Nichts ist gewöhnlich an dem Kleid, das Kostümgestalterin Rebecca Bender der Tänzerin Elsa Cordt auf den Leib schneiderte. Mit der benötigten Stoffmenge hätten Jeanne-Claude und Christo noch einmal den Reichstag verhüllen können, für die Ärmel sind Aluminiumstäbe von Nöten und die ständige Bewegung des Körpers bei der Anprobe war nicht etwa störend, sondern essentiell. Im Licht der Scheinwerfer gleicht Cordt in dem Kleid einer Skulptur, der für ein paar Minuten Leben eingehaucht wird, die sich reckt und dreht und trotzdem nicht vom Fleck kommt, bevor sie zu versiegenden Streichern wieder zu Marmor erstarrt.
Rebecca Bender widmet ihr Stück „From where we stand“ Loïe Fuller
Im weißen Licht wirkt der Tanz verwunschen, fast geisterhaft, kommen Farben ins Spiel, kann man in der Bewegtskulptur alles erkennen, von einer explodierenden Lotusblüte bis zu einem verrückt spielenden Regenbogen. Rebecca Bender hat ihr Stück „From where we stand“ als Hommage an eine Pionierin des freien Tanzes, Loïe Fuller, und deren berühmten Serpentinentanz konzipiert. Fuller arbeitete als eine der ersten mit elektrischem Licht und darüber hinaus „befreite sie den weiblichen Körper und dessen Bewegungen“, erklärt Bender. „Das Kostüm gehört modegeschichtlich in die Reformbewegung, in der nach vielen Jahrhunderten der Frauenkörper vom Korsett befreit wurde.“
Hinter dieser Hommage versteckten sich jedoch einige Herausforderungen. „Aus Angst davor, kopiert zu werden, gibt es keine Schnittmuster. Die einzige Orientierung, die ich hatte, war eine technische Patentzeichnung. Dazu stellte sich bei den Anproben heraus, dass nicht das Gewicht des Kostüms das Problem ist, sondern der Luftwiderstand. Das ist wahnsinnig anstrengend für die Tänzerin“ – da sie mit ihren durch Aluminiumstangen verlängerten Armen Massen von Stoff durch die Luft bewegen muss.
An der Staatsoper in München absolvierte Bender ihre Schneiderlehre
Siebenundzwanzig Meter Seide hat die gebürtige Augsburgerin, die während einer Schneiderlehre in München an der Staatsoper gearbeitet hat und dann in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste Kostümgestaltung studierte, in dem Kleid verarbeitet. An der Elbe kam sie auch das erste Mal mit der freien Tanzszene in Berührung, denn in Dresden ist die Kunstform nicht zuletzt durch die Palucca-Hochschule für Tanz oder das Festspielhaus Hellerau, dem europäischen Zentrum für Tanz, etabliert und sichtbar.
Schon während des Studiums war Bender klar, dass sie nicht am Theater arbeiten möchte, „denn ich habe gemerkt, dass meine Vorstellung, wie ich arbeiten möchte, weit von der dortigen Realität entfernt ist“, sagt sie. „Aber ich möchte, wenn ich in meine Heimatstadt zurückkomme, in der Kulturszene etwas machen.“ Da lag es nahe, sich mit der Inhaberin der Ballettakademie Assemblé, Johanna Drüszler, zusammenzutun, die laut Profitänzerin Christiane Kuck ein großer Glücksfall für die hiesige freie Szene ist, weil sie „uns für das wöchentliche Profitraining den Raum bietet und uns wohlwollend bei allem unterstützt“. Auf der Karte der freien Tanzszene war Augsburg lange ein weißer Fleck, doch nun „entwickelt sich etwas, wir sind sichtbarer, und durch die Vernetzung mit den freien Szenen anderer Städte wie München werden wir langsam bekannter“.
Tanz im Kulturhaus Abraxas: „From where we stand“ und „Where we meet“
Drüszler bestätigt, dass es sich auszahlt, „kontinuierlich dranzubleiben und einfach zu machen“. Sie sagt: „Das regelmäßige Treffen macht die Gruppe stabiler und enger, darum geht es ja auch in dem Stück ‚Where we meet‘“. Jenes wurde von Kuck zusammen mit Veronika Drescher und Wolfrun Schuhmacher unter dem Namen ContempoGary entwickelt und verarbeitet individuelle Belastung im gleichen Maße wie den allgemein vorherrschenden, von der Weltlage verursachten Stress. Es ist eine intensive Tanzperformance über das Sehnen nach Beruhigung und Berührung, über den Wunsch, nicht mehr können zu dürfen und nicht mehr müssen zu müssen. Am Ende legen die Tänzerinnen die Jacken ihrer Businesskostüme ab und befreien sich damit zumindest für den Moment von der täglichen Tretmühle.
Unter dem Namen „Pharos“ werden nun „From where we stand“ und „Where we meet“, das im vergangenen Herbst im City Club Premiere feierte, im Kulturhaus Abraxas zusammen aufgeführt. „Pharos“ bezeichnete in der griechischen Antike zuerst große Tücher, später dann eine bestimmte Art des Mantels. Bekleidung ist nie neutral, sie kann in gleichem Maße einsperren und befreien. Das hat Loïe Fuller mit ihren Entwürfen bewiesen. Bei ContempoGarys Performance ist das Kleidungsstück ein Joch. Bei Rebecca Benders Tanz wird sie zur Leinwand.
Info: „Pharos“. 29. und 30. Mai, 20 Uhr, Kulturhaus Abraxas. Tickets unter www.kulturhaus-abraxas.de.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren