Ein Bach fließt bergauf, Schäfchenwolken ziehen am unteren Bildrand vorbei. Links wartet eine geschwungene Reisfeldterrasse auf Bestellung, rechts liegt ein italienisches Hafenstädtchen zu Füßen. Ein Berg aus Untersicht stößt auf einen Berg aus der Vogelperspektive. Landstraßen winden sich und werfen sich auf zu steilen Bahnen wie in einer Radsportarena. Eine Treppe moderner Architektur schwebt im Raum. Keine Frage: Die Mallandschaften der 1977 in Südkorea geborenen Künstlerin SEO sind Kompilationen voller Multiperspektive. Collagenhaft verschränken und durchdringen sich unterschiedliche geologische Formationen in unterschiedlichen Größenverhältnissen. So viel zur Motivik.
Bonbonbunten Acrylfarben prägen die aktuelle Ausstellung der Galerie Noah
Die Berge, Fingerkuppen ähnlich und asiatisch inspiriert, erheben sich stilisiert bis abstrahiert. Die Bäume, vielfarbig blühend, tragen pointillistische Malstruktur. Auch naive Malerei oder scheinbar naive Malerei findet in dieser Bilderwelt einen Platz. Und das Naturalistische bei Schwänen und Gänsen im Federkleid. So viel zur Stilistik. Keine Frage: Zur Motiv-Kompilation tritt eine Multi-Mal-Fasson.
Was jedoch als Erstes ins Auge springt, dies sind die bunten bis bonbonbunten Acrylfarben von SEO in dieser neuen Ausstellung der Galerie Noah im Glaspalast. Baumkronen sind grün, klar, sie können aber auch rot glühen, blau oder violett leuchten oder per strengem Schnitt zweifarbig. Hier eine blaue Pyramide, da ein roter Fels, dort ein bunter Wald wie aus farbigem Glas. So viel zum Kolorit. Keine Frage: Zu Motiv-Kompilation und Multi-Mal-Fasson tritt noch überbordende Couleur.
„Fröhliche neue Welt“, rufen die Werke der Südkoreanerin Seo
Die Welt der SEO also ist dicht und voll und postmodern und bunt. Als den mitteleuropäischen Westen gegen den fernen Osten eintauschende Berliner Künstlerin baut sie aus erlebten Räumen, Erinnerungen und Visionen neue in sich verschachtelte Räume. Sie sagt: „Es gibt keine authentischen Räume mehr.“ Überall auf der Welt finde man Landschafts-, Gesellschafts-, Kultur- und Architektur-Mixturen. Und sie handelt nach einer koreanischen Maxime, die der Noah-Galeristin Wilma Sedelmeier im Vorfeld der Schau so erläuterte: In Korea müsse „alles immer schön sein, alles Negative von Schönheit überdeckt werden.“
Und so wird die Welt der SEO mithilfe von Falschfarben nicht nur bonbonhaft, sondern auch erstaunlich dekorativ. „Fröhliche neue Welt“, ruft sie den Betrachtenden zu – wobei sich Parallelen durchaus zu David Hockney und zum verstorbenen italienischen Künstler Salvo auftun. Ins Grübeln über die Welt und ihren derzeitigen Zustand kommt in allen drei Fällen mit ihren Pigment-Harmonien faktisch wohl niemand.
Seo studierte von 2001 bis 2004 als Meisterschülerin bei Georg Baselitz
Einer, der sich genau mit dieser verschwenderischen bis inflationären Farbigkeit befasste, war übrigens der jüngst verstorbene Georg Baselitz, bei dem SEO von 2001 bis 2004, zuletzt als Meisterschülerin, studierte. Das wirft zumindest Fragen in zweierlei Hinsicht auf. Konnte das gut gehen: eine Studentin bei dem gegenüber malenden Frauen voller monströser Vorbehalte steckenden Baselitz? Und: Welche Einstellung hatte der Meister gegenüber den Kraftfarben SEOs, einst von ihr auch auf Reispapier-Arbeiten genutzt?
Die erste Frage beantwortet SEO mit den Worten: Baselitz sei nicht so gewesen, wie er im berüchtigten Spiegel-Interview mit seinen Vorbehalten gegenüber malenden Frauen klang. Er habe mehrere Studentinnen gehabt und jede in ihrer Position unterstützt. Bei ihr, SEO, habe er immer wieder gefordert, sie dürfe ihre Herkunft Korea nicht vergessen. Und ihr Tusche für Schwarzweiß-Malerei in die Hand gedrückt, nicht Farbe. Das führte zu Debatten.
„Du malst schon wieder bunte Bilder!“, sagte Baselitz zu Seo
Baselitz war ein lauter Mensch, SEO erklärt von sich dasselbe. So kam es auch zu Streit – „oft“, wie SEO bekennt. Dennoch habe sie viel von Baselitz gelernt – nach ihrem vierjährigen koreanischen Studium in ihrer Geburtsstadt Gwangju, wo sie heute von der Familie mit den Worten empfangen werde: „Du bist gar keine Koreanerin mehr.“ Gab es nach der Baselitz-Meisterklasse noch einmal Kontakt zu ihm? Ja, den gab es, telefonisch. Es war um 2015, als SEO mit der Farbpigment-Malerei begann, sich europäische Tradition aneignend. Was aber sagte Baselitz am Telefon? SEO erinnert sich an seine Worte „Du malst schon wieder bunte Bilder!“ Klingt nicht nach Begeisterung seinerzeit. Sie aber setzte ihr Ding fort.
Info: „Seo – der endlose Horizont“ in der Galerie Noah in Augsburg. Ausstellungsdauer bis 19. Juli. Informationen unter www.galerienoah.com.
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