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Eine Analyse des Wirtschaftsstandorts Augsburg: Chancen für die Zukunft

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Entlassungen, Schließungen, Arbeitslose: Was bleibt, wenn Augsburgs Industriebetriebe gehen?

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    Der Wirtschaftsstandort Augsburg wandelt sich schnell. Entlassungen brachten zuletzt Mitarbeiter vieler Augsburger Firmen auf die Straßen. Maschinenbauingenieur Franz Gumpp (Mitte) hat die Umstrukturierung von MAN persönlich miterlebt.
    Der Wirtschaftsstandort Augsburg wandelt sich schnell. Entlassungen brachten zuletzt Mitarbeiter vieler Augsburger Firmen auf die Straßen. Maschinenbauingenieur Franz Gumpp (Mitte) hat die Umstrukturierung von MAN persönlich miterlebt. Foto: Marcus Merk/Rocket Factory

    Wenn der Maschinenbauingenieur Franz Gumpp über das Gelände des Industrieparks Augsburg an der Heinrich-von-Buz-Straße geht, dann geht er durch 180 Jahre Industriegeschichte. In den Hallen trägt manches Bauteil Patina und lässt erahnen, was diesen Ort einst ausmachte: Maschinenbau auf höchstem Niveau. 1873 wurde die hier von MAN gefertigte „Maschine zum Drucken von endlosem Papier“ der Weltöffentlichkeit präsentiert, 1921 die erste Rollenoffsetmaschine gebaut. Den Druckmaschinenhersteller MAN, später Manroland, gibt es so heute nicht mehr. Er hat sich aufgrund neuer Rahmenbedingungen verändert und musste sich neu ausrichten. Längst belegt er nicht mehr das komplette Areal im Industriepark. Hier haben sich mittlerweile viele andere Firmen niedergelassen. Das Areal steht nicht mehr nur für die MAN, dafür aber symbolisch für den wirtschaftlichen Wandel Augsburgs: weniger Industrie, dafür neue Technologien, Dienstleistungen und innovative Start-ups. Wohin führt dieser Weg?

    Der Automobilzulieferer Forvia will an seinem Augsburger Standort 116 Stellen streichen. Sogar die Werksschließung droht.
    Der Automobilzulieferer Forvia will an seinem Augsburger Standort 116 Stellen streichen. Sogar die Werksschließung droht. Foto: Marcus Merk

    Augsburg steht in diesen Tagen an einem Wendepunkt – wieder einmal. Pandemie, geopolitische Veränderungen, Zollpolitik, Energiekrise und technologischer Wandel setzen Unternehmen unter Druck. Traditionsfirmen wie der Bandstahlspezialist Eberle oder der Hersteller von Autowaschanlagen WashTec (früher Kleindienst) verlagern die Produktion ins Ausland. Der Automobilzulieferer Forvia (früher Zeuna Stärker) will 116 Stellen und vielleicht den ganzen Standort streichen. Auch Kuka reduziert die Zahl seiner Mitarbeitenden. Die Arbeitslosenzahlen in der Stadt lagen zuletzt so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Vor allem der Wegfall von gut bezahlten Industriearbeitsplätzen wird beklagt. Laut Agentur für Arbeit sank ihr Anteil an allen Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren von 25 auf 20 Prozent. Droht Augsburg die Deindustrialisierung? Und was kommt nach?

    Franz Gumpp hat bei MAN gelernt, wurde Maschinenschlosser, studierte später Maschinenbau, war bei Manroland tätig und ist heute Geschäftsführer der deutlich kleiner gewordenen Manroland web production. Wenn er durch den Industriepark geht, spürt er vor allem eines: Wandel. Auf rund 150.000 Quadratmetern, wo früher Tausende Beschäftigte Druckmaschinen für Zeitungen in aller Welt fertigten, sind heute 33 Unternehmen angesiedelt – von IT-Firmen wie Xitaso bis zu Zukunftsfirmen aus dem Wasserstoffbereich wie Quest One, einem führenden Anbieter von PEM-Elektrolyse-Technologie. „Wir haben eine unglaubliche Entwicklung hinter uns“, sagt Gumpp. Über Jahrzehnte sei es gelungen, Augsburgs Unternehmen dank Visionen und neuer Ideen weiterzuentwickeln. Doch es habe auch schon immer Brüche gegeben.

