der Hessing-Stiftung habe er etwas unternehmen müssen. Er startete mit Meyer eine Bürgerinitiative, sammelt seither Unterschriften.
Hessing-Stiftung sieht Gefahr für Kinder und Jugendliche des Förderzentrums
Wie berichtet, argumentiert die Hessing-Stiftung mit der Verkehrssicherheit. Hybrid-Pappeln seien für schnelles Wachstum bekannt, erklärt Sprecher Ralf Beunink auf Anfrage. Da sie speziell für die schnelle Holzproduktion gezüchtet würden, haben sie im Vergleich zu einigen lang lebenden Baumarten eine relativ kurze Lebensdaue von 20 bis 30 Jahren, unter optimalen Bedingungen könnten sie bis zu 50 Jahre alt werden. Es sei aber eher selten, dass Hybrid-Pappeln dieses Alter erreichen, da ihre Holzqualität in der Regel mit zunehmendem Alter abnehme, so Beunink. Im Dezember erklärte Hessing-Stiftungsdirektor Roland Kottke, dass Pappeln in der Regel ein Alter von 60 bis 70 Jahren erreichten, wobei die Bäume am Förderzentrum mittlerweile 70 bis 100 Jahre alt seien.
„Erst Anfang Dezember 2023 kam es zum Abbruch zahlreicher Äste, die eine lebensgefährdende Größe hatten“, so Beunink. Die Zunahme von Unwetterlagen erhöhe nun den Handlungsdruck. Aber auch an windstillen Tagen komme es immer wieder zum Abbruch schwerer Äste, da der Totholzanteil aufgrund des enormen Alters sehr hoch sei. „Insbesondere mit Blick auf das benachbarte Förderzentrum für Kinder und Jugendliche, in dem mehrere Hundert Kinder betreut werden, sowie Spaziergängern vor Ort, geht für die Hessing-Stiftung die Sicherheit für die Menschen klar vor“, so Beunink. Zudem müsse bei diesen Hybrid-Pappeln aufgrund der Überalterung von Pilzbefall ausgegangen werden, der das Gefährdungspotenzial weiter erhöhe. Aus diesen Gründen sei ein Erhalt der überalterten Hybrid-Pappeln nicht möglich.
Gögginger Bürgerinitiative will die noch stehenden 32 Pappeln retten
„Das ist Unsinn“, sagt Dußmann, während er auf die Pappelallee blickt. „Selbst bei starken Sturmereignissen sind kaum schwere Äste heruntergefallen.“ Er habe sich mit zwei Fachleuten die Bäume angesehen. Deren Fazit: „Die Bäume sind fast durchweg gesund, aber sie haben seit 15 Jahren keine Baumpflege erfahren.“ Auch ein Fachmann der Baumallianz hat sich die Bäume Anfang des Jahres angesehen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass nur sieben der 53 Pappeln deutlich geschädigt seien – "zu sehen an fehlenden Hauptästen, an geringer Knospenbildung, an stärkerem Totholzanteil und Pilzbefall". Die meisten der Pappeln seien in einem altersgemäß ordentlichen Zustand. Die Baumallianz hat nun eine Online-Petition gestartet, um die noch stehenden Pappeln zu erhalten.
Dußmanns Mitstreiter Meyer vermutet, dass sich die Hessing-Stiftung die Kosten für die Baumpflege sparen wolle. „Regelmäßige Baumpflege ist nun mal deutlich teurer als Fällungen“, sagt Meyer. „Jetzt wird mit heruntergefallenen Ästen argumentiert, obwohl die Kinder doch nicht bei schwerem Sturm oder Schneetreiben unterwegs sind.“ Die großen Bäume spendeten Schatten und Abkühlung in zunehmend heißen Sommern, so Meyer. „Die Gögginger trifft die Fällung der Pappeln emotional richtig hart.“ Die Hessing-Stiftung betont, sie stehe bei der Umsetzung im engen Austausch mit der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Augsburg, durch die die Maßnahme genehmigt sei. Zudem sei ein unabhängiges Planungsbüro hinzugezogen worden, dessen Empfehlungen die Hessing Stiftung folge.
Hessing-Stiftung pflanzt regionale Obstbäume und Sträucher nach
Hessing verspricht Nachpflanzungen, die teilweise schon erfolgt sind - regionale Obstbäume und Sträucher, Streuobstwiesen und Strauchhecken. Zudem werde ein nicht unerheblicher Teil der intensiv landwirtschaftlich genutzten angrenzenden Ackerfläche in einen Kraut-, Schmetterlings- und Wildbienensaum umgewandelt, um Lebensraum für gefährdete Insekten zu schaffen, so Beunink. Im Vergleich zu den Pappeln machen die Nachpflanzungen Am Mühlholz allerdings einen ärmlichen Eindruck. Es dürfte Jahre dauern, bis die Sträucher eine ähnliche CO₂-Bilanz vorweisen können wie die Pappeln.
Die Gögginger Bürgerinitiative will weiter für den Erhalt der 32 noch stehenden Pappeln kämpfen. Dußmann und Meyer seien mehrfach auf die Hessing-Stiftung zugegangen. „Wir wollen eine konstruktive, transparente Diskussion“, so Meyer. Einen Austausch mit der Bürgerinitiative habe es bisher nicht gegeben, bestätigt Beunink auf Anfrage. Auch von Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) und Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) habe er bisher keine Rückmeldung erhalten, so Dußmann. Diese habe er vor vier Wochen direkt angeschrieben.
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