Frau Rechert, Herr Demidov, wie hat der Krieg die Arbeit bei den Augsburger Philharmonikern verändert?
Anastasia Rechert: Wir rücken noch enger zusammen. Viele Kollegen sprechen mich an und fragen, ob ich noch Familie in der Ukraine habe. Oder wie man helfen kann. Da ist sehr viel Menschlichkeit, sehr viel Empathie.
Ivan Demidov: Und Solidarität.
Rechert: Genau. Und ob das nun ukrainische Orchester-Kollegen sind oder russische, spielt für mich gar keine Rolle. Für mich zählt die Einstellung und nicht der Pass.
Können Sie sich in diesen Tagen überhaupt auf Musik konzentrieren?
Demidov: Bei den Proben selbst gibt es gar nicht so viel Zeit für Diskussionen, für andere Gedanken.
Rechert: Und das ist auch gut so, oder? Ich komme aus der Ukraine, aber selbst ich merke nach fast fünf Wochen Krieg, dass ich manchmal nicht mehr kann. Mein Gehirn schaltet ab. Und diese Ablenkung in Form von Musik oder Literatur, ich glaube, die braucht man auch. Sonst wird man völlig verrückt.
Frau Rechert, was hören Sie gerade aus Ihrer Heimatstadt Odessa?
Rechert: Meine Familie lebt seit vielen Jahren in Augsburg, aber durch Freunde bekomme ich doch viel aus Odessa mit. Die Sirenen sind laut nachts. Die Leute bereiten sich vor, tragen Säcke mit Sand von den Stränden und möchten ihr geliebtes Opernhaus schützen. Sie sind sehr besorgt.
Was bekommen Sie, Herr Demidov, aus Sankt Petersburg mit? Wie ist dort das Stimmungs- und Meinungsbild?
Demidov: Jetzt ist in Russland wirklich Schluss mit der Meinungsfreiheit. Alles Positive, was sich in 30 Jahre nach Ende der Sowjetunion entwickelt hatte, scheint vorbei. Es gibt keine unabhängigen Medien mehr. Informationen finden sich da nur noch auf Youtube. Das klappt noch, Gott sei Dank, denn es gibt Wege, um Blockierungen auf der Seite zu umgehen. Über das Staatsfernsehen bekommt man aber nur Propaganda. Ich habe heute nur zwei, drei Minuten eingeschaltet, aber das kann ich einfach nicht aushalten. Dieser Tonfall, diese Aggressivität. Wenn man nur ein bisschen sensibel ist, spürt man: Das kann nicht sein, das ist nicht wahr. Ich hatte deshalb auch schon sehr schwierige Gespräche mit meiner Familie. Viele merken, dass etwas nicht stimmt, aber sie denken: Es kann nicht sein, dass Russland, ein Land, das immer gegen Faschismus war, jetzt diese brutale Rolle spielt.
Rechert: Es gibt in vielen Familien, nicht nur in meiner, ein Generationsproblem. Ivan, du sagst, du hast ein paar Minuten diese Sender verfolgt, aber stell dir vor, man schaut das jeden Tag, seit zehn Jahren. Über diese Medien hat sich die Nostalgie nach Sowjetzeiten aufgebaut, oh wie schön doch früher alles angeblich war und was für eine Katastrophe der Zerfall der Sowjetunion ist. Diese Stimmung verfestigt sich so stark in den Köpfen, es ist unglaublich. Manche Themen kann man in vielen Familien gar nicht ansprechen.
Wie steht es um die Künstlerszene in Russland? Gibt es noch Widerstand?
Demidov: Widerstand ist kaum möglich. Sogar wenn du mit einem leeren Blatt Papier in der Hand auf die Straße gehst, ohne ein Wort, wirst du verhaftet. Schon früher, vor dem Krieg, kamen Absagen von Konzerten und Vorstellungen, wenn die Thematik nicht politisch akzeptabel ist. Eigentlich sollte ich nächste Woche in Sankt Petersburg sein, für einen Liederabend. Aber das Konzert haben wir verschoben. Für mich, als jungen Mann, wäre das vielleicht auch eine Gefahr gewesen. Einreisen kann und darf ich, aber ausreisen könnte zum Problem werden. Und vor allem unterscheidet sich meine politische Position sehr, sehr klar von der staatlichen.