    In Hochzeiten waren bis zu 4000 Menschen in Augsburg in der Produktion von Druckmaschinen beschäftigt. Heute ist das Unternehmen in zwei Teile aufgeteilt (Vertrieb/Entwicklung und Produktion) und beschäftigt noch rund 800 Menschen.
    In Hochzeiten waren bis zu 4000 Menschen in Augsburg in der Produktion von Druckmaschinen beschäftigt. Heute ist das Unternehmen in zwei Teile aufgeteilt (Vertrieb/Entwicklung und Produktion) und beschäftigt noch rund 800 Menschen. Foto: Marcus Merk

    In den 70er Jahren begann die Textilindustrie in Augsburg wegzubrechen. Im vergangenen Jahr schloss die Nähfadenfabrik Amann als eines der letzten Relikte dieser Zeit. Wenn Freudenberg sein Vileda-Werk für Vliesstoffe im Martinipark Mitte dieses Jahres schließt, geht der letzte Textilhersteller mit Produktionsstandort Augsburg – rund 120 Arbeitsplätze fallen weg. Auch Manroland bekam Transformationsprozesse deutlich zu spüren.

    „Das Weltmarktvolumen für Premium-Rollenoffset-Druckmaschinen lag 2007/2008 noch bei rund drei Milliarden Euro. Heute sind es etwa 150 Millionen“, macht Franz Gumpp die Entwicklung an einem einfachen Zahlenbeispiel deutlich. Innerhalb von knapp 20 Jahren sank das Volumen auf fünf Prozent des damaligen Niveaus. Von einst rund 4000 Beschäftigten im Rollenbereich in Augsburg und Plauen sind heute noch etwa 800 übrig – rund 650 bei MAN Roland Goss (Vertrieb und Entwicklung; ebenfalls im Industriepark ansässig) sowie etwa 150 in der ausgegliederten Manroland web production. „Mit dem Internet und der Digitalisierung schrumpfte der Markt für gedruckte Medien, und mit ihm das Kerngeschäft der früheren Manroland“, schildert Gumpp. 2011 folgte die Insolvenz. Auch das Augsburger Unternehmen Böwe musste sich nach seiner Insolvenz 2010 neu aufstellen. Der Papierhersteller UPM (früher Haindl) baut am Standort in Augsburg ebenfalls Stellen ab. Zuletzt war von 45 der rund 480 Arbeitsplätze die Rede. Das Werk in Ettringen wird komplett geschlossen.

    Die Rocket Factory ist ein Augsburger Start-up aus der Luft- und Raumfahrt. Das Bild zeigt einen Triebwerkstest.
    Die Rocket Factory ist ein Augsburger Start-up aus der Luft- und Raumfahrt. Das Bild zeigt einen Triebwerkstest. Foto: Rocket Factory Augsburg

    „Der Produktionsstandort Deutschland steht unter Druck“, sagt Franz Gumpp. Hohe Lohn- und Energiekosten belasteten die Unternehmen. Alleine für Energie gebe sein Unternehmen pro Jahr einen Millionenbetrag aus. Mittlerweile nutzen osteuropäische Unternehmen die gleichen Werkzeugmaschinen, und das Personal sei mittlerweile auch dort gut ausgebildet. „Fertigungsstandorte können daher, so meine These, nur bestehen, wenn sie die Themen Digitalisierung und Automatisierung angehen. Augsburgs Firmen müssen sich neue Wettbewerbsvorteile erarbeiten.“

    Der Augsburger Wirtschaftswissenschaftler Erik Lehmann warnt dennoch vor Alarmismus. Wandel sei Teil wirtschaftlicher Entwicklung. „Es entsteht nichts Neues, ohne dass Altes kaputtgeht“, sagt er. Als die Textilindustrie verschwand, sei ein ganzer Wirtschaftszweig gegangen, doch die Menschen seien nicht dauerhaft arbeitslos geblieben. „Das Humankapital wandert weiter.“ Fähigkeiten verschwinden nicht, sie suchen sich neue Felder.

