„Jazz wird immer für Begeisterung sorgen“, sagt Tilman Herpichböhm, künstlerischer Leiter des Internationalen Augsburger Jazzsommers, und der Brustton der Überzeugung, die in diesem Satz liegt, lässt erahnen, dass es sich nicht um eine abgedroschene Marketing-Formulierung handelt. Das Publikum sehe auf Festivals aus dem Bereich der Popularmusik - „und ich zähle den Jazz hier explizit dazu“ – immer häufiger Sängerinnen oder Sänger, die zu mindestens Halb-Play-back-Songs vortrügen, die dann live genauso klingen wie als Konserve. „Das Handwerk wird immer weniger sichtbar, und der Unterschied beim Jazzsommer ist, dass auf der Bühne virtuose Musikerinnen und Musiker zu sehen sein werden, was für viele etwas ganz Besonderes geworden ist“.
Die 34. Ausgabe des Jazzsommers bietet elfmal die Möglichkeit, hochkarätige Musikerinnen und Musiker beim Interagieren zu beobachten und Zeuge von ganz besonderen musikalischen, oft hochemotionalen Momenten zu werden, die gleich wieder verfliegen, aber trotzdem im Zuhörenden noch lange nachhallen. Elke Seidel, Leiterin des Augsburger Kulturamts, die aufgrund des aktuellen Vakuums im Kulturreferat die Begrüßung zur Programmvorstellung übernahm, bekräftigte, dass der Botanische Garten als Spielstätte dazu natürlich sein Übriges tue. „Es ist ein ganz besonderer Klangraum, nicht einsturzgefährdet, nicht renovierungsbedürftig“, der im Hochsommer erblühe und so die Klänge der Natur mit dem Klang des Jazz vereine. Diese in ihrer Form einzigartige Atmosphäre der Konzerte im Rosenpavillon, umringt von bis zu 1000 Zuschauern, zieht Publikum weit über die Stadtgrenzen hinaus, doch ist laut Seidel nicht zu vergessen, „dass Tilman Herpichböhm ein sehr zugängliches Programm macht“, für das man nicht drei Jahrzehnte Freejazz-Platten studieren musste, um Zugang zu finden.
Ein Trompeter macht den Auftakt
Zum Trompeter Jeremy Pelt (8. Juli) zum Beispiel, der laut Herpichböhm „seit vielen Jahren an der ersten Reihe schnuppert“, in die er nun mit einem großen Satz und einer legendären Rhythmusgruppe aus Lenny White (Drums) und Buster Williams (Bass) springt – die Ikonen aufzuzählen, mit denen Letztere schon gespielt haben, würde nicht nur die Ohren von Jazzfanatikern klingeln lassen, sondern wohl auch den Rahmen einer Zeitungsseite sprengen.
Die seit einigen Jahren gut gepflegte Jazzsommertradition, ein Gitarrentrio in den Pavillon zu holen, führt dieses Jahr kein Geringerer als Bill Frisell (15. Juli) fort, der Greg Tardy am Saxofon mitbringt und laut Herpichböhm „so dahinflowen wird, dass es eigentlich für den Botanischen Garten nichts Besseres gibt“.
Zwei Frauen mit einem Namen in der Szene
Diejenigen, die mit Jazz wenig am Hut haben, „können gefahrlos zu Gretchen Parlato gehen“ (22. Juli), einer der einflussreichsten Jazzsängerinnen der Gegenwart, oder zur Kölnerin Julia Hülsmann (5. August), die innerhalb ihres Oktetts gleich mehrere Bands, von Streichquartett bis Pianotrio, vereint und bekannten Popsongs einen völlig neuen Anstrich verleiht. Pianist Joey Calderazzo (29. Juli) komplettiert das Line-Up im Botanischen Garten, während Wolfgang Lackerschmid (12. August) den Jazzsommer 2026 beendet anlässlich seines 70. Geburtstags und sich dazu langjährige Wegbegleiter aus New York einlädt.
Die zweite Bühne im Brunnenhof des Zeughauses ist einmal mehr eine knallbunte Wundertüte aus aufstrebenden Acts von München bis Yorkshire. Es gibt unter anderem elektroakustischen Jazz mit modularen Synthies von MŸA aus Frankreich (11. Juli), „auf total charmante Art dreckigen Grunge-Jazz“ der Kölner Gitarristin Christina Zurhausen (25. Juli) oder die spektakuläre Fusion verschiedenster musikalischer wie kultureller Hintergründe des Sam Newbould Quintet (1. August) - Newbould, der Herpichböhm mal auf einem Konzert „einen Ohrwurm verpasste, der mich immer noch verfolgt. Das ist schon spektakulär, wenn einen Instrumentalmusik nicht mehr loslässt.“
Ein Parkhaus macht Platz für den Jazz
Um allen die Möglichkeit zu geben, schon einmal anzutesten, ob einen die Musik ebenfalls so einfängt, das Handwerk zu beobachten und diese einzigartigen Momente zu erleben, die nur entstehen, wenn eine Band live zusammenspielt, kuratiert Herpichböhm anlässlich des Theaterviertelfests am zweiten Juniwochenende eine Bühne auf der dritten Ebene des zu diesem Anlass geräumten Parkhauses in der Ludwigstraße, auf der vor allem Musikerinnen und Musiker aus der lokalen Jazzszene spielen werden. Diese Szene ist aber nicht zuletzt dank der Sessionbühne im Jazzclub gut aufgestellt und breit gefächert. Und dass man es von da auch auf die ganz großen Bühnen schaffen kann, hat Geburtstagskind Lackerschmid ja schon bewiesen.
Informationen im Detail und Tickets: www.jazzsommer.de
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