Auch Musik wird in dieser Zeit zum Politikum. Ist es wichtig, jetzt russische und ukrainische Kultur gemeinsam auf die Bühne zu bringen?
Rechert: Ich finde das sehr wichtig. Vor wenigen Tagen hatten wir einen Liederabend im Kleinen Goldenen Saal. Solisten aus dem Theater, mit ukrainischen und russischen Wurzeln, haben Werke von ukrainischen und russischen Komponisten aufgeführt. Und das finde ich toll, so etwas muss stattfinden können. Denn die Lage ist tragisch, da entsteht ein brutaler Riss zwischen den Völkern. Wir können nur versuchen, durch Musik zusammenzurücken und zu zeigen, was möglich ist.
Die russische Propaganda behauptet, die Ukraine sei ein Land ohne eigene Kultur, sie sei eigentlich russisch. Wie hart trifft Sie das?
Rechert: Das schmerzt mich sehr und es stimmt einfach nicht. Nicht jeder weiß das, aber die Ukraine hat eine eigene Sprache, dazu Literatur, Musik, Traditionen. Und ich glaube, das ist auch der springende Punkt: Die Ukraine hat eine Identität, die im Krieg geraubt werden soll.
Wie klingt für Sie die Ukraine?
Rechert: Sehr vielseitig. Aber vor allem klingt sie für mich nach meiner Heimatstadt Odessa. Dort habe ich meine Kindheit erlebt. Schon die Mischung der Sprachen in dieser Stadt ist einzigartig, ein Unikat zwischen Ukrainisch, Russisch und auch Jiddisch, das hat meine Uroma noch gesprochen. Ich bin russischsprachig aufgewachsen und Ukrainisch kann ich zwar leider nicht sprechen, aber verstehen. Wir hatten ukrainische Literatur in der Schule, ich habe Taras Schewtschenkos Gedichte gelernt. Auch wenn ich die Volkslieder höre, berührt mich das auf eine ganz besondere Art. Odessa klingt für mich nach Schwarzem Meer und auch nach Humor. Wir haben einen riesigen Markt in Odessa, er heißt Priwos und ist legendär. Dort macht jede Verkäuferin Witze über ihr Essen und du darfst alles probieren.
Demidov: Es gibt sogar einen stehenden Begriff, den „odessischen Humor“ kennt jeder in Russland.
Rechert: Und die Ukraine klingt für mich nach klassischer Musik, weil in Odessa fast jedes Kind ein Instrument spielen lernt, Geige oder Klavier oder Bandura, das ist eine ukrainische Laute.
Demidov: Ich selbst war einen Tag lang in Odessa. Ich kann gar nicht beschreiben, wie wunderschön diese Stadt ist. Und ich möchte eines Tages wieder nach Odessa, Lwiw, Kiew. Wenn es möglich ist.
Wie können Künstler in dieser Zeit etwas zum Guten bewegen?
Demidov: Als Künstler kann man natürlich Benefizkonzerte veranstalten, Spenden sammeln. Und ich bin sehr überzeugt, man braucht auch die Kunst selbst in diesen Zeiten.
Rechert: Für viele, die jetzt in der Ukraine sind, ist Musik sogar etwas Lebensnotwendiges. Wir sehen die Videos, wie Kinder in Bunkern Musik spielen oder der Opernchor vor Odessa steht und den Gefangenenchor aus Nabucco singt. Sie suchen nach Musik, weil sie Kraft gibt.
Demidov: Und Kunst ist auch ein Weg, die Gedanken zu befreien.
Wie kann da das Staatstheater Augsburg am besten helfen?
