Es ist ja keineswegs so, dass Psychotherapeuten an Unterbeschäftigung leiden würden, seit Corona sowieso nicht. Auch Angelika Hauser, erfahrene Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener langjähriger Praxis in Augsburg, weiß um Patienten-Wartelisten allerorten. Gleichzeitig weiß sie freilich auch um die Notwendigkeit einerseits, weitere fähige Psychotherapeuten auszubilden, und andererseits, solchen Traumatisierten, die seit vielen Jahren Gerechtigkeit zumindest im Ansatz fordern, zu helfen. Und so hat Angelika Hauser in einem Alter, da sich viele eilends auf ihren Ruhestand vorbereiten, noch zwei verantwortungsvolle Ämter angenommen. Eines hat besondere Brisanz.
Bei der Diözese Augsburg ist sie seit Oktober 2022 "Ansprechpartner für Fälle sexuellen Missbrauchs oder körperlicher Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen durch Kleriker und sonstige Beschäftigte im kirchlichen Dienst" – kurz: Missbrauchsbeauftragte. Am 2019 gegründeten Augsburger Ausbildungsinstitut für systemische Psychotherapie wirkt sie seit 2021 als Dozentin und Ausbildungsleiterin, seit 2022 zusätzlich noch als Ambulanzleiterin sowie Supervisorin – also als eine Kontrollperson, die Therapeuten berät und psychisch entlastend unterstützt. Letzteres aber begreift die 1959 in Hamburg geborene Angelika Hauser durchaus als die Krönung ihrer beruflichen Laufbahn – vor allem, weil ja enorm viel Vertrauen in sie gesetzt wird seitens des noch jungen Ausbildungsinstituts, aber natürlich auch seitens der Diözese.
Woher es kommt, dieses Vertrauen? Angelika Hauser braucht da nicht zu mutmaßen. Bei der Diözese und für die Caritas-Mitarbeiter habe sie vor ihrer Berufung schon fünf Jahre lang als Supervisorin in der Ehe- und Lebensberatung gearbeitet – man kannte sie also und ihre Fähigkeiten; das Ausbildungsinstitut wiederum sei auf sie zugekommen, weil sie schon früh ein Wissen erworben hatte, womit nicht viele Psychotherapeuten aufwarten können, das mittlerweile aber besonders gefragt ist: das Wissen um die sogenannte systemische Psychotherapie. Davon später mehr.
In Sachen Diözese betont Angelika Hauser, es sei notwendig, dass neben Juristen auch psychologisch geschulte Menschen für die Betroffenen da sind. Doch bereitet ihr die Tätigkeit als Missbrauchsbeauftragte der Diözese – zusammen mit einem Psychotherapeuten aus dem Allgäu und einem Juristen – durchaus auch Beschwerden. Weniger deswegen, weil sie bislang mehr Fälle – als zuvor angekündigt – zu bearbeiten hatte. Diesbezüglich sind ihre Aufgaben vor allem die Dokumentation des Missbrauchsvorwurfs, gefolgt von der Verfahrensberatung, um eine Entschädigung für erlittenes Leid zu erhalten.
Missbrauchsbeauftragte Hauser kritisiert Diözese Augsburg für Umgang mit Missbrauchsfällen
Nein, das ist es nicht, was Angelika Hauser Beschwerden macht. Vielmehr seien es die "Lippenbekenntnisse der Diözesanspitzen ohne handelnde Folgen". Gepaart zudem mit einer Intransparenz, die im Übrigen auch von anderen Referaten beklagt werde. Und Angelika Hauser erzählt – ohne Namensnennung – einen Fall, bei dem sie den Versuch einer kircheninternen Vertuschung feststellen musste. Ein beschuldigter Kleriker habe sein Teilgeständnis unter der Hand mit seinem Opfer finanziell regeln wollen – unter Billigung der Diözesanspitzen. Zudem seien ihre Kollegen gerade mit einem noch weitaus brisanteren Fall beschäftigt. In anderen Bistümern jedenfalls gehe man transparenter und miteinander kollegialer um, weiß die konfessionslose Angelika Hauser durch ein Treffen mit auswärtigen Missbrauchsbeauftragten.
Und was hat es nun auf sich mit der angesprochenen systemischen Therapie? Angelika Hauser, Natur- und Kunstfreundin, die ihre Leidenschaften mit Wandern, Schwimmen, Klavierspielen und bei den Festspielen in Salzburg auslebt, beherrscht diese Form der Therapie schon seit Studienzeiten, seit den 1980er-Jahren. Aber erst seit 2019 ist dieser Therapie-Ansatz, der das soziale und familiäre Umfeld der Patienten viel stärker berücksichtigt, von den Krankenkassen anerkannt. Bis dahin hatte sie zwar 25 Jahre auch mit dieser Methode gearbeitet – aber ohne sie über Krankenkasse abrechnen zu können. Die Patienten mussten selbst zahlen.
Systemische Psychotherapie: Augsburger Institut bildet aus
Dies ist nun anders, wodurch natürlich auch die Aussichten für Psychotherapeuten steigen mussten, die diese Methode beherrschen. Also braucht es Ausbildungsplätze, wie sie das Augsburger Institut für systemische Psychotherapie in der Gögginger Straße anbietet. Genau zwei Personen im Stadtgebiet Augsburg kamen aufgrund ihrer Vorkenntnisse für wesentliche Verantwortlichkeiten im Institut infrage. Eine winkte ab, die andere, Angelika Hauser, nahm an. Als Mutter zweier erwachsener Kinder, verheiratet mit Eberhard Hauser von der gleichnamigen Consulting-Firma, hat sie sich nunmehr drei Aufgaben zu widmen: der eigenen Praxis, der Diözese und dem Ausbildungsinstitut. Da braucht es insgesamt: Stärke.