    Das gilt auch für Manroland. Unter dem neuen Gesellschafter Possehl hat sich das Unternehmen seit 2017 neu ausgerichtet. Statt ausschließlich Druckmaschinen zu fertigen, versteht man sich heute als Fertigungs- und Systempartner für unterschiedliche Industrien und Unternehmen wie Krauss-Maffei, Everllence, Grob und Augsburger Unternehmen wie Hosokawa Alpine oder Böwe. Apropos Böwe: Das Unternehmen ist ebenfalls Teil der Possehl-Gruppe und kein reiner Kuvertiermaschinenhersteller mehr, sondern unter anderem Anbieter von Automatisierungslösungen und nennt sich international nun Boewe Group.

    Viele Elemente der aktuellen Polykrise würden sich so schnell nicht ändern, ist Wissenschaftler Lehmann überzeugt. Damit müssten Unternehmen leben. Es sei zu beobachten, dass man sich weg von großen Produktionshallen hin zu kleineren und mittelgroßen Fertigungslinien und mehr Dienstleistung entwickle. Aber: „Wir müssen nicht befürchten, dass jemand den Reset-Knopf drückt und plötzlich ist die Industrie weg.“

    Neue Felder entstehen etwa in der Rüstungsindustrie, Beispiel Renk. Hier könnten Unternehmen aus Maschinenbau oder Elektrotechnik andocken. „Hier ist Qualität gefragt und die ist bei Augsburger Unternehmen da“, ist der Wirtschaftsprofessor überzeugt. Dazu seien Aufträge im Bereich Verteidigung oder Luft- und Raumfahrt, wo MT Aerospace oder Airbus aktiv sind, über viele Jahre angelegt. „Auch das kommt einer Region und den Beschäftigten zugute.“

    Die IHK Schwaben unterstützt den Wandel in diesem Bereich mit Beratungsangeboten und Workshops. Geschätzt rund 9000 Beschäftigte in der Region arbeiten schon heute für die Rüstungsindustrie – viele im Verborgenen. Ihr Anteil könnte noch steigen, ist Matthias Köppel, Leiter des Bereichs Standortpolitik der IHK Schwaben, überzeugt. Er schätzt, dass in Augsburg und der Region mehrere hundert Unternehmen in die Rolle eines Zulieferers hineinwachsen könnten. Er nennt ein Beispiel: „Ein Panzer besteht aus rund 100.000 Einzelteilen, 70 Prozent davon stammen aktuell von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Sollten hier Kapazitätssteigerungen bei der Produktion kommen, könnten bereits involvierte Unternehmen profitieren und Chancen für Neueinsteiger wachsen.“

    Potenzial erkennen Experten zudem bei künstlicher Intelligenz (KI). „Wie genau sie die Arbeitswelt verändern wird, wissen wir nicht. Klar ist aber, dass wir uns damit befassen müssen“, so Lehmann. Mit dem KI-Produktionsnetzwerk sei Augsburg gut gerüstet. „Es gibt kaum eine Region in Deutschland oder gar Europa, die hier so gut aufgestellt ist“, schätzt er. Zwar würden Arbeitsplätze durch KI wegfallen, zugleich könnten Programmierer, Analytiker oder Ingenieure mit dieser Technologie produktiver arbeiten und neue Stellen entstehen. Gefragt blieben außerdem Fachkräfte und gut ausgebildete Praktiker auch ohne Universitätsabschluss. „Ein Friseur wird den Mitarbeiter nicht durch eine Maschine ersetzen“, ist Köppel sicher.

    Auch Umwelttechnologien und Wasserstoff gelten für die beiden Experten als Zukunftsfelder. In Augsburg gibt es mit dem Umwelttechnologischen Gründerzentrum und dem Innovationspark samt seinen Forschungseinrichtungen bereits eine Infrastruktur, die diese Entwicklung unterstützen kann. Und dann ist da noch der Ausbau des Uniklinikums (UKA), der als „Jahrhundert-Chance“ gilt. Auf zehn Arbeitsplätze am Klinikum, so Köppel, können langfristig sechs weitere im Umfeld entstehen. Studien prognostizieren bis zu 6500 neue Jobs. Dies gehe nicht von heute auf morgen und müsse aktiv begleitet und vorangetrieben werden. „Deutschland hat 37 Universitätskliniken, aber nicht überall ist daraus ein Medizincluster entstanden.“ Dennoch glaubt er an einen Erfolg in Augsburg.