Rechert: Erst vor Kurzem war Theatertag, da hat ein Streichquartett Beethovens Fünfte Sinfonie für Kinder gespielt. Es waren auch ukrainische Familien mit Kindern eingeladen, um zumindest für einen Moment den Krieg zu vergessen. Unsere Theaterpädagogin hat mich gefragt, ob ich nicht übersetzen könnte und so haben wir mit Tanz und Bewegung gemeinsam eine Stunde verbracht. Ich hoffe, es werden jetzt öfters solche Projekte stattfinden, vielleicht auch Familienkonzerte, mit Übersetzung.
Was macht Ihnen Hoffnung in diesen schrecklichen Tagen?
Rechert: Mir macht es Hoffnung, wenn ich sehe, wie einig das Volk in der Ukraine ist. Ich habe das nie so stark gespürt wie jetzt. Mir macht auch Hoffnung, dass ich sehr viel Menschlichkeit in meinem Freundeskreis in Augsburg erlebe. Was Hoffnung aber zerstört, ist die Grausamkeit. Als ob es in der Geschichte nicht schon genug vergleichbare Katastrophen gegeben hat.
Demidov: Die Menschen haben aus der Geschichte nichts gelernt.
Haben Sie Zuversicht, Herr Demidov?
Demidov: Ich muss gestehen, ich habe weniger Hoffnung. Ich bin wirklich beeindruckt von den Ukrainern, wie einig sie sind. Aber wenn ich beobachte, wie rasant dieser neue Eiserne Vorhang in Russland fällt, gibt mir das sehr, sehr wenig Zuversicht. Und niemand weiß, was sich in Putins Kopf abspielt.
Valery Gergiev musste seinen Posten in München räumen, Anna Netrebko steht in der Kritik. Wie stark müssen Künstler Abstand von Putin nehmen?
Demidov: Niemand kann einen dazu zwingen, seine Position zu äußern. Ich glaube, man darf auch schweigen, wenn man keine Meinung hat oder darüber gar nicht reden möchte. Es ist eine persönliche und harte Entscheidung. Jeder Künstler hat seine eigene Geschichte, wir wissen oft nicht, welche Beziehungen dieser Mensch zu Russland hat, zur Ukraine.
Rechert: Es ist ein kontroverses Thema. Vor allem wenn man sich schon in der Vergangenheit positioniert hat und an der Spitze einer Weltkarriere steht. Viele Künstler sind politisch aktiv, zum Beispiel die georgische Geigerin Lisa Batiashvili, die seit Jahren nicht mehr mit Gergiev spielt. Mir persönlich imponiert das. Meiner Meinung nach kann die Kunst gerade jetzt nicht apolitisch bleiben. Ein russisches Sprichwort sagt: Man kann nicht auf zwei Stühlen gleichzeitig sitzen.
Zu den Personen:
Anastasia Rechert kam 1986 in Odessa, Ukraine, zur Welt. Sie wuchs in einer Musikerfamilie auf und erhielt ab vier Jahren Geigenunterricht. 2001 setzte sie ihre musikalische Ausbildung in Deutschland fort und studierte unter anderem an der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg. Rechert spielte schon bei den Münchner Symphonikern, seit 2015 ist sie festes Mitglied der 2. Violinen bei den Augsburger Philharmonikern.
Ivan Demidov wurde 1990 geboren und wuchs bei Nischni Nowgorod, Russland, auf. Nach dem Dirigierstudium am Konservatorium in St. Petersburg dirigierte er an der Kammeroper der Stadt Werke wie Tschaikowskys „Eugen Onegin“. 2017 stand er im Finale beim Internationalen Dirigentenwettbewerb in Besancon. Ab 2017 war er 2. Kapellmeister am Staatstheater Augsburg, heute ist er der stellvertretende Generalmusikdirektor.
Anastasia Rechert macht auf eine Spendenaktion aufmerksam: Die Stiftung Bundesjugendorchester sammelt Spenden für Musikerinnen und Musiker des Youth Symphony Orchestra of Ukraine. Infos dazu gibt es im Internet unter www.stiftung-bundesjugendorchester.de.