    Die Augsburger Rocket Factory bringt Satelliten ins All. Sie gilt in Wirtschaftskreisen als „Hidden Champion“.
    Die Augsburger Rocket Factory bringt Satelliten ins All. Sie gilt in Wirtschaftskreisen als „Hidden Champion“. Foto: OHB

    Für Erik Lehmann liegen die Potenziale beim UKA vor allem bei Innovationen, Patenten und Start-up-Gründungen, insbesondere an der Schnittstelle von Medizin und KI. Bereits jetzt seien in diesem Bereich hochqualitative Unternehmensgründungen zu sehen – häufig in Zusammenarbeit mit der Produktion. Externe Netzwerke wie BayStartUp sehen Augsburg beim Thema Start-ups generell gut positioniert und schreiben der Stadt eine Rolle als „Hidden Champion“ zu. Ein Beispiel ist die Rocket Factory. Sie entwickelt und baut Trägerraketen für kleine Satelliten. Eine florierende Start-up-Szene belebe die Wirtschaft mit Innovationen, zahle auf das Image des Standorts ein und locke so in Zeiten des Fachkräftemangels qualifiziertes Personal an.

    Einen weiteren Pluspunkt für den Wirtschaftsstandort Augsburg sehen Experten im Branchenmix und in der Struktur der Unternehmen. Laut Statistik der Agentur für Arbeit gab es in Augsburg im Dezember 2025 rund 7400 Unternehmen. Rund 74 Prozent davon haben weniger als zehn Beschäftigte, nur 79 Firmen beschäftigen 250 und mehr Menschen. Die häufig geäußerte Kritik, Augsburg fehle ein großes Zugpferd, könne in Krisen von Vorteil sein: „Es kann gut gehen, auf ein Pferd zu setzen, solange es dem Pferd gut geht. Aber schauen Sie auf Ingolstadt mit Audi oder Ludwigshafen mit BASF. Wenn das Pferd strauchelt, strauchelt die ganze Stadt“, so Lehmann.

    Auf diese Vorteile und Chancen gelte es nun aufzubauen. Doch den Wandel zu begleiten, liege nicht nur in der Verantwortung der Unternehmen oder der Politik, sind sich die Experten einig. Auch die Gesellschaft müsse ihren Beitrag leisten. Weiterbildung und lebenslanges Lernen würden wichtiger. Darauf wies zuletzt auch die Chefin der Augsburger Agentur für Arbeit, Elsa Koller-Knedlik, hin. Wer sich neuen Technologien oder dem Wandel nicht stelle, laufe Gefahr, abgehängt zu werden. Eine Metastudie der Augsburger Possehl Consulting zeigt: 70 Prozent der im Beruf geforderten Fähigkeiten verändern sich. 49 Prozent der Beschäftigten benötigen daher eine Weiterbildung, um in ihrem erlernten Beruf bleiben zu können. In enger Zusammenarbeit mit Unternehmen setzt die Agentur in Augsburg daher gezielt darauf. „Die Augsburger Unternehmen und die Beschäftigten können das. Wir dürfen ihnen das ruhig zutrauen“, ist IHK-Mann Köppel überzeugt.

    Franz Gumpp ist Geschäftsführer der Manroland web production. Er hat den Wandel in der Wirtschaft mit seinem Unternehmen hautnah miterlebt.
    Franz Gumpp ist Geschäftsführer der Manroland web production. Er hat den Wandel in der Wirtschaft mit seinem Unternehmen hautnah miterlebt. Foto: Marcus Merk

    Das hat auch Franz Gumpp mit seinem Team getan. Mit Erfolg, wie er sagt. Die Neuausrichtung der Manroland sei gelungen. Am Ende seines Rundgangs bleibt er vor Tor 1 des Industrieparks stehen, gegenüber dem MAN-Museum. Er blickt aber nicht zurück. Im Gegenteil: Er sieht im Industriepark Unternehmen, die es vor 20 Jahren noch nicht gab, Hallen, die neu genutzt werden, und innovative Projekte, die traditionelle Fertigung ergänzen. Augsburg werde industriell bleiben – wenn auch mit weniger Massenfertigung, mehr Spezialisierung, mehr Kooperation zwischen Hochschulen, Start-ups und Mittelstand. Und auch in anderen Wirtschaftszweigen kann sich Augsburg positiv entwickeln, ist er überzeugt. Wandel könne verunsichern, sagt Gumpp. Doch er sei vor allem eine Chance. Der Industriepark sei dafür ein gutes Symbol.

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